Nico Rosberg sauer: Lewis sagt nicht die ganze Wahrheit

, 26.07.2016

Die Doppel-Gelb-Affäre sorgt teamintern bei Mercedes und auch unter den Formel-1-Fahrern für Diskussionen und Meinungsverschiedenheiten

Nico Rosberg ist sauer auf seinen Teamkollegen Lewis Hamilton, weil der am Sonntag nach dem Rennen auf dem Hungaroring in der offiziellen FIA-Pressekonferenz seiner Meinung nach nicht die ganze Wahrheit erzählt hat. Nach einer Frage unseres Vor-Ort-Reporters Dieter Rencken kritisierte Hamilton zunächst, dass die Doppel-Gelb-Regel zu schwammig sei, woraufhin Rosberg dazwischen grätschte und seine Sicht der Dinge erklärte.

Hamilton kann offensichtlich nicht verstehen, dass Rosberg unter Doppel-Gelb im zweiten Sektor absolute Bestzeit des gesamten Wochenendes fahren und ihm die Pole-Position noch wegnehmen konnte, ohne dafür bestraft zu werden. Also griff er am Samstagnachmittag zum Telefon und erkundigte sich bei FIA-Rennleiter Charlie Whiting danach, was denn nun unter Doppel-Gelb erlaubt ist und was nicht; schließlich hatte die FIA bis dahin noch nicht einmal eine Untersuchung eingeleitet.

"Vor der Kurve vom Gas zu gehen, am gleichen Punkt zu bremsen, durch den Scheitelpunkt gleich schnell zu sein und fünf Meter früher aufs Gas zu steigen, um am Ausgang sogar schneller zu sein, das fällt für mich nicht unter zum Anhalten bereit sein", kritisiert Hamilton. Und die Regel besagt: Bei Gelb Geschwindigkeit "reduzieren" (doppelt Gelb: "signifikant reduzieren") sowie "zur Richtungsänderung" (doppelt Gelb: "zum Anhalten") bereit sein.

Rosberg: "20 km/h weniger sind eine Welt"

Die Fakten sind laut Telemetriedaten: Rosberg ging vor der fraglichen Kurve, in der sich Fernando Alonso kurz zuvor gedreht hatte (aber inzwischen schon wieder weg war), 30 Meter früher als sonst vom Gas. Seine Geschwindigkeit war um rund 20 km/h reduziert. "20 km/h weniger sind in einem Formel-1-Auto eine Welt. Mit 20 km/h weniger fährst du richtig langsam. Da ist alles sicher", verteidigt sich der Deutsche.

Dass Hamilton das anders dargestellt hat, ärgert ihn: "Ich fand's schlecht, dass er nicht das ganze Bild gegeben hat. So, wie er es dargestellt hat, sah's sehr schlecht aus, so, als ob ich nicht richtig agiert hätte. Er hat nur gesagt, dass ich Mitte der Kurve genauso schnell war wie er auf seiner schnellsten Runde, hat aber vergessen zu sagen, dass ich in die Kurve rein richtig viel langsamer war, gelupft habe und ganz langsam gefahren bin, um absolut sicherzustellen, dass ich sicher in diese Kurve reingehe."

Am Kurvenausgang keine Gefahr mehr

"Er verschweigt, dass ich am Kurveneingang 20 km/h langsamer war und 30 Meter früher als normal vom Gas gegangen bin", erklärt Rosberg. "Genau dort ist das Risiko, die Kontrolle zu verlieren, am höchsten - dort musst du auf Nummer sicher fahren. Wenn du einmal in der Mitte der Kurve bist und siehst, dass am Ausgang nichts ist, kannst du wieder aufs Gas gehen. Dass er das verschwiegen hat, den wichtigsten Aspekt des Ganzen, fand ich nicht toll."

Nicht toll dürfte er auch gefunden haben, dass Hamilton das Thema bei Whiting nach dem Qualifying nochmal angesprochen hat. Die FIA hatte bis dahin keine offizielle Untersuchung eingeleitet, tat dies aber um 19:16 Uhr - also dreieinhalb Stunden nachdem sich der Zwischenfall ereignet hatte. Nur Zufall? "Ich glaube nicht, dass ich die Untersuchung der Kommissare beeinflusst habe", weicht Hamilton aus, gibt aber zu: "Ich habe mit Charlie bezüglich einer Klarstellung gesprochen."

"Es geht mir nicht um die Strafe für Nico, sondern rein um das Sicherheitsthema. Das muss präzisiert werden", sagt Hamilton und kündigt an, dass das Thema am Freitag beim Fahrerbriefing in Hockenheim besprochen werden muss: "Ich werde es sicher zur Sprache bringen." Redebedarf könnte es aber auch innerhalb des Mercedes-Teams geben, denn nicht alle sind darüber happy, was am Samstagnachmittag passiert ist.

Interne Verstimmungen bei Mercedes

Dass Hamilton bei einem Thema, das einem Mercedes-Fahrer die Pole-Position kosten kann, die FIA anruft und um eine Regelklarstellung bittet, was indirekt durchaus zur Untersuchung geführt haben könnte, könnte dem Teammanagement sauer aufstoßen. Angeblich soll sogar die allerhöchste Ebene darüber diskutiert haben, ob man Hamilton dieses Verhalten einfach so durchgehen lassen will. Dabei rausgekommen ist - zumindest nach außen - nichts.

Für Toto Wolff steht in der Sache fest: "Die Regeln sind sehr klar. Nico hat sie hundertprozentig eingehalten. Er ist unter Gelb deutlich vom Gas gegangen. Das ist ausreichend. Punkt", hält der Mercedes-Sportchef fest. "Es ist gut, dass Lewis das hinterfragt, denn es gibt zu viele Regeln in der Formel 1. Vielleicht sollten wir versuchen, die Regeln zu vereinfachen und weniger Regeln zu haben. Für mich ist das, was am Samstag passiert ist, kein Problem."

Für andere, zum Beispiel den viermaligen Weltmeister Sebastian Vettel, schon: "Nächste Woche wird hier ein Go-Kart-Rennen stattfinden. Und es wird sicher doppelt Gelb geben, weil jemand abfliegt und Streckenposten rausgehen, um demjenigen zu helfen", sagt er. "Dann denken die jungen Fahrer vielleicht: 'Ich muss eh nicht groß lupfen, weil es in der Formel 1 ja auch okay ist. Das ist unser Vorbild, so machen wir es auch.' Und das gefällt mir nicht."

Vettel fordert härteres Durchgreifen

Die Rosberg-Verteidigung ist in seinen Augen nicht nachvollziehbar: "Im Regelbuch steht, Doppel-Gelb heißt 'zum Anhalten bereit' sein. Wenn du zwei oder vier km/h verlangsamst oder ein bisschen früher bremst und eineinhalb Zehntel verlierst, glaube ich nicht, dass du zum Anhalten bereit bist." Und Vettel stört sich auch daran, dass die FIA die Gelbe-Flaggen-Regel mit einigen Änderungen in den vergangenen Jahren verwässert hat.

Früher war der Interpretationsspielraum gering. Die Formel-1-Strecken sind in drei Sektoren unterteilt. War in einem dieser drei Sektoren Gelb und fuhr ein Fahrer trotzdem persönliche Bestzeit oder unangemessen schnell, gab es unweigerlich eine Strafe. Aber die FIA unterteilt die Strecken für interne Messungen nicht nur in die drei bekannten, sondern in weit mehr Minisektoren. Und seit einiger Zeit reicht es, bei Gelb im betroffenen Minisektor langsamer zu sein.

Minisektoren sorgen für mehr Verwirrung

Das hat Vor- und Nachteile. Früher war die Gelb-Regel klarer in der Handhabung, heute ist sie für Fahrer, die gerade auf einer schnellen Runde sind, gerechter. Vettel: "Wir versuchen, es so fair wie möglich zu machen und den Fahrern die Chance zu geben, die Runde zu Ende zu fahren, selbst bei Gelb. Aber meiner Meinung nach ist es schlechter geworden. Wir haben viele unnötige Diskussionen. In der Vergangenheit war es klar: 'Verbessere dich nicht unter Gelb!' Jetzt geht das."

Auch Daniel Ricciardo steht in der Gelb-Diskussion auf Hamiltons Seite: "Bei einfach Gelb kommen die Leute inzwischen mit einem Mikrolupfer davon, weil sie den Kommissaren zeigen können, dass sie abgebremst haben, obwohl das nicht wirklich der Fall ist. Aber doppelt Gelb ist schon signifikant", sagt der Red-Bull-Fahrer. "Ich finde, doppelt Gelb muss viel strenger sein als einfach Gelb, und damit sind wir Fahrer momentan nicht zufrieden."

"Wir haben am Samstag kein gutes Vorbild abgegeben", wird Vettel sogar noch deutlicher. Aber Rosberg lässt sich von diesen Argumenten nicht umstimmen: "Ich finde, es ist okay so, wie es ist", sagt er über die Doppel-Gelb-Regel. "Wenn die FIA findet, dass signifikant langsamer machen nicht genügend ist für eine Situation, dann wissen die, dass sie die nächste Stufe nehmen können. Und das ist das virtuelle Safety-Car."

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