WM-Analyse zur Halbzeit: Hamilton und das Superhelden-Ego

, 25.07.2016

Für Hamilton war Monaco der heimliche Wendepunkt - Antriebsstrafen sind ein Damoklesschwert - Rosberg ist nicht überrascht, er beschwört seine Motivation

Hat sich der längst nur noch zwischen den Mercedes-Teamkollegen ausgetragene Kampf um den WM-Titel endgültig zugunsten Lewis Hamiltons gedreht? Nachdem der Champion beim Ungarn-Grand-Prix in Budapest am Sonntag seinen dritten Sieg in Serie feierte - es war auch der fünfte in den jüngsten sechs Rennen -, hat er in der Gesamtwertung mit einem Punkt Vorsprung das Zepter übernommen. "Mir geht's aber wie vorher. Ich fühle mich noch immer als Jäger", sagt Hamilton.

Klar, dass die Aufholjagd nachwirkt. Nach fünf WM-Läufen lag er mit 48 Zählern zurück und hatte wegen einer Defektserie weite Teile des Antriebskontingents aufgebraucht. Für das Ansteigen seiner Formkurve macht Hamilton aber nicht ein Plus an Fortune verantwortlich, sondern seine mentale Verfassung. "Nach Spanien war der Wendepunkt, obwohl es sich damals nicht so angefühlt hat. Ich habe kühlen Kopf bewahrt, obwohl die Dinge mir nicht in die Hände spielten", erklärt er. Zuvor habe er sich erfolgreich darauf besonnen, den "Schaden in Grenzen zu halten", wie Hamilton sagt.

Rosberg, dessen Siegesserie von vier Rennen zu Beginn längst vergessen ist, überrascht es nicht, dass sein Erzrivale wieder Rennen gewinnt. "Ich habe erwartet, dass er zurückkommt - nicht, dass ich ewig mit 48 Punkten führe. Es sind Kleinigkeiten, die die Wende herbeiführen können." Wende? Stopp. Der Deutsche ist nicht der Ansicht, dass Hamilton nun Favorit sei. "Klar, ich bin lieber vorne", sagt er, glaubt jedoch daran, selbst zurückschlagen zu können: "Ich bin super motiviert."

Sinnbild Startkurve: Rosberg risikiert keinen Crash mehr

Das sogenannte Momentum, die Gunst der Stunde, spricht jedoch für Hamilton. Er hat an seinen Starts gearbeitet und ist im Qualifying der Schnellere. Er hat zurück zu seinem gelassenen, fast aufreizend lockerem Auftreten gefunden, welches sich um ihn schmiegt wie eine Teflonschicht. Skandale und Skandälchen, Sticheleien mit Rosberg und die Nachteile, die ein Jetsetleben mit sich bringt, scheinen wieder an ihm abzuprallen wie Bälle an einer Squashwand. Und Nico Rosberg?

Der zweimalige - manche munkeln "ewige" - Vizechampion verstrickt sich in nervenaufwendige Petitessen um die Kollision von Spielberg, den Funkverkehr und die gelbe Flaggen. In Budapest wurde eine Auswirkung dessen deutlich: In der Startkurve, in der er in der Vergangenheit so häufig von Hamilton abgekocht worden war, zog er mal wieder den Kürzeren. Eine Kollision wollte er nach Österreich nicht mehr riskieren. Aber als er das in der Vergangenheit tat - war er am stärksten.

Hamilton weiß: Antriebsstrafen werden kommen

Etwas zähneknirschend räumt Rosberg als Umkehrung eines mit breiter Brust gebetsmühlenartig vorgetragenen Satzes ein: "Jetzt kann man sagen, dass Lewis den besten Job der Saison gemacht hat." Toto Wolff glaubt nicht, dass Rosberg ausgezählt wäre und vermutet, dass die Formkurve bald wieder nach oben zeigen würde und Hamilton die großen Pokale abgeben muss. "Da gibt es kein Muster", so der Sportchef. Wir haben sehr offen miteinander gesprochen, nachdem wir vier Jahre miteinander arbeiten. Manchmal schlägt das Pendel zu einem aus, dann zum anderen."

Hoffnung für Rosberg: Hamilton steht das Wasser in Sachen Antrieb weiter bis zum Hals. In seinem Auto ist der fünfte Turbolader verbaut. Setzt er den sechsten ein, geht es in der Startaufstellung um zehn Plätze zurück. Genauso brenzlich ist die Lage, wenn es um die MGU-H geht, womit weitere fünf Ränge plus drohen. Und das nicht nur einmal, wenn noch zehn Rennen im WM-Kalender stehen. Die Drohkulisse schiebt Hamilton aber lieber von sich weg: "Mit nur so wenigen Komponenten in der Hinterhand das Comeback zu schaffen, war großartig", betont er

Dennoch steckt die Sache im Hinterkopf, sogar im Rennen von Budapest, als er zwischenzeitlich von der Box dazu aufgefordert wurde, endlich schneller zu fahren. "Deshalb habe ich den Motor so gut es ging runtergredreht, um damit in Spa vielleicht ein paar Runden mehr zu fahren", meint Hamilton. Es wird darum gehen, die Strafen gut zu timen - und sie auf Strecken zu kassieren, auf denen er bei einem Start aus dem Mittelfeld Boden gutmachen kann. Mercedes will sich schon nach Hockenheim entscheiden, wann getauscht wird. Dass es passiert, ist klar. Die Laufleistung drückt.

Doch Hamilton wäre nicht Hamilton, würde er in der Stunde des Erfolges nicht noch eine Ansage raushauen. "Das war kein starkes Wochenende! Silverstone war es, aber hier waren nur Q3 und der Sonntag wirklich gut", tönt er. Also reichen Durchschnittsleistungen aus, um Rosberg zu schlagen? Toto Wolff winkt ab: "Das Auto ist in der Lage, Rennen zu gewinnen und fährt locker auf das Podium - da geht es darum, Fehler zu vermeiden. Ich denke, die WM wird erst im letzten Rennen entschieden. Da spielt es keine Rolle, wer zur Halbzeit führt." Außer, es handelt sich um Lewis Hamilton.

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