Arden AJ: Im Jaguar auf Beutezug

, 25.01.2008


Sie meinen, Modelle von Jaguar sind eher Schmuse- als Raubkatzen? Ein (Vor-)Urteil, mit dem der Arden AJ 20 auf XKR-Basis gründlich aufräumt.

Ein erster Blick, und schon ist klar: Diese Katze will nicht mit Wollknäueln spielen, und Mäuse ringen ihr nur ein müdes Lächeln ab. Nein, der Arden AJ 20 will sich mit den Stärksten, Schnellsten und Lautesten messen! Diesem nach allen Regeln der Kunst nachgewürzten XKR reicht es nicht, am Sonntagnachmittag von behutsam am Volant drehenden Hutträgern im Cruising-Tempo über die Landstraße gesteuert zu werden. Die Wildkatze hat Witterung aufgenommen und geht auf Beutezug nach Porsche, Ferrari, Lamborghini und Co. Klar, dass Motorvision dem Auftrag nicht widerstehen konnte, das Raubtier zu bändigen.

Auch bei der weiteren Annäherung in der Tiefgarage ist Vorsicht geboten. Einerseits suggerieren die zusammengekniffenen Xenon-Augen gelangweiltes Desinteresse nach dem Motto ,,Was hast Du in meinem Körbchen zu suchen?! Lass´ mich weiterschlafen!" Doch die bereits ausgefahrenen Krallen sprechen eine andere Sprache. Eine Frontschürze mit großen Lufteinlässen sowie Edelstahl-Gittereinsätze verwandeln das Perserkatzen-Antlitz des Originals in das eines hungrigen Jaguars. Neue Seitenschweller und Kiemen mit Arden-Schriftzug setzen eigene Akzente am gänzlich schwarzen Fell. Hinzu kommen ein dezenter Heckspoiler und eine -schürze mit angedeuteten Auslassöffnungen. Zudem verpasst Arden dem XKR neue Samtpfoten: 21-Zöller müssen es schon sein, um Raubtier-Outfit zu komplettieren.

Typischer Jaguar-Luxus im Innenraum

Hat man das Vertrauen des AJ 20 gewonnen, kann man sich in den Innenraum wagen. Auf Wunsch korrespondiert das Interieur dank Carbon-Applikationen oder Alcantara-Polstern mit dem Racing-Look des Karosseriekleides. Das uns zur Verfügung gestellte Exemplar vertraut jedoch auf das von Jaguar angebotene ,,Luxus Sport Paket" und wurde von Arden nur mit einem Aluminium-Pedalsatz plus Fußstütze ergänzt. Dick gepolsterte Sitze, zahlreiche Edelholz-Accessoires und helles Leder sowie die perfekte Verarbeitung stehen eher für Luxus statt Rennsport. Doch da ist ja dieser rote Startknopf in der Mittelkonsole, der das Tier zum Leben erweckt.

Ein Druck auf diese unscheinbare Taste, und der Arden quittiert die Ruhestörung mit einem dumpfen Grollen. Auf den ersten Metern der Safari - die Drehzahlmessernadel bewegt sich zwischen der 1.000- und 2.000-Touren-Marke - schnurrt das Kätzchen noch, als könnte es kein Wässerchen trüben. Und verhält sich auch so: Vollkommen unkompliziert im Umgang, taugt der AJ 20 problemlos zum Flanieren über Münchens Prachtboulevards. Auch der Komfort stimmt: Trotz des Komplett-Sportfahrwerks mit neuen Federn und Dämpfern und der extremen Reifendimensionen (255/30 vorne und 295/25 hinten) rollt der Arden geschmeidig ab und dämpft die meisten Unebenheiten souverän weg. Setzen sich doch einmal ein Schlagloch oder eine Querfuge durch, hindern sie die exzellenten Sitze am weiteren Vordringen in Richtung Bandscheiben.

Erbarmungsloser Motor, sanftes Getriebe

Jetzt haben sich Fahrer und Raubkatze angefreundet, das Tier will nun gebändigt werden. Die Theorie klingt verheißungsvoll: Eine neue Kurbelwelle, Kolben und Pleuel heben den Hubraum auf 4,5 Liter an. Auch Schmierung und Kühlung, die Ein- und Auslasssysteme sowie das Motormanagement zeigen sich optimiert, was sich am Ende in einem Leistungswert von 480 PS - 64 mehr als im Serien-XKR - ausdrückt. Und die Praxis? Ein beherzter Tritt aufs Gaspedal, das Getriebe schaltet zwei Gänge zurück, und es drückt die Insassen mit Vehemenz in die Sitze. Erbarmungslos fallen 640 Newtonmeter (ein Plus von 80 Nm im Vergleich zur Serie) über die Hinterräder her. Kein Zweifel: Der mit 33.915 Euro nicht eben billige Feinschliff am aufgeladenen 4,2-Liter-V8 des XKR hat sich bezahlt gemacht, jedes PS ist spür- und erlebbar. Furchtlos dreht der Achtzylinder Richtung roten Bereich, der bei 6.500 Umdrehungen beginnt. Längst befindet sich der Automatik-Wählhebel im Sportmodus. Ein kurzer Zug am rechten Lenkrad-Schaltpaddel - das Getriebe arbeitet nun im manuellen Modus und schaltet in 600 Millisekunden einen Gang hoch. Das passiert genauso unmerklich wie in der Automatikstellung. Ein großes Kompliment an die Getriebeingenieure des deutschen Zulieferers ZF, die den Boliden beim Herunterschalten auch noch automatisch Zwischengas geben lassen. Das dient zwar nur Showzwecken, doch der ein oder andere zart besaitete Zeitgenosse soll sich dabei schon heftig erschrocken haben...

Dreht man den sechsten Gang aus, sollen 295 km/h drin sein. Klingt realistisch, auch wenn sich während des Tests keine Gelegenheit ergeben hat, dies auszuprobieren. Welche Freuden der AJ 20 auch bei langsameren Geschwindigkeiten empfindet, drückt er allein schon durch sein lustvolles Brüllen aus. Oberhalb von 2.000 Umdrehungen lässt die mit Sportkatalysatoren und neuen Endschalldämpfern ausgerüstete Auspuffanlage sämtliche Hemmungen fallen - die Wildkatze faucht die Zurückgelassenen förmlich an! Schnell ist man von der Soundkulisse gepackt, möchte die Kurbelwelle nur noch nahe der Höchstdrehzahl rotieren lassen. Doch die Info über den Durchschnittsverbrauch mahnt zur Gelassenheit. Je nach Bleigehalt des Gasfußes ist oberhalb von zwölf Litern jeder Wert drin - während des Tests hat sich der Durchschnittsverbrauch bei gut 18 Litern eingependelt. Da leidet nicht nur der Geldbeutel, sondern auch die Reichweite - der Tank fasst nur 60 Liter.

Gutmütig ans Limit

Bei sportlicher Kurvenhatz präsentieren sich DSC und Traktionskontrolle feinfühlig abgestimmt und lassen ein leicht mitlenkendes Heck zu. Das verhilft dem AJ 20 in Verbindung mit dem Arden-Komplettfahrwerk zu einer Agilität, die man einem rund 1,8 Tonnen schweren Jaguar so nicht zutraut. Sind die Reifen auf Temperatur, lenkt der Arden zackig ein, zieht spurtreu seine Bahnen und erlaubt, sich mittels Gaspedal gefahrlos näher an die fahrdynamischen Grenzen zu tasten. Auch die Bremspunkte können am Limit gewählt werden; die von Arden installierten Sechs- (vorne) bzw. Vierkolben-Bremssättel krallen sich mit Nachdruck in die entsprechenden XXL-Scheiben, lassen sich aber bestens dosieren.

Doch irgendwann sind das Raubtier und sein Dompteur müde, die Dressur hat Sprit und vor allem Kraft gekostet. Nach dem Auslaufen legt sich das Raubtier erschöpft, aber glücklich in sein Körbchen bzw. stellt sich auf seinen Stellplatz in der Tiefgarage. Die Auspuffrohre qualmen noch ein wenig nach, Reifen und Motor berichten von einem stressigen Tag, indem sie etwas Wärme an die Umgebung abgeben. Mit zweimaligem Aufblinken verabschiedet er sich vom Fahrer - und fordert gleichzeitig dazu auf, das Erlebte möglichst bald zu wiederholen. ,,Von mir aus gern!", schießt es durch den Kopf, wenn der Züchter für seine Raubkatze nicht einen Gesamtpreis von satten 145.650 Euro aufrufen und die Katze nicht diese Mengen an feinstem Super Plus-Futter vertilgen würde!

Technische Daten (Werksangaben):

Leistung: 352 kW (480 PS)
Max. Drehmoment: 640 Nm
Höchstgeschwindigkeit: 295 km/h (abgeregelt)
Beschleunigung 0 - 100 km/h: 4,8 s
Testwagenpreis: 145.650 Euro

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