Opel Astra OPC Test: Was ist nur aus Opel geworden?

, 19.04.2013


Vorab muss ich ein Geständnis ablegen: Ich bin mit einem VW-verrückten größeren Bruder aufgewachsen, mein erstes Auto war ein VW Golf 1 und ich bin deshalb selbst einige Jahre als VW-Jünger unterwegs gewesen. Das damals praktizierte „Feindbild“ war also ganz klar Opel. Dass sich dies mit zunehmendem Alter über die Jahre hinweg relativierte, ist sicherlich auch den großen Sprüngen geschuldet, die Opel technisch, optisch und auch in Bezug auf die Qualität in den letzten Jahren an den Tage legte. Aber als der Opel Astra OPC in diesem extrem stimmigen „Mineralweiß“, was mehr silber als weiß wirkt, zum Test auf dem Hof stand, waren sämtliche Zweifel über Bord geworfen.

Es sieht einfach nur sexy aus, wie der Wagen mit seinen riesig wirkenden 20-Zoll großen OPC-Rädern vor einem steht. Umso gespannter bin ich, wie sich die aktuelle Power-Maschine aus der Opel-Astra-Familie fährt. Also einsteigen, Sitz einstellen und erst einmal im Wagen umschauen, als die erste Überraschung nicht lange auf sich warten lässt.

Clevere Helferlein sorgen für Überraschungen

Die „High-Performance-Sitze“ von OPC sehen nicht nur extrem schick und sportlich aus, sie schmiegen sich perfekt an die eigenen Konturen an. Diesen Effekt verstärken über 18 elektronische Einstellmöglichkeiten. Der Seitenhalt ist sehr gut und die weiße Kontrastnaht des perforierten Ledergestühls sorgt derweil für ein stimmiges Gesamtbild. Auch das unten abgeflachte Sportlederlenkrad und das erweiterte OPC-Performance-Menü im Instrumentendisplay, das unter anderem Rundenzeiten, Maximalgeschwindigkeit und G-Kräfte für Längs- und Querbeschleunigung auf Knopfdruck anzeigt, gefallen auf Anhieb.

Darüber hinaus sorgen die optional erhältlichen technischen Helferlein wie ein Spurhalteassistent, eine Kollisionswarnung und die im Winter praktische Lenkradheizung, aber auch die sauber und prächtig klingende Sound-Anlage für einen positiven Überraschungseffekt, den wir in dieser Fahrzeugklasse so nicht erwarteten.

Mein Blick schweift weiter über den etwas zu groß geratenen Schaltknauf auf die spacige Mittelkonsole des Astra OPC. Durchaus schick anzusehen, die Haptik ist ordentlich und alles wirkt modern. Allerdings verliert der Fahrer beim ersten Mal vor lauter Schaltern und Drehknöpfen schnell den Überblick bzw. ist dieser als Opel-Neuling hoffnungslos überfordert. Wofür braucht man eigentlich die vielen Knöpfe? Ein Blick in das Handbuch sorgt für Aufklärung, die Erleuchtung bleibt allerdings aus. Doch EIN Knopf, der sich ebenfalls in der Mittelkonsole befindet, zieht schnell meine Aufmerksamkeit auf sich: Auf diesem Knopf stehen die verheißungsvollen drei Buchstaben O-P-C und wecken förmlich das Biest im Astra.

Nach einem beherzten Druck auf den Spaßknopf, symbolisiert ein kleines Kontrolllämpchen auf selbigem, dass der Spaßmodus aktiviert ist. Der Tacho quittiert den Modus mit einem blitzschnellen Umstellen der Tachobeleuchtung in ein verheißungsvolles, vielleicht auch ein bisschen angriffslustiges, Rot. Als Fahrer verspüre ich einen Ruck, der mir durch Mark und Bein fährt, und nehme außerdem ein gestraftes Fahrwerk, eine präzisere Lenkung und eine geschärfte Gaspedallinie wahr.

Neben dem OPC-Mode gibt es noch einen Sport- und selbstverständlich einen Standard-Modus. Darüber hinaus regelt das System das elektronische Stabilitätsprogramm, das drei verschiedene Modi ermöglicht: maximale Regelung, reduzierter Eingriff und Deaktivierung. Über die ECO-Taste lässt sich ferner die Start-Stopp-Automatik aktivieren und ausschalten. Die Schaltung ist in jedem Modus gleich und die Gänge flutschen fix durch die Schaltkulisse des Astra OPC - einzig der Schaltvorgang vom ersten in den zweiten Gang war im Test etwas hakelig.

Vehementer Vortrieb mit der Kraft des Twinscroll-Turbos

Das Herz des Astra OPC stellt ein Zweiliter-Benziner mit Direkteinspritzung dar, der satte 280 PS und 400 Nm ab 2.500 Touren auf die Kurbelwelle stemmt. Die Höchstgeschwindigkeit liegt bei 250 km/h - so schnell war noch kein Serien-Astra zuvor. Dank des Twinscroll-Turbos, der mit 1,5 bar Ladedruck angefeuert wird, sprintet der Astra OPC beherzt vorwärts, was sich in einer Beschleunigung von 0 auf 100 km/h in nur 6,0 Sekunden zeigt.

Dem Turbo-Konzept geschuldet, muss man mit einem klitzekleinen Turboloch beim Gangwechsel leben, das sich allerdings durch ein speziell entwickeltes Vordruckladeventil in Grenzen hält. Der Kick in den Rücken nach dem obligatorischen „Luftschnapper“ ist schnell da und das archaische Ansauggeräusch in Verbindung mit einem unaufhaltsamen Vorwärtsdrang beflügelt den Fahrer. An dieser Stelle eine explizite Warnung: Der Turbokick und die trotz nur vier Zylindern extrem gut gelungene Soundkulisse im Astra OPC sorgen für Beschleunigungsorgien, die für ungeplante Zwischenstopps beim Tankwart des Vertrauens sorgen werden.

Der von Opel für den Astra OPC angegebene Normverbrauch von 8,1 Litern auf 100 Kilometern ist leider unerreichbar, zumindest für einen „Speed Head“. Realistischer lässt sich hier mit 10 bis 11 Litern rechnen. In unserem 14-tägigen Test waren es schon mal 13 bis 14 Liter, da der Gasfuß aufgrund der gerade erwähnten Vorzüge des Astra OPC sehr oft juckte. Da helfen auch keine Start-Stopp-Automatik und dezente Hinweise zum rechtzeitigen Hochschalten mehr.

OPC-typisch mächtiger Auftritt für ein sportliches Gesamtbild

Seine Potenz und Sprintstärke unterstreicht der neue Opel Astra OPC mit einem exklusiven Karosseriedesign. So sorgen von OPC speziell gestaltete Front- und Heckstoßfänger, markant ausgestellte Seitenschweller, ein aerodynamisch optimierter Dachspoiler und zwei Auspuffendrohre in Trapezform für einen stimmigen und vor allen Dingen mächtigen Auftritt sowie ein sportliches Gesamtbild. All das spricht eine klare Sprache und die lautet: „Golf GTI-Fahrer, Dein Platz ist in meinem Rückspiegel. Damit das klar ist!“

Im Interieur wird der Fahrer förmlich von OPC-Emblemen umringt. Die Sportpedale mit Edelstahlauflagen und die speziellen OPC-Instrumente setzen weitere sportliche Akzente. Bis auf die OPC-typische Optik und diverse Gimmicks im Cockpit unterscheidet sich der Opel Astra OPC ansonsten kaum von der Astra-Basisvariante. Das Kofferraumvolumen fällt daher mit 380 Litern identisch aus.

Erprobt auf der härtesten Rennstrecke der Welt

Das vom Opel Performance Centrum, kurz OPC, abgestimmte FlexRide-Sportfahrwerk, bei dem sich per Tastendruck die Einstellungen ändern lassen, samt einer HiPerStrut-Vorderradaufhängung (Hochleistungs-Federbeinen) und einer Wattlink-Hinterachse ist sehr harmonisch und sorgt in Verbindung mit einem mechanischem Sperrdifferenzial an der Vorderachse für gute Traktion trotz Frontantrieb.

Durch die großen 20-Zoll-OPC-Räder profitiert der Astra-OPC in puncto Traktion, was aber durch den größeren Abrollumfang zu kleinen Abstrichen in der Beschleunigung führt. Bei rutschiger Fahrbahn kommt das Frontantriebskonzept bauartbedingt an seine Grenzen und resultiert in einem Durchdrehen der Vorderräder. Da hilft auch die Sperre nicht mehr.

Seinen Feinschliff erhielt der neue Astra OPC nach bewährter OPC-Tradition auf der Nordschleife des Nürburgringes. Ohne einen 10.000-Kilometer-Härtetest, der in puncto Materialbelastung etwa 180.000 Kilometern im normalen Straßenverkehr entspricht, erhält kein OPC-Modell die Serienfreigabe.

Eine Brembo-Hochleistungsbremsanlage mit Vierkolben-Festsätteln an der Vorderachse sorgt für sehr gute Verzögerungswerte und maximale Standfestigkeit auch bei hoher Beanspruchung. Bringt man den so zum Stillstand gezwungenen Renner mit dem Blitz anschließend wieder hoch, sorgt das herrlich abgestimmte Klangbild beim Überführen der Abgase an die OPC-Endrohre für Ohrenschmaus beim autophilen Zuhörer. Kaum zu glauben, dass hier nur vier Zylinder am Werk sind und für diesen imposanten Auftritt an den trapezförmigen OPC-Endrohren sorgen.

Die Preise beginnen bei 34.250 Euro und beinhalten neben den bereits erwähnten OPC-typischen Performance-Komponenten eine üppige Serienausstattung, die unter anderem eine 2-Zonen-Klimaautomatik, einen Parkpiloten hinten und eine Wärmeschutzverglasung umfasst. Selbst das Navigationssystem ist bereits inklusive. Die kleinen Helferlein wie die Frontkamera mit Abstandsanzeige, ein Frontkollisionswarner, ein Verkehrsschild- und ein Spurassistent sowie die Lenkradheizung sind aufpreispflichtig.

Fazit: Was ist nur aus Opel geworden? Vorbei sind die Zeiten der Pöbeleien und Sticheleien gegen Opel

Kommen wir zur Ausgangsfrage zurück: Was ist nur aus Opel geworden? Für mich als einstigen eingefleischten VW-Fan ist es fast unfassbar, dass ich mich in so kurzer Zeit derart stark mit dem Opel Astra OPC anfreunden konnte, dass ich mir durchweg vorstellen könnte, privat selbst diesen extrem schicken Opelaner durch die Gegend zu pilotieren. Ich könnte durchaus von Liebe auf den „zweiten Blick“ sprechen.

Vorbei sind die Zeiten der Pöbeleien und Sticheleien gegen Opel. Ich traue mich jetzt sogar neben einem Opel zu parken, ohne damit rechnen zu müssen, dass „der Rost auf mein Fahrzeug überspringt“ (Achtung: Sehr schlechter VW-Insider-Witz). Spätestens seit Bekanntgabe des erneuten Eintritts in den Motorsport bleibt mir nur noch zu sagen: Bravo Opel! Ich wünsche Opel für die Zukunft nur das Beste und entschuldige mich in aller Form für die Jahre des Spots und Hohns. Ihr habt mir gezeigt, dass ihr es doch könnt und habt definitiv einen neuen Opel-Fan gewonnen.

Technische Daten Opel Astra OPC:

Antriebsart: Frontantrieb | Hubraum: 1.998 cm³ | Leistung: 206 kW/280 PS | Drehmoment: 400 Nm bei 2.500 U/min | Vmax: 250 km/h | Beschleunigung 0-100 km/h: 6,0 Sekunden | Durchschnittsverbrauch: 8,1 l/100 km | CO2-Emission: 189 g/km | Preis: ab 34.250 EUR

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