Alain Prost: Das sind die Krankheiten der aktuellen Formel 1

, 28.06.2016

Klartext von Ex-Formel-1-Weltmeister Alain Prost: Unspektakuläre Autos, Distanz zur jungen Generation und die Macht des Geldes in den Nachwuchsserien

Rückläufige Zuschauerzahlen und eine junge Generation ohne leidenschaftliche Verbindung zum Motorsport - die Formel 1 steht vor großen Herausforderungen, um ihren Status als weltweit relevante Bühne für Sponsoren und Hersteller zu halten. Es erfordert ein großes Umdenken in der Szene, meint Ex-Formel-1-Weltmeister Alain Prost. Der Franzose machte im Rahmen der FIA-Sportkonferenz in Turin seinem Ärger über die aktuellen Entwicklungen Luft.

"Ich finde das alles seltsam", so Prost über die neueste Generation von Fahrzeugen in der Königsklasse. "Die Jungs müssen ja schon 50 Meter vor dem Bremspunkt vom Gas, um dann zu 'segeln'. Und dann blockieren ihnen beim Bremsvorgang die Räder, es gibt nicht ausreichend Grip. Das wirkt von außen alles merkwürdig." Ein solches Fahrverhalten habe mit der Formel 1 seiner Generation nicht mehr viel zu tun, so der viermalige Weltmeister.

"Manchmal würde ich gern mal ein solches Auto fahren, um es selbst mal begreifen zu können. Man bekommt doch sonst keinerlei Gefühl, Referenz oder Feedback", sagt der 61-Jährige, der mit Renault in der Formel E engagiert ist. Prost versteht des Frust, den erfahrene Piloten wie Fernando Alonso, Jenson Button oder Kimi Räikkönen schildern. "Ich glaube, die jungen Piloten interessiert das gar nicht, weil sie es nie anders kennengelernt haben."

"Die ältere Generation mag es einfach nicht. Man versucht, die Formel 1 der neuen Generation anzupassen, ohne die alte Generation zu sehr zu verlieren. Aber die wenden sich ab. Das ist ein Kernproblem heutzutage", meint Prost. "Es gibt viele offene Fragen, aber wenige Antworten. In den zurückliegenden 20 Jahren wurden Entscheidungen getroffen, die nicht gut waren. Es ist extrem schwierig, dies wieder rückgängig zu machen. Eigentlich müsste man alles stoppen und etwas ganz Neues aufbauen. Aber das ist natürlich unmöglich."

Pay-TV als Stolperstein für die Formel 1

"Die Alternative ist, dass man mit Augenmaß und in Ruhe daran arbeitet, dass wieder alles besser wird", so der Franzose, der zuletzt vor allem die "furchtbaren" TV-Übertragungen kritisiert hatte. "Man darf allerdings nicht immer alles mit den angeblich guten, alten Zeiten vergleichen. Es hat sich vieles verändert - und zwar schon seit langer Zeit. 1984 hatte der französische Sender 'TF1' bei Übertragungen bis zu 7,7 Millionen Zuschauer. Bevor sie die Rechte zuletzt an 'Canal+' verloren haben, waren es maximal nur noch zwei Millionen. 'Canal+' hat jetzt zwischen 700.000 und 800.000 Zuschauer. So ist das beim Wechsel ins Pay-TV."

"Das Sportbusiness gerät aus meiner Sicht in ganz große Probleme. Es gibt immer mehr Leute und Parteien, die mitspielen. Das wird immer komplizierter", analysiert der ehemalige Formel-1-Teambesitzer. "Am Ende fließt weniger Geld an die Teams. Es wird nämlich immer schwieriger, die Verträge für Senderechte auszuhandeln. Dass im Zuge dessen immer weniger Menschen die Szene am TV verfolgen wollen oder können, wird auch Auswirkungen haben."

"Die junge Generation schaut nicht viel Fernsehen. Die schauen im Internet oder auf ihren mobilen Geräten. Man muss einen Weg finden, diese Menschen zu erreichen", meint der frühere Erzrivale von Ayrton Senna. "Selbst wenn uns das gelingt, bin ich der Überzeugung, dass wir niemals wieder die Zuschauerzahlen von vor 20 oder 25 Jahren erreichen werden. Man darf es nicht mit früher vergleichen, denn dort kommen wir nie wieder hin."

Geld spielt eine Rolle: Nachwuchsklassen zu elitär

"Der beste Weg, die junge Generation zu erreichen ist aus meiner Sicht, dass man neue Dinge bietet. Man sollte vielleicht auf kleinen Kursen fahren, wo die Zuschauer alles überblicken können", sagt Prost. "Das könnten auch nur Tests oder Showruns sein. Und das für kleines Geld, sodass Familien sich das leisten können. Ganz wichtig: Die Formel 1 darf nicht zu einer Veranstaltung ausschließlich für gut betuchtes Publikum verkommen."

Dem französischen Motorsportstar geht es nicht nur um das Publikum, sondern auch um den Nachwuchs in der Szene. Und genau in diesem Punkt sei der Sport bereits deutlich zu elitär geworden. Talent allein bringt kaum noch Piloten in die Formel 1. "Wenn man sich heutzutage sechs oder sieben Jahre durch die Kartserien kämpfen muss, dann kostet das unheimlich viel Geld. Drei Jahre in Formel 3 und GP2 sind extrem teuer. Das macht allein den Weg für Fahrer in Richtung Formel 1 schon zu einer elitären Angelegenheit derer, die sich das leisten können."

"Als ich damals die französische Kartmeisterschaft gewonnen habe, da bekam ich ein wenig Geld vom Verband. Mit diesem Geld konnte ich zur Elf-Rennfahrerschule gehen. Weil ich dort der Beste war, bekam ich das Budget für meine nächsten Renneinsätze. Die Ansage war aber klar: Du wirst im ersten Jahr Champion, denn nur dann finanzieren wir dir die folgende Saison", erklärt Prost. "Wenn ich das nicht gepackt hätte, dann wäre ich raus gewesen. Heutzutage läuft das ganz anders. Es gibt Leute, die fahren drei, vier Jahre in der GP2. Maldonado hat dort vier Jahre verbracht, bis er in die Formel 1 kam. Da muss man andere Wege finden."

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