Perspektive "Legendencoach": Kommen die Boris Beckers?

, 29.06.2015

Vorbild Tennis: Ex-Champions als persönliche Psychoberater finden nicht nur Toto Wolff und Nico Hülkenberg interessant, wären da nicht Geld und Eitelkeit

Die Superstars auf dem Court, die Legenden auf der Tribüne: In den Boxen der Tennis-Weltstars sitzen immer mehr Ausnahmekönner der Vergangenheit. Roger Federer hat sich mit Stefan Edberg das Idol seiner Kindheit an seine Seite geholt, Novak Djokovic lässt sich von Boris Becker beraten. Auch Michael Chang und Goran Ivanisevic sind mit Schützlingen auf der ATP-Tour auf Reisen, Ivan Lendl und Jimmy Connors waren bereits als Mentoren erfolgreich. Ist es auch ein Modell für die Formel 1?

Einen Vorhand-Volley oder einen Rückhand-Slice bringen die so genannten "Legendencoaches" ihren Nachfolgern nicht bei. Erstens sind die Stars der Szene zu nahe an der Perfektion, zweitens hat sich der Sport in den vergangenen Jahren zu stark verändert. Wenn überhaupt geht es um Taktik, aber noch viel mehr um Motivation und um Gespräche. Der Umgang mit Druck ist eines von vielen Beispielen, das ein Federer mit einem Edberg bespricht. "Ein interessantes Phänomen, ein interessanter Ansatz", findet Toto Wolff.

Mercedes ist derzeit das einzige Formel-1-Team, in dem es ein vergleichbares Modell gibt. Niki Lauda ist nicht nur der "Außenminister" der Silberpfeile, er dient Lewis Hamilton und Nico Rosberg auch als Ansprechpartner in prekären Fragen. "Ich bin nicht nur berühmt, weil ich mein Ohr verloren habe, sondern weil ich mich in unterschiedlichen Teams und unterschiedlichen Kulturen bewiesen habe", sagte der Österreicher Hamilton schon im Vorfeld seines Wechsels von McLaren zu Mercedes.

Wie sich Altmeister Lauda als Pilotenmentor einbringt

Es sind diese Ratschläge, die Lauda wertvoll machen. "Niki ist für beide Fahrer immer wieder ein Ansprechpartner und ein Mentor", unterstreicht Wolff. "Die Zeiten haben sich geändert. Man kann jedoch von einem Champion, der in seinem Leben an einer ganz anderen Stelle ist, aber durch die gleichen Höhen und Tiefen gegangen ist, viel lernen." Das gilt nicht nur für die Piloten. Auch der Mercedes-Sportchef höchstpersönlich hörte schon auf den Rat eines Altmeisters, als sein Teamduell 2014 eskalierte.

Die Rede ist von Alain Prost. Der "Professor" - aus seiner aktiven Zeit bekannt für interne Fehden - äußerte in einem Gespräch die Befürchtung, dass der Zwist auf Mechaniker übergreifen würde. "Alain hat mir einen sehr präzisen Ratschlag gegeben, wie ich es nicht machen sollte", meinte Wolff damals. "'Gib' beiden Fahrern das gleiche Material und verrate exakt die gleichen Dinge. Picke dir keinen Favoriten heraus!'" Es sei eine der wichtigsten Lektionen gewesen, die er auf seinem Weg zu einem guten Teamführer gelernt hätte, war sich Wolff damals sicher.

Hülkenberg begrüßt die Idee: "Kennen Rennfahrerpsyche"

Doch wie denken die Aktiven über die "Legendencoaches"? Wären sie bereit, Tipps eines Piloten anzunehmen, der seit Jahrzehnten nicht mehr auf höchsten Niveau gefahren ist und sein Geld mit H-Schaltung und Zigarettenpausen verdient hat? Bei Nico Hülkenberg wäre ihr Rat willkommen: "Ich könnte mir vorstellen, dass es gar nicht schlecht sein würde", sagt der 27-Jährige - übrigens bekennender Roger-Federer-Fan. Er erwähnt aber die Zurückhaltung seiner Kollegen: "Es hat noch keiner gemacht..."

Stimmt nicht ganz. Neben Lauda gibt es weitere Beispiele. Alexander Wurz berät bei Williams, Jackie Stewart stand jahrelang bei Lotus auf der Gehaltsliste, wo er neben der Werbefigur auch den Mentor für Romain Grosjean mimte. "Das war interessant", erinnert sich der Franzose, damals das Enfant Terrible der Königsklasse und bei einer Psychologin in Behandlung. Er schildert: "Das Fahren lässt sich kaum vergleichen. Es ging mit Jackie mehr um das Leben in der Formel 1, wie man sich integrieren und verbessern kann."

Eigeninitiative der Piloten ist gefragt - auch finanziell

Hülkenberg ist sich sicher, dass die Größen vergangener Formel-1-Epochen die richtigen Experten sind: "Sie kennen genau die Psyche eines Rennfahrers, können nachempfinden und dem Fahrer im richtigen Moment das Richtige sagen." Oktroyieren, meint Grosjean, ließe sich ein Spiritus rector einem Motorsportler auf dem Zenit seiner Karriere nicht: "Es muss von einem selbst kommen, wenn man mit jemanden sprechen, seine Hilfe oder Ratschläge haben will. Ich bin damals auf Jackie zugegangen."

Das heißt: Wie im Tennis ist es an den Aktiven selbst, sich einen Coach zu suchen und ihn zu bezahlen. Das gab es - wie Hülkenberg richtig anmerkt - noch nicht. In Zeiten der Paydriver und rarer Sponsoren sind die aber Kassen knapp. Pastor Maldonado investiert seine Petrodollars aus der venezolanischen Staatskasse ohnehin lieber anderweitig. "Ich glaube nicht, dass es etwas bringt. Wenn jemand nicht mehr selbst fährt, kennt er die Bedingungen nicht und wie die Autos heute sind", schüttelt Maldonado mit dem Kopf und führt den Umgang mit den Reifen als Beispiel an.

Maldonado kritisiert Fahrercoach Wurz: "Er machte andere Dinge"

Der Lotus-Pilot erklärt: "Es ist sogar für uns kaum zu verstehen. Für jemanden von außen muss es noch komplizierter sein. Wir sind meiner Meinung nach alle professionell und erfahren genug. Wir wissen schon, was zu tun ist." Für Wurz, seinen "Coach" aus Williams-Tagen, hat Maldonado wenig schmeichelhafte Worte parat, obwohl der Österreicher in der Langstrecken-WM (WEC) als Aktiver noch am Puls der Zeit ist. "Er arbeitete nicht wirklich als Fahrer-Lehrer", winkt Maldonado ab. "Er machte Verschiedenes für das Team, was mit dem Auto zu tun hatte."

Kostengünstiger geht es, wenn der Ratgeber der eigene Vater ist. Bei Toro Rosso genießen mit Max Verstappen und Carlos Sainz jun. gleich beide Youngster diesen Luxus - den sie in Teenager-Tagen vielleicht nicht als solchen empfunden haben. "Man braucht immer jemanden, der einem sagt, ob man es richtig macht", findet der Sohn der Rallyelegende, ohne von einem Fahrlehrer zu sprechen. "Er hat mir doch nie beigebracht, wie ich eine Kurve nehmen soll, wie man Gas gibt oder wie man bremst", so Sainz. Das soll ein "Legendencoach" aber auch nicht.

Stewart ist skeptisch: Formel-1-Piloten zu eitel für Ratschläge

Dass es das Phänomen Trainer anders als in fast jeder anderen Sportart im Rennzirkus nicht gibt, hat laut Stewart mit der Eitelkeit der Aktiven zu tun. "Viele der Fahrer denken, sie hätten so eine natürliche Gabe, dass sie niemanden um Rat fragen müssten. Was natürlich eine komplette Fehleinschätzung ist", sagt der dreimalige Weltmeister dem 'Tagesspiegel'. Er selbst hätte von Vorbildern wie Jim Clark oder Jack Brabham gelernt und sein Wissen später an Francois Cevert weitergegeben.

Der altbekannte Vorkämpfer für Sicherheit ist überzeugt, dass er in der Causa Jules Bianchi oder in anderen Unglücksfällen ein guter Ansprechpartner wäre. Stewart erklärt: "Ich hätte ihnen erzählt, wie man mit der Trauer umgeht. Wie sie es schaffen, Mitgefühl zu zeigen und dennoch die mentale Stärke zu behalten, weiterzufahren und ihre Gefühle im Auto auszublenden. Und warum man ins Krankenhaus oder zu Begräbnissen gehen muss." Wolff kann sich vorstellen, dass das Vorbild Tennis in der Formel 1 noch Schule macht: "Vielleicht ein Modell, dass man in der Zukunft genauer betrachten muss."

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