Piloten nach Pirelli-Erklärung: Handzahme Wutbürger

, 03.09.2015

Vettel und Rosberg loben die Aufklärungsarbeit des Zulieferers und fühlen sich angeblich sicher - Nur Massa fordert, dass Pneus Trümmerteile aushalten müssten

Erst massive Schelte in den Medien, Sicherheitsbedenken sowie Gerüchte um einen Pilotenstreik - und plötzlich sind alle wieder ganz zahm und diplomatisch. Im Vorfeld des Italien-Grand-Prix am kommenden Wochenende ist bei den Formel-1-Fahrern die Befürchtung, die Pirelli-Reifen könnten nach den Schäden in Belgien für ihre Aufgabe nicht sicher genug sein, wie weggeblasen. Ob hinter dem neuen Vertrauen die Untersuchung des Pneuproduzenten oder eine PR-Leitlinie steckt, bleibt offen.

Ansatzweise kritische Worte findet in der FIA-Pressekonferenz mit Felipe Massa ein Pilot, der von den Defekten selbst nicht betroffen war. Der Brasilianer fordert: "Wir wollen Sicherheit. Wir wollen, dass es nicht noch einmal passiert - und zu 100 Prozent verstehen, wieso es passiert ist. Wir wollen, dass wir die sichersten Reifen und das sicherste Rennauto bekommen." Ob er mit den Antworten, die Pirelli kommuniziert hat, zufrieden ist, bekennt er nicht: "Sie scheinen verstanden zu haben, was passiert ist."

Ob zahlreiche scharfkantige Karbonteile auf der Bahn Erklärung genug sind, um unvermeidbare Schäden zu rechtfertigen, zieht Massa in Zweifel: "Es gibt doch immer Trümmerteile - bei jedem Rennen. Ein Reifen sollte solide genug sein, um das auszuhalten, was auf der Strecke ist." Sein Teamkollege Valtteri Bottas hingegen akzeptiert das bestehende Risiko: "Wenn die Reifen stark abgenutzt sind und man über ein Teil fährt, kann der Reifen nunmal explodieren. Ich persönlich mache mir keine Sorgen."

Für eine Konstruktionsänderung wäre es ohnehin zu spät

Sebastian Vettel, nach seinem nach eigener Aussage "nicht akzeptablen" Schaden im Rennen in Spa-Francorchamps auf Aufklärung und Besserung erpicht, lobt die Italiener für ihre Arbeit. Pirelli sei "hilfsbereit und für Gespräche sehr offen" gewesen. "Das ist das Wichtigste und wir müssen daraus lernen", so Vettel. Die Medien kritisiert er für die Interpretation seiner Aussagen und meint, dass vieles zum Thema in den Gazetten "so nicht richtig" wiedergegeben worden sei. Der Ferrari-Star rudert zurück.

Dazu passt, dass er Pirelli die Tür öffnet, um Änderungen vorzunehmen, ohne dabei das Gesicht zu verlieren: "Der Umgang mit dem Thema war professionell. Es ist normal, dass man immer versucht, sein Produkt zu verbessern. Sieht man sich zum Beispiel die Autos an: Sie sind sichererer als vor 30 Jahren, aber es gibt noch Spielraum nach oben", findet Vettel, ohne auf die durch den Zulieferer verkündeten Untersuchungsergebnisse einzugehen: "Wichtiger als jede Pressemitteilung ist das Gefühl."

Rosbergs Kritik ist verflogen: "Sind sicher unterwegs"

Im grünen Bereich ist das "Popometer" bei Nico Hülkenberg. Der Emmericher in Diensten Force Indias ist unbeeindruckt: "Ich kann mit den Maßnahmen leben", erklärt er über verschärfte Grenzwerte bei Sturz und Luftdruck, die in Monza gelten. Hülkenberg meint, dass eventuelle Konstruktionsmängel nicht mehr zu korrigieren seien: "Einen Reifen kann man ohnehin nicht über Nacht ändern. Es bräuchte ein Design und die Produktion, also einige Vorlaufzeit." Und die gibt es nicht.

Aus Hülkenbergs Sicht liegt es am Piloten, das Beste aus dem Material herauszuholen: "Ich fahre mit dem, was man mir ans Auto baut." Nico Rosberg, der in Spa infolge eines Reifenschadens im Freien Training bei 300 km/h nur noch Passagier seines Mercedes war, reiht sich in die Phalanx der friedlichen Mahner ein: "Es wurde sehr genau und sehr intensiv untersucht. Gut, das zu sehen. Ich bin für den Rest des Jahres zuversichtlich, dass wir sicher unterwegs sind", blickt der amtierende Vizeweltmeister voraus.

Zurück zu Vettel. Sein Vertrauen in Pirelli besteht zumindest in so weit, wie es mit Strafen für ihn und Ferrari verbunden ist. "Es gibt Dinge, an die man sich halten muss", sagt er über vorgegebene Grenzwerte für anpassbare Parameter. "Wir müssen das nicht befolgen, riskieren dann aber eine Disqualifikation. Das nimmt kein Team in Kauf." Vettel will auch den Input der Pirelli-Ingenieure in seiner Box nicht missen: "Es wäre dumm, nicht auf sie zu hören. Sie verfügen über Wissen über die Reifen, das wir nicht bekommen."

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