Tradition und Entertainment: Das plant Liberty mit der Formel 1

, 20.09.2016

Der neue Formel-1-Boss Chase Carey liebäugelt mit spektakulären Stadtrennen, will aber an europäische Traditionsstrecken denken: "Die Formel 1 hat Luft nach oben"

Einige neue Ideen, eine Menge Zickzackkurs, letztlich aber viel Stillstand: Die Formel 1 war in den vergangenen Jahren oft bemüht, das Rad des Motorsports neu zu erfinden, scheiterte aber ihrem verworrenen Geflecht aus Abhängigkeiten, Interessen und Ressentiments. Doch mit dem neuen Mehrheitseigner Liberty Media soll sich in der Königsklasse vieles ändern. Worum es sich handelt, verrät der designierte Serienboss Chase Carey nicht - erklärt aber Philosophie und Marschrichtung.

Im Gespräch mit 'Formula1.com' bekennt sich der 62-Jährige dazu, Geld in die Hand zu nehmen, um die Serie zu stärken. Schließlich handelt es sich bei seinem Unternehmen nicht um eine früher oder später verkaufswillige Privat-Equity-"Heuschrecke" wie CVC Capital Partners, sondern um einen Medienkonzern - der natürlich nicht minder an schwarzen Zahlen interessiert ist. "Profite sind wichtig, aber das erste Ziel ist es immer, langfristig an Wert aufzubauen", blickt Carey voraus.

Die angesprochene Konsolidierungsphase nimmt Zeit in Anspruch. "Das ist nicht die Vorgabe für die nächsten zwölf Monate, sondern für die nächsten drei bis fünf Jahre", erklärt der in Harvard studierte Carey. "Das bedeutet: Wir wollen investieren. So wollen wir die Formel 1 auf ein neues Niveau bringen." Möglichkeiten scheint es viele zu geben. Carey erwähnt, Strecken "spannender als je zuvor zu gestalten" und Geld in das Marketing zu pumpen. Speziell in die Digitalgeschäft.

Vorbild Singapur: Bald mehr Stadt- und Nachtrennen?

Weil sich Carey als Fan von Grands Prix wie dem Singapur outet, könnte dahinter ein verstärktes Interesse an spektakulären Stadt- und Nachtrennen stecken, die Glamour, Exklusivität und eine anziehungskräftige Kulisse mit sportlichem Spektakel verbinden. In dem diesem Zuge denkt er auch an die US-Metropolen Los Angeles, New York und Miami als Austragungsorte. Pikanterweise genau das Territorium, auf dem derzeit die Elektrorennserie Formel E mit ihrem Konzept wildert.

Eine Absage an Traditionsstrecken ist der Wille zur Urbanisierung der Formel 1 nicht. "Genauso wichtig ist es, historische Orte in Europa zu stärken", betont Carey mit Blick auf finanziell angeschlagene oder gebeutelte Promoter in Italien, Großbritannien oder Deutschland. Doch was unter der Maßgabe zu verstehen ist oder wer hier Ross und Reiter ist, lässt er zunächst offen.

Keine Diktatur, aber ein starker Mann an der Spitze

Auch, um mit Liberty Media flexibel zu bleiben. "Die Welt dreht sich so schnell, dass ich an nichts denke, was mehr als zwei oder drei Jahre entfernt ist", sagt Carey. "Man braucht eine langfristige Perspektive, aber man muss sie den Umständen anpassen." Hintergrund der Aussage ist auch, dass er sich solange die Geschäfte mit Bernie Ecclestone teilen muss. Der Zampano bleibt zunächst im Amt und könnte mit Carey als neuem Vorsitzender der Formel-1-Dachgesellschaft Delta Topco eine Art Doppelspitze formen. "Für einen Lehrling bin ich ein wenig zu alt", merkt Carey lächelnd an.

Zwischen den Zeilen wird klar, dass er mitbestimmen will und die Alleingänge Ecclestones nicht dulden wird. "Diktatur kann es auch nicht geben, selbst wenn man sich hier mittlerweile daran gewöhnt hat", schlägt Carey schärfere Töne an, um dem Formel-1-Urgestein gleich darauf wieder seinen Spielraum zu gewähren: "Bernie ist Geschäftsführer, der bestimmende Mann. Ich muss mit ihm daran arbeiten, einen strategischen Plan umzusetzen." Zuckerbrot und Peitsche für Ecclestone, der bei CVC bis zuletzt versuchte, andere Investoren als Liberty Media ins Boot zu holen.

Der 85-jährige Selfmademan und der durch das Geflecht US-amerikanischer Großkonzerne reich gewordene Carey passen auf den ersten Blick so gar nicht zusammen. "Er kann nicht behaupten, dass ich Gebrauchtwagenhändler sei. Vielleicht bringt er mir ein paar Tricks bei", ulkt Carey in Anspielung auf die Karriere des Zampanos und kokettiert mit seiner Erfahrung im Showgeschäft: "Aber Hollywood ist eine gute Vorbereitung, um mit speziellen Charakteren klarzukommen."

USA sind nur ein Wachstumsmarkt von vielen

Der neuen Konstellation zum Trotz wünscht sich Carey einen starken Mann an der Spitze der Formel 1. "Diese Aufgabe ist keine für eine Gruppe von Menschen. Solche Komitees werden bürokratisch." Ist er der richtige Mann dafür? Ein Spezialist für das Geschäft mit us-amerikanischen TV-Sendern, der am und abseits des Arbeitsplatzes als Sportenthusiast gilt und sogar Sitze aus dem alten New Yorker Yankees-Stadion im Büro hat? "Der Inhalt ist Sport, Sport ist Entertainment."

Damit kennt sich Carey zweifelsohne aus. Neben den nordamerikanischen Mannschaftssportarten baute er beim Fernseh-Netowork Fox auch auf Cricket, Fußball und Rugby - und damit auf Inhalte, die dem US-Zuschauer bis vor einigen Jahren noch völlig fremd waren. In diesem Zuge brachte der eigene TV-Sender Fox auch die Fußball-Bundesliga ins Programm und etablierte sie. Der gesellschaftliche Wandel und eine immer stärkere Konzentration auf Special-Interest-Gebiete machten es möglich.

"Ich sehe die USA als fruchtbaren Boden für den Motorsport", bekennt Carey. "Aus irgendeinem Grund schlummert dort ein größerer, unerschlossener Markt. Genau wie das übrige Nord- und Südamerika sowie Asien. Es sind alles Wachstumsmärkte." Ergo passe die Formel 1 auch zu Liberty Media. "Die Firma mag ihre Wurzeln in Nordamerika haben, aber wir betreiben unser Geschäft weltweit. Ich selbst werde in Zukunft für die Formel 1 arbeiten und nicht für Liberty", so Carey.

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