Vor dem WM-Showdown: Schmutzige Tricks und Strategy-Calls

, 27.11.2016

Mercedes-Teamchef Toto Wolff will taktische Tricks beim WM-Finale in Abu Dhabi zulassen, solange eine rote Linie der sportlichen Fairness nicht überschritten wird

In Abu Dhabi steht heute das Rennen aller Rennen auf dem Programm, der Tag, auf den Nico Rosberg, Lewis Hamilton und rund 1.500 Mercedes-Mitarbeiter seit Jahresanfang (genau genommen seit fast zwei Jahren) hingearbeitet haben: Das Saisonfinale der Weltmeisterschaft 2016 . Und weil Rosberg mit zwölf Punkten Vorsprung in dieses Finale geht, kann Hamilton mit einem Sieg aus eigener Kraft nicht mehr Champion werden.

Das öffnet taktischen Tricks Tür und Tor. Denn ausgehend davon, dass Polesetter Hamilton nach dem Start vor Rosberg führen wird (was keineswegs in Stein gemeißelt ist), muss der dann führende Brite nicht nur versuchen, das Rennen zu gewinnen, sondern gleichzeitig auch Rahmenbedingungen schaffen, die es wahrscheinlich machen, dass Rosberg bestenfalls Vierter wird. Denn mit einem dritten Platz wäre der Deutsche auf jeden Fall Weltmeister.

Heißt konkret: Sollte Hamilton führen, wäre es nur naheliegend, dass er selbst bei überlegenem Mercedes-Tempo nicht davonfährt - denn dann könnte sich auch Rosberg von seinen Verfolgen absetzen und Platz zwei absichern. Sondern vermutlich würde er versuchen, zwar in Führung zu bleiben, aber sich gerade mal so vor Rosberg zu halten, damit dieser zum Beispiel bei den Boxenstopps Gefahr läuft, den zweiten Platz an die Red Bulls oder Ferraris zu verlieren.

Mercedes-Doppelsieg diesmal kein unumstößliches Credo

Das widerspricht eigentlich dem Mercedes-Teamgedanken, der da lautet, möglichst die Plätze eins und zwei abzusichern. Aber weil die Silberpfeile ohnehin schon beide Titel in der Tasche haben und es nur noch darum geht, welcher Fahrer sich am Ende die WM-Krone aufsetzen darf, will der Kommandostand den beiden Rivalen weitestgehend freie Hand lassen: "Wir können in dieses letzte Rennen nicht eingreifen", sagt Sportchef Toto Wolff.

"Wir haben sie bis jetzt frei fahren lassen, und beide wissen, dass wir von ihnen ein sportliches Verhalten erwarten. Aber es steht viel auf dem Spiel - es gibt eine Weltmeisterschaft zu gewinnen oder verlieren. Ich bin mir sicher, dass beide alle Möglichkeiten durchgedacht haben. Solange nicht die Grenze dessen überschritten wird, was wir als sportlich faires Rennfahren erachten, ist alles in Ordnung. Da müssen wir sie von der Leine lassen", erklärt er.

Dass das bedeuten kann, unter Umständen einen möglichen Doppelsieg zu verschenken, ist Wolff bewusst: "Ja, das Risiko besteht." Aber damit kann Mercedes angesichts der überragenden Erfolgsbilanz in der Formel-1-Saison 2016 notfalls gut leben. Womit Wolff nicht leben könnte, wäre hingegen eine WM-Entscheidung durch einen wie auch immer gearteten schmutzigen Trick, der eine rote Linie überschreitet - etwa einen bewusst gesetzten Rammstoß seitens Rosberg.

Rote Linie darf nicht übertreten werden

Also: taktische Spielchen ja, Karambolagen nein. "Wir werden die Regeln nicht ändern. Es wäre falsch, für das titelentscheidende Rennen alles auf den Kopf zu stellen, was wir in den vergangenen Jahren entwickelt haben", betont Wolff. "Die Fahrer sind Sportsmänner und wissen genau, was es zur Folge hätte, die rote Linie zu übertreten. Das würde eine Kontroverse verursachen. Daher vertraue ich ihnen, dass sie das Rennen im Interesse des Teams und des Teamgeists sowie auch der Fans sportlich fair über die Bühne bringen werden."

Vorentscheidenden Charakter wird der Start haben. Sollte Rosberg diesen gewinnen und kann er sich vom Feld absetzen, wäre das schon die halbe Miete - weil Hamilton bei einem Überholversuch nicht allerletztes Risiko gehen kann, Rosberg theoretisch aber schon. Sollte Hamilton den Start gewinnen, hätte er zumindest die taktische Möglichkeit, das Feld einzubremsen. Und dann gibt es noch Rosbergs Worst-Case-Szenario, nämlich einen Rückfall nach hinten.

"Je nachdem, wie der Start läuft, könnte es für Nico ein einfaches Rennen werden", glaubt der viermalige Weltmeister Alain Prost. Er weiß, wovon er spricht: Hamilton und Rosberg werden oft mit Senna und Prost verglichen, wobei die meisten Experten Parallelen zwischen Hamilton und Senna sowie zwischen Prost und Rosberg sehen. "Vielleicht sind Ferrari oder Red Bull an Mercedes dran, dann haben wir einen Fight mit drei, vier Autos. Das wäre dann ein anderer Druck."

Alain Prost: Rosberg hat mehr Druck

"Der Druck liegt jedenfalls auf Nicos Schultern, nicht auf Hamiltons", findet Prost und erklärt: "Für Nico ist es schwierig, maximal zu pushen. Da ist er wahrscheinlich besser beraten, auf einen sicheren zweiten Platz zu fahren und nicht zu viel zu riskieren. Das ist auch ganz normal, das kann man ihm nicht vorwerfen. Das Problem ist, wenn du plötzlich Vettel, Verstappen, Räikkönen und Ricciardo neben dir hast. Dann wird der Druck heftig."

Zumal Red Bull im Gegensatz zu Mercedes und Ferrari den ersten Stint auf Super- statt Ultrasoft fahren wird und somit ein paar Runden länger draußen bleiben kann. Das macht den drittplatzierten Daniel Ricciardo und den sechstplatzierten Max Verstappen zu schwerer berechenbaren Gegnern. Eine Strategie, die Wolff "interessant" findet: "Wir hätten damit gerechnet, dass sie ein Auto auf Supersoft setzen, nicht beide. Es ist eine abweichende Strategie, aber nicht die schnellste."

"Unser Algorithmus besagt, dass der Ultrasoft der bessere Reifen für den Start ist. Denn du kannst auch mit dem Supersoft höchstens ein paar Runden mehr fahren", analysiert er. "Aber ich schätze, Red Bull ist hier nicht schnell genug, um mit der gleichen Strategie zu gewinnen. Eine abweichende Strategie kann Chancen eröffnen. Das ist wahrscheinlich ihr Hintergedanke, der uns ein bisschen Kopfschmerzen bereitet. Genau wie übrigens auch Ferraris Tempo."

Das schmutzige Spielchen mit dem Undercut

Womit wir wieder bei möglichen Hamilton-Spielchen wären. Sollte er vor einer Boxenstopp-Serie knapp vor Rosberg und den Verfolgern führen und Rosbergs erster Verfolger mit einem vorgezogenen Reifenwechsel einen Undercut versuchen, kann Hamilton effektiv sicherstellen, dass Rosberg darauf nicht sofort reagieren kann. Denn Wolff stellt klar, dass auch beim WM-Finale gilt: Das besser platzierte Fahrzeug hat bei der Strategie den ersten "Call".

Sprich: Sollte der drittplatzierte Ricciardo in Runde sieben zum ersten Boxenstopp kommen, würde Rosberg normalerweise mit einem Boxenstopp in Runde acht auf den versuchten Undercut reagieren. Das kann Hamilton aber unterbinden, wenn er stattdessen selbst an die Box kommt, Rosberg zu einer zusätzlichen Runde zwingt - was Ricciardo eine zweite Runde auf den frischeren Reifen gibt, um nach dem Boxenstopp vor Rosberg zu bleiben.

"Das führende Fahrzeug", bestätigt Wolff, habe in Sachen Strategie immer erste Wahl, und zwar "ganz egal, was passiert. Der zweite Fahrer kann dann entweder die gleiche Strategie wählen oder sich für eine andere Variante entscheiden." Eine Bemerkung, die hellhörig macht: War das nicht in Mexiko 2015 noch anders? Damals wollte der zweitplatzierte Hamilton nach dem zweiten Boxenstopp des führenden Rosberg nicht mehr reinkommen, wurde aber effektiv dazu gezwungen.

Mercedes: Mexiko 2015 war eine Ausnahmesituation

Laut Mercedes sei das aber kein Widerspruch, sondern Mexiko lediglich eine besondere Situation gewesen, ergibt eine Nachfrage beim Team. Grundsätzlich darf das besser klassierte Fahrzeug wie gehabt seinen Zeitpunkt für den Boxenstopp zuerst festlegen. Danach darf sich auch das schlechter klassierte Fahrzeug frei entscheiden - solange sich ein sinnvoller Plan B anbietet, der die Chancen auf das bestmögliche Teamergebnis nicht mindert.

In Mexiko 2015 war die Situation insofern anders, als Rosberg reingeholt wurde, weil es Sicherheitsbedenken hinsichtlich der Reifen gab. Diese bestanden auch bei Hamilton. Zwar war Hamilton selbst bereit, das Risiko einzugehen, das Team zwang ihn jedoch zum Boxenstopp. "Die Prozedur für morgen ändert sich nicht, nur weil es das Saisonfinale ist", stellt Wolff klar und ergänzt: "Unser Hauptziel ist, das Rennen zu gewinnen."

Das andere große Thema ist die Zuverlässigkeit. Nichts würde der Marke mehr schaden als eine WM-Entscheidung durch einen technischen Defekt. In Sachen Laufleistung der Antriebseinheiten (jeweils knapp über 2.000 Kilometer) haben beide Fahrer ähnliche Voraussetzungen. Rosbergs Motor hat ein paar Kilometer mehr auf dem Buckel. "Es gibt keine Garantien", weiß Wolff, der eine Rauchwolke wie in Malaysia "unbedingt vermeiden" will: "Das wäre sehr negativ."

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