Nissan GT-R 2017 Test: Brutal! 570 PS, die alles zerfetzen

Christian Brinkmann, 27.09.2016

Mit 570 PS so stark wie nie und dazu ein schärferes Design für eine noch bessere Aerodynamik: Das ist der Nissan GT-R des Modelljahres 2017. Doch das reichte den Machern nicht - und sie vollzogen den Wandel von der reinen Fahrmaschine zum Gran Turismo. Der japanische Supersportwagen erhält ein deutliches Plus an Komfort. Wird der Nissan GT-R damit zum Softie? Das soll ein Test herausfinden.

Auto Test: Nissan GT-R 2017 Test: Brutal! 570 PS, die alles zerfetzen

Der Nissan GT-R 2017 ist brutal und der Führerschein ständig in Gefahr. - © Foto: Wolfgang Groeger-Meier, Nissan

Der Look ist so aggressiv wie der eines Rennwagens. Der neue Kühlergrill fällt 20 Prozent größer aus, um den Motor mit noch mehr Luft versorgen zu können. Die Motorhaube wurde verstärkt und trägt zur Fahrstabilität bei höheren Geschwindigkeiten bei, während die scharf gezeichnete Spoilerlippe und der Frontstoßfänger mehr Abtrieb erzeugen.

Das Profil des von seinen Fans liebevoll „Godzilla“ genannten Modells ist unverändert windschnittig. Die nun stärker ausgestellten Seitenschweller verbessern den Luftfluss sogar nochmals. Auch das Heck wurde neu gezeichnet: Das Markenzeichen, die vier ringförmigen Rückleuchten, blieben zwar erhalten, doch die Karosserie wurde ebenso verändert wie die seitlichen Luftauslässe neben den vier Auspuffrohren. Sehr cool wirkt ebenfalls die neue, mehrschichtige Lackierung in „Katsura Orange“.

Antrieb: So brutal kann Leidenschaft sein

Unter der Motorhaube arbeitet der bekannte Sechszylinder-Biturbo-Motor, der aus 3,8 Litern Hubraum nun stolze 570 PS Leistung bei 6.800 U/min entwickelt. Das sind nochmals 20 PS mehr als beim letzten Modelljahrgang. Dazu kommt ein mächtiges Maximaldrehmoment von 637 Nm, das von 3.300 bis 5.800 Touren zur Verfügung steht.

Den roten Startknopf in der Mittelkonsole gedrückt, erweckt den Motor zum Leben. Bereits im Stand erinnert das Zischen der Turbos an das Triebwerk eines Jets. Jetzt heißt es, alle drei Schalter in der Mittelkonsole auf den „Race“-Modus zu stellen, das Gas- und das Bremspedal zu drücken und damit die Launch Control zu aktvieren Beim Lösen der Bremse entlädt der Nissan GT-R seine ganze Kraft und spurtet brutal nach vorne, während ich in den Sitz gepresst werde. Nissan gibt für den katapultartigen Sprint von 0 auf 100 km/h eine Zeit von nur 2,8 Sekunden an - und die nehme ich den Japanern voll ab. Zum Vergleich: Der Porsche 911 Turbo S benötigt im besten Fall 2,9 Sekunden.

Ob im unteren Drehzahlbereich oder oben herum, ob bei 50 km/h oder bei 200 km/h: einmal Gas geben und das Biest zieht brutal an. Der Nissan GT-R ist schnell, richtig schnell, und der Führerschein ständig in Gefahr. Erst bei einer Höchstgeschwindigkeit von 315 km/h endet der Vortrieb.

Für einen puren Suchtfaktor sorgt dieser herrlich brüllende Sound beim starken Druck auf das Gaspedal - insbesondere mit geöffneten Klappen der serienmäßigen Titan-Sportabgasanlage. Während der Beschleunigung hebt das sogenannte „Active Sound Enhancement“ (ASE) den unwiderstehlichen Klang im Innenraum über das Bose-Soundsystem noch weiter hervor. Das klingt gut, passt gut und steigert die Emotionen zusätzlich.

Doch der Schalter in der Mittelkonsole, der die Klappen derart verführerisch öffnet, schärft darüber hinaus die Schaltvorgänge der Automatik, um früher hoch und später herunterzuschalten. Das 6-Gang-Doppelkupplungsgetriebe schaltet die Gänge sehr schnell und weich. Eine Änderung kommt dem GT-R bestens zugute: Waren die Wippen für manuelle Schaltvorgänge zuvor fest an der Lenksäule befestigt, montierte Nissan diese nun am Lenkrad, so dass sich die Wippen mit drehen und der Fahrer bei flotten Kurvenfahrten zum Schalten nicht mehr seine Hände vom Lenkrad zu nehmen braucht. Eine Schärfung der Lenkunterstützung und der Gaspedalkennlinie erfolgen beim Nissan GT-R nicht.

Heiße Kurven-Speed: Der Schlüssel zur Geschwindigkeit

Der Nissan GT-R fährt jedoch nicht nur schnell geradeaus. Der japanische Supersportwagen entpuppt sich als mächtiger Kurvenräuber - und das trotz des Gewichtes von rund 1,8 Tonnen. Der schwere GT-R lässt sich dabei mit seiner gewaltigen Power überraschend leicht beherrschen und zeigt bis in hohe Kurvengeschwindigkeiten ein äußerst neutrales Fahrverhalten. Die Lenkung ist dazu präzise und direkt.

Einen großen Anteil am überzeugenden Kurvenverhalten besitzt der Allradantrieb. Auf trockener Strecke ist der GT-R meist zu 100 Prozent mit Hinterradantrieb unterwegs. Situationsbedingt kann das System - je nach Schlupf der Antriebsräder - bis zu 50 Prozent der Kraft an die Vorderachse leiten.

Für besten Grip sorgen außerdem eine elektronische Traktionskontrolle und ein mechanisches Sperrdifferenzial an der Hinterachse, das ein Rad abbremst, wenn dieses kurzfristig die Bodenhaftung verloren hat beziehungsweise Schlupf auftritt, um den optimalen Grip erneut herzustellen. Sollte es der Fahrer denn übertreiben, sorgt ein elektronisches Stabilitätssystem für ein Einbremsen der Räder. Die vorne 390 Millimeter und hinten 380 Millimeter großen Brembo-Bremsscheiben packen zudem bei Bedarf richtig kräftig zu.

Seitenneigung: Ein Fremdwort für den Nissan GT-R

Zu einem Gran Turismo gehört allerdings für das Reisen ein auf Komfort ausgerichtetes Fahrwerk. In der Tat besitzt die japanische Fahrmaschine nun eine sanftere Seite mit einem geradezu alltagstauglichen Setup. Und das nicht nur im „Comfort“-Modus, sogar die „Normal“-Einstellung legten die Macher etwas komfortabler aus. Aber keine Sorge, der GT-R wird kein Softie, bleibt dennoch eher straff und zeigt im „R“-Modus seine ganze Härte. Dann ist selbst in schärfsten Kurven keine Spur von Seitenneigung zu finden. Möglich macht das ein „Bilstein DampTronic“-Fahrwerk.

Sogar in puncto Lautstärke kann der Nissan GT-R des Modelljahres 2017 auch anders. Insbesondere im Teillastbetrieb, wie zum Beispiel im Stadtverkehr oder bei Ortsdurchfahrten, nahmen die Macher die Lautstärke des Auspuffgeräusches etwas zurück. Was bereits bei 150 km/h überraschte und selbst bei 250 km/h aufwärts: Der Innenraum ist überraschend leise. Das „Active Noise Cancellation“-System (ANC) identifiziert unangenehme Frequenzen und egalisiert diese durch die Erzeugung gezielter Gegenfrequenzen - der feine Sound beim Gasgeben bleibt selbstverständlich erhalten.

Innenraum: Hier erfolgten die deutlichsten Änderungen

Im Innenraum des Nissan GT-R erwartet die Insassen ein Premium-Ambiente, das einem High-Performance-Sportwagen dieses Kalibers geziemt. Das Armaturenbrett und die Instrumententafel sind neu gestaltet und jetzt, wo vorher Kunststoff dominierte, mit Nappa-Leder bezogen - und das fühlt sich zudem richtig gut an. Das, was in der Mittelkonsole wie Carbon aussieht, stellt leider nur eine Nachahmung dar.

Das Cockpit wirkt nochmals aufgeräumter. Statt zuvor 27 Knöpfe, gibt es jetzt nur noch 11 Knöpfe. Viele Funktionen lassen sich nun über das einfacher zu bedienende Infotainment-System steuern. Der auf 8 Zoll beziehungsweise 20,3 Zentimeter vergrößerte Touchscreen verfügt nun über größere Icons, die allerdings an Spielkonsolen der 1990er-Jahre erinnern. Die Konnektivität per „Android Auto“ und „Apple CarPlay“ ist nicht gegeben und dürfte erst mit der 4. Generation des GT-R folgen, die in drei bis vier Jahren auf den Markt kommen soll.

Die bestens konturierten, ideal einstellbaren Sportsitze bieten einen sehr guten Seitenhalt und zugleich Langstreckenkomfort. Vorne können es sich rund 1,90 Meter große Personen bequem machen. Die Rücksitze gestatten auf längeren Strecken nur Kindern ordentlich Platz und Erwachsenen höchstens auf kürzeren Wegen. Im Vergleich zu den meisten anderen Supersportwagen besitzt der GT-R dennoch sehr großzügige Platzverhältnisse.

Kofferraum: Unter den Supersportwagen eine echte Größe

Ein Gran Turismo sollte auch Platz für Gepäck bereithalten, um Verreisen zu können. Die Kofferraumöffnung des Nissan GT-R ist klein und die Ladekante fällt hoch aus, so dass man das Gepäck und Einkäufe über eine hohe Stufe nach innen hieven muss. Aber ein Ladevolumen von 315 Litern in einem Supersportwagen ist in diesem Segment großartig - und das sieht der Nutzer spätestens beim Blick in den Kofferraum, in dem sich Koffer transportieren lassen, statt kleiner Sporttaschen. Als etwas mau erweist sich leider das Angebot an Ablagen im Innenraum.

Fazit:

Der Nissan GT-R des Modelljahres 2017 ist brutal und der Führerschein ständig in Gefahr. Mit dem Plus an Komfort wird der GT-R jetzt sogar noch alltagstauglicher - das sind auch die Konkurrenten wie der Porsche 911 Turbo, der McLaren 570GT und der Audi R8. Aber die sind viel teurer. Kein anderer Supersportwagen so erreichbar wie der GT-R, der umfangreich ausgestattet bereits für knapp unter 100.000 Euro in der Preisliste steht.


Technische Daten Nissan GT-R 2017:

Antriebsart: Allradantrieb
Hubraum V6-Biturbo-Motor: 3.799 cm³
Leistung: 419 kW/570 PS bei 6.800 U/min
Drehmoment: 637 Nm bei 3.300-5.800 U/min
Getriebeart: 6-Gang-Doppelkupplungsgetriebe
Vmax: 315 km/h
Beschleunigung 0-100 km/h: 2,8 Sekunden
Leergewicht: 1.827 Kilogramm
Durchschnittsverbrauch: 11,8 l/100 km
CO2-Emission: 275 g/km
Preis: ab 99.900 EUR

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