Ford Taunus 12M (P4): Kölner Cardinal wagt den Aufstand

, 17.12.2012


Er ist der Urvater des Ford Escort und des Ford Focus und das Ergebnis einer transatlantischen Kooperation: Der Ford Taunus 12M (P4) blickt auf eine ungewöhnliche Entstehungsgeschichte zurück, die vor genau 50 Jahren ihren spannenden Verlauf nahm und durch einen spektakulären Langstreckentest sowie Weltrekord gekennzeichnet war. Der frühe Projektname „Cardinal“ bezeichnete keinen kirchlichen Würdenträger, sondern eine Vogelart - so wie die größeren US-Modelle Ford Falcon oder Ford Thunderbird. Bisweilen erinnerte der Ford Taunus 12M (P4) die Entwickler in Köln jedoch eher an ein anderes Phänomen aus der Vogelwelt: das Kuckucksei.


Aber der Reihe nach: Die Strategen im US-Mutterhaus von Ford in Dearborn erkannten Ende der 1950er-Jahre, dass ein eigenes „Compact Car“ her müsse, um dem Boom europäischer Kleinwagen in den USA zu kontern. Da lag es nahe, gleich die europäischen Töchter mit diesem Projekt zu beauftragen, die sich mit dieser Fahrzeugklasse bestens auskannten. Umso mehr, da in Köln-Merkenich bereits an einem modernen Nachfolger für den in die Jahre gekommenen G13/G4B getüftelt wurde. Das erste Ergebnis dieser Arbeit stellte der Prototyp „NPX-C5“ dar, eine zweitürige Stufenheck-Limousine mit einem 1,0- oder 1,2-Liter-Frontmotor und Hinterradantrieb. Bei 3,70 Metern war der NPX zwar kürzer als der aktuelle 12M, bot aber mindestens ebenso viel Platz im Innenraum.

Die bescheidenen Maße beeindruckten die US-Kollegen allerdings wenig. Nun lautete der Plan, selbst eine Kompakt-Limousine zu entwerfen und diese in Deutschland für die USA bauen zu lassen - versehen mit dem Gütesiegel „Made in Germany“. Die grundsätzliche Linienführung des deutschen NPX nahmen die US-Amerikaner auf, in Länge und Breite legte der US-„Cardinal“ allerdings deutlich zu. Vor allem erhielt das Fahrzeug eine längere Frontpartie; denn unter der Haube sollte eine für dieses Segment revolutionäre Bauweise einziehen: ein V-Motor mitsamt Frontantrieb.

Die Amerikaner tauschten sich über dieses außergewöhnliche Fahrzeug intensiv mit ihren Kölner Kollegen aus. Im Laufe des transatlantischen Wechselspiels flossen letztlich sowohl Elemente des NPX und des Cardinals in die endgültige Version ein. So erhielt der zukünftige Taunus P4 eine für die europäische Kompaktklasse sehr üppige Länge von 4,32 Metern. Dafür beschieden sich die US-Entwickler mit einem Hubraum von „nur“ 1,5 Litern, den die Deutschen bis zum Marktstart nochmals um 300 cm³ verringerten.

Als Kuckucksei zum Bestseller

Kurz bevor das „Projekt 4“ zur Serienreife gediehen war, entschloss sich die Konzernzentrale, das Auto weder in den USA zu fertigen noch es dorthin zu importieren. Dafür spendierten die US-Amerikaner der deutschen Tochter ein hochmodernes Motoren- und Getriebewerk in Köln-Niehl, das innerhalb von nur anderthalb Jahren seinen Betrieb aufnahm.

Im September 1962 präsentierte Ford den Neuling schließlich der Presse – unter dem Namen Taunus 12M und damit als Nachfolger des „Seitenstreifen-Taunus“. Die Fachmedien reagierten ausgesprochen positiv: Durch den amerikanischen Einfluss hatte Ford in Deutschland jetzt ein Fahrzeug zu bieten, das in Anschaffung und Unterhalt etwa so günstig war wie ein Kompaktwagen, dabei aber Platzverhältnisse und Fahrleistungen wie in der Mittelklasse bot. Früh prophezeite „auto, motor und sport“ dem 12M den Durchbruch, „denn die echten Familienwagen um 5000 DM sind nicht allzu dicht gesät.“


Das sahen Deutschlands Autokäufer offenbar ähnlich: Nur ein Jahr nach Produktionsbeginn fanden bereits 160.000 neue Taunus 12M (P4) einen Käufer. Der neue 12M bot exakt das, was seine designierten Rivalen Käfer und Kadett vermissen ließen: viel Platz. Da der V4-Motor mit Getriebe, Differenzial, Antriebswelle und Kupplung eine Baueinheit bildete, ergab sich für die Passagiere ein ungewöhnlich großer Innenraum. Weder Getriebe- noch Kardantunnel schränkten im ebenen Wagenboden den Fußraum ein. Der Kofferraum bot mit 560 Liter Volumen ausreichend Platz für großes Gepäck. Zudem stand der hochmoderne Frontantrieb für ein sicheres Fahrverhalten.

Ein stilprägendes Merkmal der Baureihe P4 bildete die markante „Bügelfalte“, die sich über die gesamte Seitenlinie des Fahrzeugs zog, zum Heck hin verbreiterte und schließlich in tropfenförmigen Rückleuchten mündete. Dass diese keine Blinkereinsätze in Orange aufwiesen, sondern in Rot aufschimmerten, ging noch auf die US-amerikanischen Wurzeln des Taunus 12M zurück.

Lange Lebensdauer mit großer Ausstattung

Der großzügig geschnittene Innenraum bot fünf Personen Platz. Die breiten Türen erlaubten nicht nur bequemes Ein- und Aussteigen, sie fielen auch besonders leise ins Schloss. Die Sitze waren mit einer auf die Außenfarbe abgestimmten Stoff-/Kunststoff-Kombination überzogen, während der Fahrer in ein Dreispeichen-Sicherheitslenkrad griff. Der Instrumentenbereich mit einem quer verlaufenden, bis 140 km/h reichenden Tachometerband sowie Blinker-, Öldruck-, Ladestrom- und Fernlichtanzeige lagen breit im Blickfeld des Fahrers. Zudem konnten zwei Sperrklappen vor den Vordersitzen Frischluft zuführen. Sogar die Sonnenblenden wurden gepolstert.

Überzeugend wie die Ausstattung gab sich der Antrieb. Der 1,2-Liter-Kurzhubmotor bot beste Voraussetzungen für eine lange Lebensdauer. Für Laufruhe war ebenfalls gesorgt: Eine Ausgleichswelle konterte die Massenkräfte erster Ordnung elegant aus. Interessantes Detail: Das Kühlsystem des V4-Motors kam ohne mechanisch angetriebenen Lüfter aus - der folglich auch keine Antriebskraft schlucken konnte. Ein Prinzip, das heute bei der Suche nach optimaler Effizienz in ähnlichen Formen weitergeführt wird.

Ein Hauch von Hardtop-Cabrio

Der Taunus 12M (P4) debütierte zunächst als zweitüriges Stufenheck, ab März 1963 gesellten sich der Viertürer und ein dreitüriger Kombi hinzu, der später ebenfalls als geschlossener Kastenwagen erhältlich war. Wenig später erschien das elegant gestreckte Coupé. Für diese bildschöne Version verkürzten die Designer das Dach und schufen dadurch völlig neue Proportionen mit einer flach abfallenden Heckscheibe. Ein Zierblech am unteren Ende der C-Säule vermittelte gar einen Hauch von Hardtop-Cabrio.


Neben dem 40-PS-Basistriebwerk mit 1,2 Litern Hubraum und einer Spitze von 123 km/h gab es den V4-Motor in zwei 1,5-Liter-Versionen mit 50 PS (12M) und einer Top-Speed von 130 km/h beziehungsweise 55 PS (12M TS) und 139 km/h, wobei Ford Letztere zum Modelljahr 1964 durch eine stärkere 65-PS-Ausführung mit einer Höchstgeschwindigkeit von 147 km/h ersetzte. Das 12M Coupé konnte man ausschließlich mit den 1,5-Liter-Aggregaten erwerben.

Die heute besonders gesuchte TS-Ausstattung umfasste neben dem kraftvolleren Triebwerk sportliche Einzelsitze vorn, eine Stoff-Kunststoffpolsterung, Veloursteppiche, einen Haltegriff für den Beifahrer sowie Chrom-Zierleisten im Innenraum. Einziges äußeres Zeichen: das dezente Kürzel „TS“ auf dem Kofferraumdeckel.

Die Weltrekordfahrt zum Mond

Einen spektakulären Beleg der Langlebigkeit des neuen Taunus 12M (P4) - zum Teil sogar unfreiwillig - lieferte Ford mit einer nie dagewesenen Rekordfahrt. Im südfranzösischen Miramas sollte der P4 im Jahr 1963 eine Langstreckendistanz bewältigen, die exakt der Entfernung zwischen Erde und Mond entsprach. Der 12M (P4) enttäuschte seine Väter nicht: Nach 142 Tagen beorderten die Macher das Rekordfahrzeug mit einem Kilometerstand von 358.273,8 zum letzten Mal an die Box.

Aber auch das Glück des Tüchtigen stand dem Ford Taunus 12M (P4) und seinen Betreuern bei dieser Pioniertat zur Seite. Am 29. Oktober 1963 gegen drei Uhr morgens war der Fahrer beim Kilometerstand 284.275 durch die monotonen Runden eingenickt und von der Piste abgekommen, überschlug sich, landete jedoch auf allen vier Reifen wieder auf der Strecke. Der Fahrer, der den Unfall körperlich unversehrt überstand, schob den Havaristen aus eigener Kraft an den Kontrollpunkt - so verlangten es die strengen Bestimmungen der FIA, wenn das Projekt weitergehen sollte.

Es ging tatsächlich weiter, wenn auch erst nach einer elfstündigen Reparatur mit bordeigenem Werkzeug - eine FIA-Vorschrift. Der unkaputtbare, mühsam zusammengeflickte Ford Taunus 12M (P4) zog von nun an arg zerbeult, ansonsten aber ungerührt weiter seine Bahn. Noch weitere 14.785 Runden über 73.998 Kilometer, um genau zu sein.

Auf deutschen Straßen erwies sich der Ford Taunus 12M, Generation P4, als wahres Erfolgsmodell. Bis 1966 die Ablösung in Form des P6 debütierte, baute Ford rund 680.000 Exemplare des revolutionären Fronttrieblers, der von beiden Seiten des Atlantiks offenbar nur das Beste mit auf den Weg bekam.

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