Alfa Romeo Driving Academy: Der Weg in den Grenzbereich

, 05.10.2026


Das V6-Triebwerk erwacht zum Leben. Vor mir liegen 2,35 Kilometer Rennstrecke, während in der Boxengasse noch Ruhe herrscht. Die Alfa Romeo Giulia Quadrifoglio ist bereit: 520 PS, Hinterradantrieb, 600 Nm. Zahlen, die bereits auf dem Papier mächtig klingen. Doch am Steuer geht es heute um etwas anderes: Bremsen, einlenken und den richtigen Moment finden, um wieder ans Gas zu gehen. Es geht nicht darum, einen Alfa Romeo einfach nur schnell zu bewegen, sondern ihn im Grenzbereich wirklich zu verstehen. Genau das steht im Mittelpunkt der neuen Alfa Romeo Driving Academy.

Die Rennstrecke als Klassenzimmer

Die Alfa Romeo Driving Academy richtet sich an Fahrer mit ganz unterschiedlichen Erfahrungen. Das vierstufige Programm auf dem am Autodromo di Varano de’ Melegari bei Parma reicht von Guida Sicura, bei dem Reaktionsfähigkeit und das sichere Bewältigen kritischer Situationen im Alltag trainiert werden, bis zu Guida Avanzata für erfahrene Fahrer, die ihre Technik weiter perfektionieren möchten. Dazwischen liegen Guida Evoluta und Guida Sportiva, die das dynamische Potenzial der Fahrzeuge stärker in den Fokus rückt. Auch die nahe gelegene Rennwagen-Manufaktur Dallara nutzt den Autodromo di Varano als Hausteststrecke.

Gefahren wird die komplette Alfa-Romeo-Palette. Junior, Tonale, Giulia und Stelvio stehen ebenso zur Verfügung wie die besonders sportlichen Quadrifoglio-Modelle. Dabei geht es nicht nur um PS und Rundenzeiten. Die eigentliche Besonderheit stellen die Instruktoren dar, die auf der Rennstrecke von Varano in der Nähe der italienischen Stadt Parma auf dem Beifahrersitz Platz nehmen: Namen wie Piero Liatti, Sieger der Rallye Monte Carlo von 1997 oder GT- und Langstreckenprofis wie Alessandro Balzan und Paolo Ruberti zeigen, auf welchem Niveau hier gearbeitet wird.

Der Unterschied wird schnell deutlich. Ein guter Instruktor sagt nicht einfach: „Hier früher bremsen.“ Er erklärt, warum, wie stark die Vorderachse beim Bremsen belastet wird, wann das Auto bereit zum Einlenken ist und weshalb ein Fahrer am Kurvenausgang manchmal schneller ist, wenn dieser vorher bewusst etwas langsamer war.

Gnadenlos ehrlich: Was die Telemetrie verrät

Für das intensive Training sitze ich in der Alfa Romeo Giulia Quadrifoglio. Der 2,9 Liter große V6-Biturbo mit 520 PS sprintet in nur 3,9 Sekunden von 0 auf 100 km/h und beendet seinen Vortrieb erst bei einer Höchstgeschwindigkeit von 307 km/h. Derweil hält die 8-Gang-Automatik stets den richtigen Gang bereit. Unterhalb von etwa 3.000 Umdrehungen ist der Motor vergleichsweise gelassen, darüber zieht der Motor kräftig bis in höhere Drehzahlen.

Auf der Rennstrecke spielt die nackte Leistung allerdings schnell eine Nebenrolle. Die Giulia lebt vielmehr von ihrem Fahrgefühl. Die Lenkung ist sehr direkt und vermittelt erstaunlich gut, was die Vorderreifen gerade machen. Beim Herausbeschleunigen aus Kurven macht sich das mechanische Sperrdifferenzial bemerkbar, welches das Drehmoment optimal an der Hinterachse verteilt, so dass sich die Giulia unter Last kontrolliert aus Kurven treiben lässt. Keine Frage, die Balance zwischen Grip und Agilität stellt eine der großen Stärken der Alfa Romeo Giulia Quadrifoglio dar.

Wer schneller werden will, muss zunächst lernen, sauber zu fahren. Die Fahrzeuge zeichnen daher unter anderem Beschleunigung, Bremsen, Geschwindigkeit und Lenkbewegungen auf. Anschließend lässt sich die eigene Fahrt mit den Daten eines professionellen Instruktors vergleichen.

Bei der Auswertung der Telemetrie werden plötzlich Dinge sichtbar, die ein Fahrer hinter dem Lenkrad nur schwer wahrnimmt. Hier wurde zu früh gebremst, dort zu spät eingelenkt, an anderer Stelle nach dem Scheitelpunkt noch zu lange gezögert. Die Software legt die eigene Linie über die Referenz des Profis und errechnet daraus den sogenannten Driving Quality Coefficient.

Das klingt technisch, ist aber erstaunlich einfach zu verstehen. Wenn der Instruktor an einer Stelle schneller ist, lässt sich ziemlich genau herausfinden, warum. Vielleicht liegt es an der Bremszone, vielleicht an der Linie oder schlicht daran, dass er früher und kontrollierter wieder ans Gas geht. Damit wird aus einem subjektiven „Das fühlte sich schnell an“ eine ziemlich objektive Analyse.

Rennsport-Gene statt Marketing-Blabla: Die Legende lebt

Dass Alfa Romeo die Driving Academy gemeinsam mit der Scuderia de Adamich betreibt, kommt nicht von ungefähr. Beide Unternehmen arbeiten bereits seit 1991 zusammen. Andrea de Adamich (1941 - 2025), der die Scuderia gründete, fuhr von 1968 bis 1973 selbst in der Formel 1. Mit einem Alfa Romeo Tipo 33 gewann de Adamich 1971 in der Sportwagen-Weltmeisterschaft zwei Rennen und wurde beim 24-Stunden-Rennen von Le Mans mit Alfa Romeo Vierter. Dazu war de Adamich mit Alfa Romeo zweimal Tourenwagen-Europameister in den Jahren 1966 und 1967. Heute wird die Scuderia von seinem Sohn Gordon de Adamich geführt. 

Die sportliche DNA, von der bei Alfa Romeo gerne gesprochen wird, ist keine Marketingformel. Praktisch seit der Gründung fährt die italienische Kultmarke Rennen. Bereits 1911 trat A.L.F.A. bei der Targa Florio an, 1923 folgte mit Ugo Sivocci der erste Sieg. Beim 24-Stunden-Rennen von Le Mans triumphierte der Alfa Romeo 8C 2300 zwischen 1931 und 1934 sogar viermal in Folge. 1950 schrieb Alfa Romeo anschließend Formel-1-Geschichte: Der Tipo 158 gewann den ersten Lauf der neu geschaffenen Weltmeisterschaft, Giuseppe Farina wurde noch im selben Jahr der erste Formel-1-Weltmeister. Ein Jahr später holte kein Geringerer als Juan Manuel Fangio im Alfa Romeo den nächsten WM-Titel.

Auch danach blieb Alfa Romeo auf der Rennstrecke eine feste Größe. In der Sportwagen-Weltmeisterschaft gewann die Marke 1975 und 1977 die Konstrukteurswertung, in der Tourenwagen-Europameisterschaft folgten zahlreiche Titel. Besonders eindrucksvoll war die Dominanz Anfang der 1970er-Jahre mit sechs EM-Titeln zwischen 1966 und 1972 sowie vier weiteren Hersteller-Titeln von 1982 bis 1985. 1993 sorgte schließlich Nicola Larini für einen der spektakulärsten Erfolge in der Deutschen Tourenwagen-Meisterschaft: Mit dem Alfa Romeo 155 V6 TI gewann der Italiener die DTM und holte dabei elf Rennsiege.

Am Ende zählen nicht die PS, sondern das Gefühl

Zurück in der Alfa Romeo Giulia Quadrifoglio wird nach mehreren Runden deutlich, dass die 520 PS gar nicht das Entscheidende dieses Tages sind. Die eigentliche Erfahrung entsteht dort, wo Fahrer und Auto anfangen, miteinander zu arbeiten.

Plötzlich achte ich auf Dinge, die sonst kaum auffallen: den Moment, in dem die Vorderachse beim Bremsen belastet wird, die Bewegung des Hecks beim Einlenken oder den Punkt, an dem sich die Lenkung wieder öffnen und sich das Gaspedal immer weiter durchtreten lässt. Die schnellste Runde entsteht nicht durch permanente Aggressivität, sondern durch Präzision. Spät genug bremsen, sauber einlenken, das Auto möglichst ruhig halten und dann so früh wie möglich wieder Leistung einsetzen.

Genau darin liegt die Stärke der Alfa Romeo Driving Academy. Sie nimmt die Emotion, die Alfa Romeo seit Jahrzehnten mit dem Autofahren verbindet, und ergänzt diese Rezeptur um etwas, das bei schnellen Autos oft zu kurz kommt: Verständnis. Am Ende steige ich deshalb nicht einfach aus einer schnellen Giulia aus, sondern mit dem Gefühl, das Auto ein Stück besser verstanden zu haben. Genau das ist die schönste Form von Fahrspaß.

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