Porsche 718 Boxster S 2016 Test: Ein Ritt auf der Rasierklinge

, 28.04.2016


Für Puristen eine harte Tatsache: Als Porsche ankündigte, dass der charaktervolle Sechszylinder-Boxermotor im neuen Porsche 718 Boxster der Geschichte angehört und der Roadster jetzt nur noch Vierzylinder-Turbomotoren erhält, war der Aufschrei groß. Doch die Macher verpassten dem Triebwerk im Porsche 718 Boxster S deutlich mehr Power. Dennoch: Ist der neue Porsche 718 Boxster S noch immer ein Reißer? Ein Test soll zeigen, ob der offene Sportwagen mit der neuen Antriebseinheit weiterhin den überragenden Fahrspaß und die großen Emotionen bietet - und dazu musste der Porsche in einem Kurvenrevier einiges über sich ergehen lassen.

Tief, breit und flach: Nie sah der Porsche Boxster in seiner bereits 20-jährigen Laufbahn angriffslustiger und begehrenswerter aus. Zusammen mit der Bezeichnung „718“, die sich auf den Wegbereiter des Boxsters aus dem Jahr 1957 bezieht, schärfte Porsche das Design des neuen Modells deutlich.

Die breite Front scheint den Asphalt durch die jetzt größeren Kühllufteinlässe aufsaugen zu wollen, während die Scheinwerfer mit dem Vierpunkt-Tagfahrlicht nur darauf warten, den Gegner anzuvisieren, bevor der Porsche 718 Boxster S im richtigen Augenblick zum Überholen ansetzt. Für eine optimale Luftversorgung des neuen Turbomotors und damit für kräftigen Vortrieb nehmen große, markante Lufteinlässe an den Seiten den Fahrtwind auf. Als echte Hingucker erweisen sich ebenfalls die 20 Zoll großen Felgen, welche die Radkästen unseres Testwagens bestens ausfüllen.

Sehr cool wirkt das neu gestaltete, deutlich breiter wirkende Heck - eine schwarze Akzentleiste mit integriertem Porsche-Schriftzug zwischen den flachen, schwarz eingefassten LED-Rückleuchten setzt den Hintern dabei attraktiv in Szene. Ebenso bestechend zeigt sich das 4-Punkt-Bremslicht. Für eine noch bessere Bodenhaftung sorgt der bei einer Geschwindigkeit von 120 km/h automatisch ausfahrende Heckflügel. Der vom Porsche 718 Boxster S Überholte darf dazu nur noch voller Hingabe das mittig angeordnete Doppelendrohr erblicken, das die Macher in das schwarze, sportliche Heckunterteil integrierten.

Die Stoffmütze steht dem Porsche 718 Boxster S sehr gut. Das Verdeck verläuft im geschlossenen Zustand sportwagentypisch flach. Praktisch, wenn es den Insassen zu kühl wird oder beginnt zu regnen: Auf Knopfdruck öffnet und schließt sich das Dach vollautomatisch in 9 Sekunden bis zu einer Geschwindigkeit von 50 km/h. Hervorzuheben ist, dass Porsche das Verdeck sehr gut dämmte und die Windgeräusche im geschlossenen Zustand gering ausfallen.

Antrieb: Ein Vierzylinder-Turbo - und verdammt schnell

Zuerst die nackten Zahlen: Für den Antrieb des Porsche 718 Boxster S sorgt ein 2,5 Liter großer Vierzylinder-Turboboxer mit 350 PS bei 6.500 U/min (plus 35 PS gegenüber dem Vorgänger). Das maximale Drehmoment von 420 Nm (plus 60 Nm) liegt über einem Drehmomentbereich von 1.900 bis 4.500 Touren an. Doch mit einem einfachen Turbo gab sich Porsche nicht zufrieden: Wie im Porsche 911 Turbo gelangt die variable Turbinengeometrie (VTG) zum Einsatz, die für eine noch gleichmäßigere Leistungsentfaltung und damit für deutlich mehr Fahrspaß sorgt.

Den Sprint von 0 auf 100 km/h erledigt der Porsche 718 Boxster S mit dem 7-Gang-Porsche-Doppelkupplungsgetriebe (PDK) und einer Launch Control in nur 4,2 Sekunden. Von 80 auf 120 km/h - wichtig für Zwischenspurts und Überholvorgänge auf der Landstraße - vergehen lediglich 2,8 Sekunden. Der Vortrieb endet erst bei einer Höchstgeschwindigkeit von 285 km/h. Dem gegenüber steht bei defensiver Fahrweise, die vermutlich nur wenige Fahrer des Porsche 718 Boxster S an den Tag legen, im Idealfall ein Durchschnittsverbrauch von 7,3 Litern Sprit auf 100 Kilometern (CO2-Ausstoß 167 g/km). Alles andere hängt vom persönlichen Fahrstil und Gasfuß ab.

Weitere Zutaten steigern die Neugierde auf den neuen Porsche 718 Boxster S. Die Macher spendierten dem Roadster die reaktionsschnellere und direktere Lenkung aus dem Porsche 911 Turbo, ließen sich bei der Hinterradaufhängung vom Hardcore-Sportwagen Porsche Cayman GT4 inspirieren und überarbeiteten außerdem die Federn, die Dämpfer und die Stabilisatoren. Dazu kommen breitere Räder und beim Boxster S die noch größeren Bremsen aus dem Porsche 911 Carrera. Es ist das radikalste Update in der Geschichte des Boxsters. Die Spannung auf die Fahreindrücke kann nicht größer sein.

Skeptiker werden belehrt: Dazu ist dieser Vierzylinder-Turbo fähig

Ein Druck auf das Gaspedal - und der Porsche 718 Boxster S spurtet extrem bissig nach vorne. Die Performance weiß zu beeindrucken und zu begeistern: Das maximale Drehmoment liegt bereits früh und über ein breites Drehzahlband an. Nur wenn der Fahrer bei ganz niedrigen Drehzahlen Gas gibt, lässt sich eine kleine Pause spüren, die nicht der Rede wert ist. Aber sobald der Turbo auf Touren kommt, und das ist bereits sehr früh der Fall, dann schießt der Roadster vehement nach vorne.

Doch die Überraschung folgt: Porsche gelang es, dem Vierzylinder-Turbobenziner die Charakteristik eines Saugmotors zu verpassen. Das Triebwerk zieht gierig bis auf 7.500 Touren hoch. Auch das Ansprechverhalten des Triebwerks im höheren Drehzahlbereich erinnert an den frei saugenden Sechszylinder-Boxermotor des Vorgängers. Im mittleren Drehzahlbereich knallt der neue Boxster sogar besser.

Auch wenn der Fahrer bei voller Beschleunigung den Fuß kurz vom Gaspedal nimmt, verhält sich das Turbo-Triebwerk reaktionsschnell wie ein Saugmotor. Die Drosselklappe bleibt geöffnet, nur die Benzineinspritzung setzt aus. Dadurch baut sich der Ladedruck nicht komplett ab, der Motor reagiert spontan auf erneutes Gasgeben, während das Doppelkupplungsgetriebe schnell und weich schaltet. Genauso scharf kann der Fahrer die Gänge über Paddles am Lenkrad einlegen.

Die Frage des Sounds: Jetzt gibt es die Antwort

Wer einmal mit dem Flat6-Virus infiziert ist, wird den ultimativen, ergreifenden Sound des Sechszylinder-Boxermotors vermissen, den der neue Porsche 718 Boxster S nicht besitzt. Dennoch: Der Sound des Vierzylinder-Turbomotors besitzt ebenfalls Charakter. Er klingt halt anders - im unteren Drehzahlbereich rau und bassig, oben herum erinnert der Klang sogar an den bösen Sound eines Subaru Impreza WRX STi. Das gibt es in Verbindung mit der optionalen Sportabgasanlage, die ein Käufer des Porsche 718 Boxster unbedingt bestellen sollte.

Fahrmodi: Das ist der Unterschied - Adrenalin auf Knopfdruck

Wie beim Porsche 911 Carrera umfasst das Sport-Chrono-Paket einen Mode-Schalter am Lenkrad, den die Macher vom Hybrid-Modus-Schalter des Porsche 918 Spyder ableiteten. Der Mode-Schalter besteht aus einem drehbaren Ring mit vier Positionen für die Fahrprogramme „Normal“, „Sport“, „Sport Plus“ und „Individual“. Die letztgenannte Einstellung ermöglicht es dem Fahrer, je nach Ausstattung sein ganz individuelles Fahrzeug-Setup des aktiven Dämpfersystems PASM, PDK-Schaltstrategie und Sportabgasanlage zu konfigurieren.

Der komfortbetonte „Normal“-Modus eignet sich ideal zum Cruisen. Deutlich lässt sich der Wechsel zum „Sport“- und zum noch schärferen „Sport Plus“-Modus spüren: Die Motordynamik wird noch direkter und die Sportabgasanlage lauter. Die Automatik des Doppelkupplungsgetriebes schaltet die Gänge zudem später hoch und früher zurück. Dazu ertönt beim „Sport“-Modus ein emotionales Bollern aus den Endrohren. Herrlich! Im „Sport Plus“-Modus bleibt das Brabbeln allerdings aus. Nicht ohne Grund: Porsche wählte andere Zündzeitpunkte, so dass der Porsche 718 Boxster S dadurch noch schneller ist.

In Verbindung mit dem Sport-Chrono-Paket bietet das System außerdem den über die PSM-Taste in der Mittelkonsole separat schaltbaren Modus mit der Bezeichnung „PSM Sport”. Er unterscheidet sich funktional vom Normal-Modus “PSM On” und lässt sich jetzt auch unabhängig vom „Sport Plus“-Modus des Sport-Chrono-Pakets aktivieren.

Mit dem „PSM Sport“-Modus lässt es sich dem Grenzbereich noch weiter nähern. Im Vergleich zu „PSM On“ erlaubt die neue Funktion das Driften und höheren Schlupf an den Antriebsrädern. Selbst für ambitionierte Sport-Fahrer erübrigt sich eine Vollabschaltung des PSM. Der „PSM Off“-Modus ist jedoch weiterhin verfügbar und wird über eine lange Betätigung der PSM-Taste aktiviert. Aber auch im „PSM Off“-Modus sowie im neuen „PSM Sport“-Modus aktiviert starkes Bremsen im ABS-Regelbereich die stabilisierende Unterstützung des PSM erneut in vollem Umfang - so lange, bis die Bremse wieder gelöst wird.

Fahrwerk: Mit sportlicher Härte grandios ums Eck

In Kurven zeigt der Porsche 718 Boxster S, dass er ein echter Sportwagen ist, der grandios ums Eck geht. Ausgestattet mit dem PASM-Sportfahrwerk (Porsche Active Suspension Management), das die Karosserie um 20 Millimeter absenkt und kontinuierlich für jedes einzelne Rad die Dämpferkraft regelt, besitzt der Roadster im „Sport“-Modus ein hartes Fahrwerk. Dafür weist der Porsche sogar in schnell durchfahrenen Kurven kaum Seitenneigung auf, während die Keramik-Bremsen mit rundum 350 Millimeter großen Scheiben und 6-Kolben-Festsätteln an der Vorderachse sowie 4-Kolben-Pendants hinten bei Bedarf kräftig zupacken und sich bestens dosieren lassen.

Der Porsche 718 Boxster S lenkt direkt ein, so dass sich der Roadster optimal positionieren lässt. Das Mittelmotor-Konzept trägt mit der idealen Gewichtsverteilung dazu bei, höchst agil die Richtung zu wechseln, während die „Pirelli P Zero“-Reifen für viel Grip sorgen. Dieser Sportwagen ist scharf wie eine Rasierklinge und weiß Kurven zu beugen. Überraschend hoch fällt dazu der Grip an der Vorderachse auf.

Mit Speed beschleunigt der Roadster aus Kurven heraus. Dazu verteilt eine elektronisch geregelte Hinterachs-Quersperre vollvariabel die Antriebsmomente (PTV Plus - Porsche Torque Vectoring): Das kurveninnere Hinterrad wird leicht abgebremst, so dass das kurvenäußere Hinterrad eine höhere Antriebskraft besitzt. Das System arbeitet so intensiv, dass der Porsche nicht genug von Kurven bekommen kann und beim Fahrer impulsiv die Glückshormone freizusetzen weiß.

Sport Response Button: In neue sportliche Sphären katapultiert

Für ein zusätzliches Grinsen sorgt der im Mode-Schalter integrierte „Sport Response Button“. Einmal gedrückt, konfiguriert das System den Antriebsstrang für 20 Sekunden für eine bestmögliche Beschleunigung vor, zum Beispiel für anstehende Überholvorgänge. Dazu wird der optimale Gang eingelegt, der Ladedruck deutlich schneller aufgebaut und die Motorsteuerung kurzzeitig für ein noch spontaneres Ansprechen angepasst. Das reißt in der Tat mit und kann in bestimmten Situationen durchaus den Spaß steigern, um den Gegner in die Schranken zu weisen oder einfach für sich den Extra-Kick emotional zu genießen.

Innenraum: Jetzt mit der digitalen Welt vernetzt

Der konsequent sportlich ausgelegte Innenraum besticht durch hochwertige Materialien und eine sehr saubere Verarbeitung. Leder kommt umfangreich zum Einsatz - nicht nur auf dem Armaturenbrett, auch die Mittelkonsole hüllten die Macher mit Leder ein und setzten dazu präzise Kontrastnähte. Für weitere Akzente sorgen zahlreiche Aluminium-Applikationen. Geräumig ist der Porsche 718 Boxster S, der für bis zu zwei Meter große Personen komfortabel Platz bietet, außerdem.

Im Zentrum des Cockpits steht das neue, serienmäßige „Porsche Communication Management“ (PCM) mit einem 7 Zoll beziehungsweise 17,8 Zentimeter großen Touchscreen, das durch seine einfache Bedienung besticht und sich um diverse Module erweitern lässt. Smartphones, Tablets und Notebooks können die Insassen per WLAN verbinden. Neu ist die Möglichkeit zur Verbindung des iPhones zwecks Nutzung von „Apple CarPlay“, inklusive der Sprachsteuerung „Siri“, um Apps des iPhones auch während der Fahrt nutzen zu könen.

Für eine verbesserte Navigation stehen Echtzeit-Verkehrsinformationen zur Verfügung, die dem Fahrer einen schnellen Überblick über die Verkehrslage und eine dynamische Anpassung der Route bieten. Zur besseren Orientierung integrierte Porsche erstmals die Dienste „Google Earth“ und „Google Street View“. Ein weiterer Bestandteil des PCM stellt „Porsche Connect App“ dar, das zum Beispiel Navigationsziele vom Smartphone an das Fahrzeug überträgt, während „Porsche Car Connect“ das Abrufen von Fahrzeugdaten über eine Smartphone-App und die Fernsteuerung bestimmter Fahrzeugfunktionen ermöglicht.

Gleich zwei Kofferräume - und so viel passt rein

Von einem echten Sportwagen, insbesondere einem Roadster mit hochagiler Fahrdynamik, kann man viel erwarten, aber oftmals keinen Platz für Gepäck. Ganz anders der Porsche 718 Boxster S, der durch das Mittelmotor-Konzept zwei Kofferräume bietet: Der vordere Gepäckraum mit 150 Litern Ladevolumen ist tief und gut zugeschnitten, der hintere mit 125 Litern Volumen besitzt eine große Öffnung, jedoch ein flacheres Fach. Unterm Strich bietet der Porsche 718 Boxster S ein Ladevolumen von 275 Litern, das zwei Reise-Trolleys und zwei Reisetaschen genügend Platz bietet. Sogar einer Reise steht damit nichts im Wege.

Ein großes Arsenal an Ablagen im Innenraum bietet der Porsche 718 Boxster S nicht. Aber es gibt clevere Lösungen: Auf den ersten Blick wirken die Ablagefächer in den Türen schmal geschnitten. Allerdings lassen sich die Fächer ausklappen, so dass auch dort Flaschen hineinpassen. Kleiderhaken besitzt der Roadster ebenfalls - nämlich an den Rücksitzlehnen. Dazu kommen in der Mittelkonsole ein offenes und geschlossenes Fach sowie zwei Getränkehalter, die Porsche auf der Beifahrerseite hinter der Zierblende über dem Handschuhfach integrierte.

Fazit:

Porsche traf erneut ins Schwarze: Der Porsche 718 Boxster S sieht verdammt cool aus. Aber es lässt sich nicht leugnen, dass der neue 2,5 Liter große Vierzylinder-Boxermotor mit Turbo-Aufladung nicht den ultimativen Sound des Sechszylinder-Boxermotors besitzt. Dennoch: Er ist echt bissig! Die deutlich gestiegene Power, das Mittelmotor-Konzept und das überragende Handling durch Modifikationen an den richtigen Stellen machen den neuen Porsche 718 Boxster S zu einem der begehrenswertesten Roadster auf dem Markt.


Technische Daten Porsche 718 Boxster S PDK:

Antriebsart: Heckantrieb
Hubraum Vierzylinder-Turbo-Boxermotor: 2.497 cm³
Leistung: 257 kW/350 PS bei 6.500 U/min
Drehmoment: 420 Nm bei 1.900-4.500 U/min
Getriebeart: 7-Gang-Doppelkupplungsgetriebe (PDK)
Vmax: 285 km/h
Beschleunigung 0-100 km/h: 4,4 Sekunden (4,2 Sekunden mit Sport Chrono Paket)
Leergewicht: 1.460 Kilogramm
Durchschnittsverbrauch: 7,3 l/100 km
CO2-Emission: 167 g/km
Preis: ab 68.967,25 EUR

1 Kommentar > Kommentar schreiben

05.07.2018

Hallo, Ich bin den Boxster s mit Schaltgetriebe und nur 4 Zylindern gefahren, Porsche Zentrum Düsseldorf. Der Sound ist mäßig, die Laufkultur des Motors im unteren Drehzahlbereich rauh. Das rauhe Laufen des Motors verursacht auch das ein oder andere Knarzen im Innerraum bei niedrigen Geschwindigkeiten. Ein optisch ansprechendes Fahrzeug mit Defiziten im Motorenbereich Achim Pfeifer (Dipl.Ing.)


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