Alain Prost: So könnten Privatteams eine Chance bekommen

, 23.06.2016

Ex-Weltmeister Alain Prost wünscht weniger Aerodynamik und mehr Freiheiten beim Einsatz der Reifen: Vorne weich, hinten hart - und schon gibt es Überraschungen

Die Formel 1 wird seit über zwei Jahren von Mercedes dominiert. Auch in der aktuellen Saison 2016 haben die Gegner nur bei technischen Gebrechen der Silberpfeile oder bei Kollisionen der Mercedes-Piloten Lewis Hamilton und Nico Rosberg eine Chance. Ferrari, Red Bull und Co. betreiben immensen Aufwand, um die Lücke zu den amtierenden Champions zu schließen, dennoch ist man bisher kaum näher gekommen. Die neuen Regeln zur Saison 2017 sollen das Feld wieder neu mischen.

Ex-Formel-1-Weltmeister Alain Prost ist mit den Regularien für das kommende Jahr "grundsätzlich nicht unzufrieden", aber der Franzose sieht auch Schwachstellen. Aus seiner Sicht werden die kleinen Privatteams wie Sauber und Force India im Wettbewerb erneut kaum Chancen haben, weil das Regelwerk die Aerodynamik zu sehr in den Vordergrund rückt. Die Topteams haben diesbezüglich mehr Ressourcen, die kleinen Mannschaften daher weniger gute Aussichten.

"Es wäre grundlegend wichtig, dass private Teams manchmal vorne mitmischen können. Das geht nur, wenn man weniger Aerodynamik und mehr mechanischen Grip sowie mehr Möglichkeiten bei der Strategie hat - vor allem bezüglich der Reifen", schildert der viermalige Formel-1-Weltmeister. "Das Problem mit mehr Abtrieb ist, dass die großen Teams dort ganz andere Möglichkeiten haben." Ferrari, Mercedes, McLaren und Red Bull haben Supercomputer und Simulatoren, die stets auf dem allerneuesten Stand sind.

Komplett freie Reifenwahl als Chance für kleine Teams

"Bei weniger Downforce, also im Verhältnis mehr mechanischem Grip von den breiteren Reifen, wäre es für die kleinen Teams möglich, viel mehr über die mechanische Seite zu erreichen. Auch über die Reifennutzung, vielleicht sogar über einfach mal eine ganz andere Reifenwahl", meint Prost. Der heutige Renault-Markenbotschafter und Einsatzleiter in der Formel E könnte sich eine mutige Herangehensweise bei den Pirelli-Auswahlmöglichkeiten vorstellen.

"Ich würde einfach drei Mischungen machen und völlig freie Wahl für die Teams. Sogar weiche Reifen an der Front und härtere am Heck könnte man ermöglichen", überrascht Prost mit einem forschen Plan. "Dann wird man sehen, dass manchmal Mittelfeldteams ihr Auto genau auf solch wilde Szenarien einstellen werden und dadurch glänzen. Die Topteams können das nicht tun, denn sie müssen im Wettbewerb vorsichtiger agieren. So kann es Überraschungen geben."

Auf sportlicher Seite könnte es aus Sicht des Ex-Champions mehr Abwechslung geben. Allerdings ist damit ein zweites Problem der kleinen Privatteams noch längst nicht gelöst. Die Kosten in der Formel 1 sind zu hoch, vor allem jene für die Hybridantriebe. "Es war immer so mit den Motoren, so ist es jetzt halt auch noch", sieht Prost dieses Problem nicht als hausgemachtes Thema nach der Einführung der neuen V6-Turbo-Hybridantriebe.

"Als ich damals 2001 Teambesitzer war, da musste ich 32 Millionen Dollar für den Motor zahlen - bei einem Gesamtbudget von 45 Millionen", erklärt Prost, der das ehemalige Ligier-Team von 1997 bis 2001 unter dem Namen Prost Grand Prix weiterführte. "Deswegen konnte das gar nicht mehr funktionieren. Übrigens war damals Jean Todt der Boss bei Ferrari. Mir fehlten zehn Millionen. Die waren schlichtweg nicht vorhanden. Deswegen konnte ich nicht weitermachen."

Alain Prost: Motoren waren immer schon zu teuer

Red Bull hätte Ende 2015 aus einem anderen Grund womöglich nicht weitermachen können. Die Mannschaft aus Milton Keynes hat zweifellos jederzeit ausreichend Budget. Aber man wollte zunächst nicht länger mit dem langjährigen Partner Renault zusammenarbeiten, sondern stattdessen lieber konkurrenzfähigere Antriebe von Mercedes oder Ferrari beziehen. Doch die beiden Werke wollten aus Angst vor zu starker Konkurrenz nicht liefern.

"Es kann nicht sein, dass ein Team keinen Antrieb bekommt. So etwas muss irgendwie garantiert sein", sagt Prost und befürwortet den im Reglement festgeschriebenen Lieferzwang. "Allerdings weiß ich gar nicht genau, wie das denn funktionieren soll. Nehmen wir mal die Situation von Red Bull im vergangenen Jahr. Können die dann frei zwischen den Herstellern wählen? Können die einfach sagen, dass sie zu Ferrari wechseln und niemand kann das verhindern oder verweigern? Ich weiß nicht, ob das so geht."

"Auf der anderen Seite ist das schon richtig. Wir haben drei Hersteller, die liefern können. Da sollten alle Teams einen Antrieb bekommen können", sagt prost und vergisst bei seiner Rechnung offenbar Honda, die sich bislang voll auf die Partnerschaft mit McLaren konzentrieren. "Es läuft eigentlich auf eine grundsätzliche Frage hinaus: Ist die Formel 1 eine reine Hersteller-Meisterschaft? Oder dürfen weiterhin Privatteams mit realistischen Aussichten am Wettbewerb teilhaben?"

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