Duell Vettel vs. Hamilton: Deshalb scheiterte die Ferrari-Taktik

, 12.06.2016

Spontan auf das Virtuelle Safety-Car zu reagieren und strategische Flexibilität zu opfern, kam Ferrari iteuer zu stehen: "Hätte das Auto fast in die Wand geschmissen"

Ferrari scheint es mittlerweile aus eigener Kraft mit Mercedes aufnehmen zu können. Das ist eine der Lehren aus dem Kanada-Grand-Prix am Sonntag, den Lewis Hamilton erst nach zähem Kampf und einem Fernduell mit Sebastian Vettel gewann. Es war eine strategische Fehlentscheidung der Scuderia, die die Silberpfeile letztlich auf die Siegerstraße brachte und Vettel daran hinderte, aus seinem Tempo Kapital zu schlagen - auch wenn Teamchef Maurizio Arrviabene das anders sah.

Der Italiener will nichts davon wissen, den ersten Erfolg der Saison in der Box liegen gelassen zu haben, obwohl er einen Patzer bei der Kalkulation einräumt: "Wir müssen aus der Geschichte nicht mehr machen als dran ist", wehrt sich Arrivabene gegen die Behauptung, der Kommandostand hätte Vettel in Montreal den ersten Platz gekostet. "Wir haben heute einen Fehler gemacht. Aber schlimm ist es erst, wenn man deshalb den Sieg verschenkt." Wir fragen: Hat Ferrari das nicht doch getan?

Nicht zur Debatte steht, dass die Truppe in Rot nach Vettels Raketenstart die falsche Entscheidung traf. Sie wollte daraus Kapital schlagen, dass das Rennen in Runde elf mit dem Virtuellen Safety-Car neutralisiert wurde - dann geht bei einem Boxenstopp weniger Zeit verloren als unter Grün. Das Problem: Um im Plan für eine Einstopp-Taktik zu bleiben, war die Restdistanz noch viel zu groß. "Wir haben uns sehr früh auf eine andere Strategie eingelassen", stellt Vettel fest.

Pflichtreifenmischung Soft nagelte Vettel früh fest

Hinzu kam, dass die Finesse nur rund fünf Sekunden Zeitvorteil im Vergleich zu einem Halt bei normalen Bedingungen wert war. Zu wenig. "Denn die Safety-Car-Phase war überraschend schnell wieder zu Ende", meint Vettel. Er nahm bei seinem Service Supersoft- statt der Ulrasoft-Reifen mit, womit sein zweiter Stopp unausweichlich wurde - er brauchte noch die Pflichtmischung Soft auf den Achsen. "Lewis hatte die Chance, draußen zu bleiben und abzuwarten, was mit den Reifen passiert", erklärt Vettel, wie Hamilton die Spitze übernahm und bis Runde 24 behauptete.

Der Weltmeister hatte zu diesem Zeitpunkt aus zwei Gründen Sorgenfalten auf der Stirn: Erstens Vettels Tempo. "Er fuhr wie der Blitz", staunt Hamilton darüber, dass er seinen Kontrahenten auf der Strecke nicht attackieren konnte - und das, obwohl er sich in das DRS-Fenster gefahren hatte. Auf den Geraden zahlte sich Ferraris neuer Turbolader voll aus. "Ich war wirklich überrascht, weil ich dachte, wir würden jetzt die Klingen kreuzen", sagt Hamilton über den Vettel-Boxenstopp.

Zweitens waren seine eigene Pneus in keinem guten Zustand mehr: "Ich war mir nicht sicher, was den Ultrasoft betraf. Ich habe schon Körnen bemerkt, als ich hinter Sebastian war." Das war nach wenigen Runden und von Mercedes offenbar so prognostiziert worden. "Das Team hat uns gesagt, wie lange die Reifen halten würden. Ich wurde deshalb nervös, aber sie schienen es mitzumachen."

Vettels Aufholjagd: Hätte das Auto fast in die Wand geschmissen"

Hamilton wechselte anschließend auf Soft und brannte - wieder auf dem zweiten Rang zwei - ein Feuerwerk ab. "Der Reifen war wie Butter", schwärmt er. "Es ging nur um das Gefühl. Dass der Soft lange halten würde, wussten wir vorher. Es war alles prima: Ich musste anfangs nicht zu viel Druck machen und konnte die Pneus schonen." Dass das mit Zeiten, die der Konkurrenz Angst und Bange machen sollten, gelang, spricht für Mercedes. Vettel allerdings zog seinerseits das Tempo an.

"Der Schlagabtausch mit Zeiten mit dem Kerl hat mir Spaß gemacht. Sie machen uns wirklich die Hölle heiß", beschreibt Hamilton das Fernduell bis Runde 37, als der erstarkte Vettel den zweiten Stopp einstreute und wieder zurückfiel. Der Deutsche fuhr am Limit, verpasste immer wieder die Schlussschikane, führt das aber nicht auf den Druck zurück: "Ich hatte Probleme mit Rückenwind. Ich war das ganze Rennen über dort nicht sicher. Ich habe mich dreimal ein bisschen verschätzt. Ich habe bis zum Schluss alles probiert, habe das Auto hier oder da fast in die Wand geschmissen."

Gretchenfrage: Hätte sich Vettel an der Spitze gehalten, wenn er nur einen Stopp gemacht hätte? Die Probleme beim Überholen, die im Mittelfeld Nico Rosberg mit dem Mercedes hatte, sprechen dafür. Dass die Taktik mit dem vorgezogenen Boxenstopp bei Teamkollege Kimi Räikkönen aufging, ist ein Argument dagegen. "Der Unterschied zwischen einer Ein- oder Zweistoppstrategie war nur marginal", glaubt Mercedes-Sportchef Toto Wolff, erwähnt aber das Risiko der ersten Option: "Wir waren uns bei den Reifen bis zum Ende nicht sicher."

Ferrari war sich sicher - und war auf dem Holzweg. "Sie haben besser durchgehalten, als wir das erwartet haben", räumt Vettel ein. Auch Arrivabene lässt keine zweite Meinung zu, wenn es darum geht, was die richtige Herangehensweise gewesen wäre: "Wir haben den Reifenabbau überschätzt. Deshalb haben wir ihn auch reingerufen - und es war die falsche Entscheidung."

Jetzt kommentieren
Jetzt bewerten

Zum Bewerten musst Du registriert und eingeloggt sein.

Weitere Formel 1-News

Blickt weiter optimistisch in die Zukunft: Sebastian Vettel

Vettel versteht Journalisten nicht: Ferrari weiter …

Sebastian Vettel ist trotz des Erstarkens des Red-Bull-Teams überzeugt, dass Ferrari 2016 weiter ärgster Mercedes-Verfolger sei. Ergo hat der Heppenheimer kein Verständnis dafür, warum er …

Kommt Ferrari dank Motorupgrade am Wochenende in Kanada in Fahrt?

Ferrari in Kanada mit Motorupdate näher an Mercedes dran?

Die Scuderia Ferrari kommt mit dem schlechtesten Saisonergebnis im Gepäck nach Kanada. In Monaco konnte Sebastian Vettel lediglich zwölf Zähler einfahren, Kimi Räikkönen sah die …

Qualifying-Schwäche: Immer wieder samstag flutscht es nicht bei Ferrari

"Absurdes" Qualifying-Problem: Ferrari versumpft im …

Die Formel-1-Szene beschwor vor Saisonbeginn das Duell Mercedes versus Ferrari, doch seit gut zwei Wochen spricht kaum noch jemand über die Scuderia, wenn es um die WM-Titel geht. Red Bull ist das Team …

Nico Rosberg und Gerhard Berger sind in den Vertragsverhandlungen ein Team

Ferrari-Gerüchte: Kein klares Dementi von Nico Rosberg

Seit der 'Corriere della Sera' vergangene Woche über einen "sensationellen Flirt" zwischen Nico Rosberg und Ferrari berichtet hat, kommt die "Silly Season" 2016 so richtig in Schwung. Rosberg, der …

Gut gelaunt in der Pressekonferenz am Mittwoch in Monaco: Sebastian Vettel

Sebastian Vettel: Erster Monaco-Sieg für Ferrari seit 2001?

Mit bislang neun Grand-Prix-Siegen ist Ferrari beim Formel-1-Klassiker in Monaco die zweitbeste Marke aller Zeiten - nur McLaren war im Fürstentum erfolgreicher (15 Siege). Der letzte Erfolg der Roten …

AUCH INTERESSANT
20 unglaubliche Fakten: Pikes Peak und der Fabel-Rekord

AUTO-SPECIAL

20 unglaubliche Fakten: Pikes Peak und der Fabel-Rekord

Härter, schneller und noch krasser: „Pikes Peak“ ist der „Heilige Gral“ unter den Bergrennen und geht in die Extreme. Volkswagen war dort so schnell wie niemand zuvor und schaffte es, einen …


Formel1.de

TOP ARTIKEL
Ford Mustang Bullitt 2018: Der erste Check und der Preis
Ford Mustang Bullitt 2018: Der erste Check und …
Seat Ibiza FR 2018: Was reißen drei Zylinder im Sport-Test?
Seat Ibiza FR 2018: Was reißen drei Zylinder im …
Louis Vuitton Ferrari gehört 15-jährigem
Louis Vuitton Ferrari gehört 15-jährigem
News-Abo
Jeden Morgen kostenlos per E-Mail:
Aktuelle Artikel
20 unglaubliche Fakten: Pikes Peak und der Fabel-Rekord
20 unglaubliche Fakten: Pikes Peak und der …
Lamborghini Aventador SVJ: Monster holt Nordschleifen-Rekord
Lamborghini Aventador SVJ: Monster holt …
Porsche 718 Cayman GTS Test: Lohnen sich die 11.000 Euro?
Porsche 718 Cayman GTS Test: Lohnen sich die …
Porsche Cayenne E-Hybrid Test: Was er wirklich verbraucht
Porsche Cayenne E-Hybrid Test: Was er wirklich …
Porsche 919 Hybrid Evo: Neuer Rekord auf der Nordschleife?
Porsche 919 Hybrid Evo: Neuer Rekord auf der …


Speed Heads - Sportwagen- und Auto-Magazin

Das Auto und Sportwagen Magazin mit täglich aktualisierten Auto News, Motorsport News, Auto Tests, Sportwagen Berichten und der streng geheimen Auto Zukunft. Speed Heads ist die Community für echte Auto-Fans und informiert im Sportwagen Magazin über Neuigkeiten aus der Welt der schnellen Autos.

  • emotiondrive Logo
  • Torpedo Run Logo
  • Motorsport Total Logo
  • autoaid Logo