Episches Monaco-Duell: Wie Hamilton Ricciardo niederrang

, 29.05.2016

Taktischer Geniestreich von Mercedes, peinlicher Red-Bull-Stopp, knallharter Bodycheck ohne Strafe: Hamilton huldigt Ricciardo, Lauda zieht das Kapperl

Es war ein Fight der alten Schule, der Lewis Hamilton seinen ersten Rennsieg seit Oktober 2015 - seit sieben Monaten - bescherte. Der Brite profitiere beim Monaco-Grand-Prix am Sonntag erst von einem Malheur der Red-Bull-Mannschaft, um sich anschließend rundenlang auf den älteren und weicheren Reifen gegen den heranstürmenden Daniel Ricciardo zu verteidigen - in einer Szene mit harten Bandagen, die im Paddock kontrovers diskutiert, von der FIA aber nicht sanktioniert wurde.

Verständlich, dass Hamilton nach dieser Achterbahnfahrt heilfroh und den Tränen nahe war, als er den Pokal aus den Händen Fürsts Albert II. entgegennahm. "Ich danke Gott, dass es an diesem Tag so gelaufen ist, wie ich gehofft hatte. Mir fehlen die Worte dafür, für einen Tag wie diesen habe ich gebetet", zeigte sich der Brite auf dem Podium emotional. "Es war unglaublich! Es war das härteste Rennen, an das ich mich erinnern kann. Rennen hier sind ist immer tricky und in Monaco ist Regen schrecklich." Das komplette Gegenteil: Ricciardo, der für den Grand Prix ebenfalls keine Worte fand, dem dabei jedoch sein Dauergrinsen einfror.

"Ich will zu diesem Rennen gar nichts mehr sagen", winkt der Australier ab. Die Enttäuschung war ihm ins Gesicht geschrieben, nachdem er die Pole-Position und eine Führung von über 20 Sekunden mit dem mutmaßlich besten Auto verzockt hatte, obwohl er Regen und eine abtrocknende Strecke fast ohne Fahrfehler gemeistert hatte. "Wir haben eine Show gezeigt, aber so spannend wie es war, hätte es nicht sein sollen", so Ricciardo, dem eine Verkettung der Umstände zum Verhängnis wurde.

Zweite Niederlage in Serie: Ricciardo gefriert das Lächeln

Offenbar schreibt er die Pleite seinem Red-Bull-Team zu und erinnert an die missratene Strategie beim Spanien-Grand-Prix, mit der er sich eine Pleite gegen den neuen Shootingstar Max Verstappen einhandelte: "Es ist jetzt schon das zweite Wochenende in Serie, dass ich der Gelackmeierte bin. Es stinkt mir, es tut weh", beklagt Ricciardo und offenbart ein neues Gesicht. Lächeln? Keine Spur.

Die Geschichte der Reihe nach: Nachdem Hamilton von seinem Team in der Anfangsphase an dem von Bremsproblemen geplagten Nico Rosberg per Teamorder vorbeigeschickt wurde, wagte er auf Platz zwei liegend einen raffinierten Schachzug: Statt wie fast alle anderen Piloten von Regenreifen auf Intermediates zu wechseln, fuhr er solange mit blau markierten Gummis, bis die Bahn reif für Trockenpneus war. Sein Rückstand auf Ricciardo betrug gut 22 Sekunden - ein Boxenstopp plus x also.

Verpatzter Red-Bull-Boxenstopp drehte die Vorzeichen

Ricciardo vor ihm schob den Wechsel in Runde 23 ein, fiel hinter Hamilton zurück und schloss die Lücke mit den besser gehenden Intermediates wieder, kam jedoch in den engen Straßen Monacos nicht an dem sich breit machenden Weltmeister vorbei, obwohl er deutlich schneller war. "Ich habe Grip verloren, aber so konnte ich durchfahren. Das war mein Siegtor", befindet Hamilton. Er riskierte in Runde 31 den Tausch auf Ultrasoft, Ricciardo quetschte mit freier Fahrt alles aus seinem RB12 heraus. Als er einen Umlauf später ebenfalls kam, passierte der Crew das Malheur.

Erst als der Wagen bereits stand und aufgebockt war, schafften die Mechaniker die Reifen herbei. Sekunde um Sekunde verging. "Keine Ahnung", wundert sich Ricciardo darüber, was bei der sonst so virtuos organisierten Truppe vor sich ging. Ungewohnt offen formuliert er Vorwürfe, wie die Fans sie nur aus einer seiner schwärzesten Stunden beim Kanada-Grand-Prix 2015 kannten: "Ich wurde in die Box gerufen, habe das nicht selbst entschieden. Sie sollten bereit sein."

Red Bull sprach anschließend von einem "Kommunikationsfehler". Helmut Marko ärgert sich so sehr wie sein Pilot: "Wir haben Mercedes den Sieg auf dem Präsentierteller serviert", schüttelt er den Kopf und deutet an, dass einige Verantwortliche ein Donnerwetter erleben werden. "Es tut mit sehr Leid für Daniel. Wir können uns bei ihm nur entschuldigen. Bei uns gab es leider viele Missverständnisse und Kommunikationsfehler. Wir werden das untersuchen und herausfinden. Es handelt sich um ein menschliches Versagen", poltert die Red-Bull-Eminenz.

Hamilton profitierte und zog klammheimlich vorbei. Ricciardo bog nur wenige Meter hinter dem Silberpfeile wieder auf die Strecke ein - Meter, die der verpatzte Stopp gekostet hatte. "Wir waren im Nassen schnell genug und sind dann ein unnötiges Rennen gegen Lewis gefahren. Ich war der Schnellste unter allen Bedingungen", trauert er der verpassten Chance nach. Denn ein furioser Angriff in der Hafenschikane, den Hamilton nur mit dem Ausweichen in die Auslaufzone parieren konnte, brachte ihm Platz eins nicht zurück. Im Gegenteil: Neuer Frust machte sich breit.

Kontrovers: Keine Strafe für "Bodycheck" nach der Hafenschikane

Denn Ricciardo versuchte anschließend, Hamilton ausgangs der Hafenschikane auf der Außenbahn zu düpieren. Doch der Brite warf die Tür zu und drückte Ricciardo in Richtung der Leitplanke, obwohl er zuvor die Strecke abgekürzt hatte. Trotz einer Untersuchung der Rennleitung blieb die Aktion ohne Folgen, was von vielen Fans in den sozialen Netzwerken harsch kritisiert wurde. Für Hamilton sprach jedoch, dass er sich in einer neuen Szene verteidigte und Ricciardo noch nicht neben ihm war. Ob der Red-Bull-Mann überhaupt vorbeigekommen wäre, weil er in der folgenden Tabak-Kurve die Außenbahn gehabt hätte, ist ein weiteres Argument pro Freispruch.

Ricciardo, der für den Rest des Rennens Supersoft aufgeschnallt hatte und damit mehr Reserven bei den Gummis hatte, ließ kurz die Flügel hängen, um sich ein weiteres Mal heranzukämpfen. Doch Hamilton blieb ohne Fehler, den es in Monaco braucht, um eine Position zu verlieren: "Das war der längste Stint, den ich jemals gefahren bin. Einfach verrückt", beschreibt Hamilton seine Aufgabe am Volant. "Man muss verstehen, wie viel durchdrehende Räder man sich erlauben darf und weiß nicht, wie lange sie halten. In der letzten Runde gingen sie in die Knie." Zu spät für Ricciardo.

Mercedes-Strategie war ein geplanter Geniestreich

Hamilton profitierte von zahlreichen virtuellen Safety-Car-Phasen, dank denen er mit den Reifen haushalten konnte - und siegte. Niki Lauda zog das Kapperl: "Hochachtung vor LewisŽ Fahrt, weil: ein Stopp, Regen und der schwierigste Gegner Red Bull mit Ricciardo. Er hat es also wirklich aus Fahrerqualität geschafft, ihn zu schlagen." Für die Rennlegende und Mercedes-Verantwortlichen war nicht der Red-Bull-Boxenstopp die entscheidende Szene: "Ich würde das nicht geltend machen. Wenn die länger stehen als Mercedes, kann man auch nichts machen."

Sportchef Toto Wolff spricht bei dem langen Ultrasoft-Stint von einem geplanten Manöver, nicht von einem Glücksgriff: "Wir wussten von dem Red-Bull-Longrun am Donnerstag, dass der Reifen vierzig Runden geht", erklärt er. Seine Farben hätten dann den Kürzeren gezogen, als es darum ging, den Pneu schlagartig arbeiten zu lassen - so wie im Qualifying, als Ricciardo vorne lag. "Wir haben von Anfang an Probleme gehabt, die Reifen auf Temperatur zu bringen. Deswegen war es unsere einzige Chance, so einigermaßen mitzufahren." Ein geniales Manöver, wie sich herausstellte.

Im Cockpit setzte Hamilton alles perfekt um. Und verneigte sich auf dem Podium vor Ricciardo. "Er ist einer der besten Fahrer, gegen die jemals gekämpft habe. Ich stand unter so einem Druck und es war so knapp, allen voran bei den Restarts. Er ist sicher nicht der Glücklichste, aber er sollte stolz darauf sein, wie er gefahren ist", so der dreimalige Champion. Stolz war Ricciardo vielleicht, sein Gesichtsausdruck erinnerte jedoch an das Rennstart-Wetter: sieben Tage Regen.

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