Mosley über Imola 1994: "Aus Selbstgefälligkeit wurde Panik"

, 18.01.2016

Max Mosley erinnert sich an das dunkelste Kapitel seiner FIA-Präsidentschaft zurück und spricht darüber, wie Imola 1994 die Formel 1 nachhaltig verändert hat

Wohl kein anderes Grand-Prix-Wochenende der moderneren Formel-1-Geschichte ist den Fans der Königsklasse in negativer Hinsicht so sehr im Gedächtnis geblieben wie Imola 1994. An dem tragischen Wochenende starben mit Roland Ratzenberger und Ayrton Senna gleich zwei Piloten und die Formel 1 erlebte ihre ersten beiden Todesfälle seit mehr als zehn Jahren. Seit Riccardo Paletti (13. Juni 1982) war war bis zu jenem Wochenende im Rahmen eines Grand Prix kein Fahrer mehr tödlich verunglückt.

Die tödlichen Unfälle von Ratzenberger und Senna waren auch für den damaligen FIA-Präsidenten Max Mosley ein einschneidendes Erlebnis. "Bis dahin hatte ich immer den Eindruck, dass die Formel 1 noch immer unnötig gefährlich war. Aber es war schon viel sicherer geworden, denn für die Autos wurden zum Beispiel bereits viel bessere Materialien verwendet. Es gab Verbesserungen", erinnert sich Mosley im Gespräch mit 'talkSPORT' zurück.

Allerdings waren die Formel-1-Autos der frühen Neunzigerjahre aus heutiger Sicht noch immer brandgefährlich. Es gab noch keine erhöhten Cockpitwände und auch das HANS-System, das die Piloten vor schweren Kopf- und Halsverletzungen schützen soll, wurde in der Königsklasse erst seit 2003 zur Pflicht - also fast ein Jahrzehnt nach dem fatalen Wochenende in Imola.

Mosley, der das Amt des FIA-Präsidenten erst 1993 übernommen hatte, erlebte damit gleich zu Beginn seiner Präsidentschaft die wohl schwärzeste Stunde seiner gesamten Amtszeit, die bis 2009 andauerte. "In Imola starben Ratzenberger und Senna, aber darüber hinaus gab es drei weitere Vorfälle, die mehr oder weniger vergessen werden", erinnert sich der heute 75-Jährige an das Wochenende zurück.

Ein Wochenende voller Katastrophen

Bereits am Freitag hatte Rubens Barrichello einen schweren Unfall, bei dem sein Jordan von der Strecke abhob und mit hoher Geschwindigkeit in die Reifenstapel krachte. Das Auto überschlug sich und blieb anschließend auf dem Kopf liegen. Unter anderem verschluckte der Brasilianer dabei seine Zunge und brach sich die Nase. Das war allerdings gerade einmal der Anfang des schwarzen Wochenendes.

Einen Tag später folgte der tödliche Unfall von Ratzenberger. Der Österreicher krachte frontal in die Betonmauer in der Villeneuve-Kurve und erlag später im Krankenhaus seinen schweren Verletzungen. Auch der Rennsonntag begann gleich mit einem schweren Unfall, als Pedro Lamy JJ Lehto mit hoher Geschwindigkeit ins Heck krachte und für eine Menge Kleinholz sorgte. "Auf der Tribüne wurden Zuschauer von Teilen getroffen und starben beinahe", erinnert sich Mosley.

Es folgte der tödliche Unfall von Senna und später im Rennen löste sich in der Boxengasse auch noch ein Rad am Minardi von Michele Alboreto. Das herumfliegende Teil traf mehrere Mechaniker, die anschließend im Krankenhaus behandelt werden mussten. "Es kamen plötzlich mehrere Dinge zusammen", erinnert sich Mosley, der nach dem Rennen von Sennas Tod erfuhr.

Chance für einen Neuanfang

"Zwei Wochen später in Monaco hatte Karl Wendlinger einen Unfall, bei dem er sich wirklich schwere Kopfverletzungen zuzog", berichtet Mosley weiter. Der Österreicher flog im Fürstentum im Freien Training ausgangs des Tunnels ab, zog sich unter anderem Hirnprellungen zu und lag anschließend mehrere Wochen im Koma. "Da verwandelte sich Selbstgefälligkeit in absolute Panik", berichtet Mosley.

Nachdem es in der Formel 1 zuvor mehr als zehn Jahre keinen Todesfall gegeben hatte, waren viele Offizielle dem Trugschluss erlegen, dass die Königsklasse bereits sicher genug sei. Das Imola-Wochenende änderte alles. "Dadurch hatte ich die Chance, eine echte Revolution in Sachen Sicherheit zu starten. Bis dahin passierte alles mehr oder weniger ad hoc", berichtet Mosley.

"Die Verbesserungen der Sicherheit waren eher ein Nebenprodukt der verbesserten Chassis", erklärt der damalige FIA-Präsident und verrät:"Jetzt war es möglich, eine Gruppe zu erschaffen, die sich wissenschaftlich mit der Sicherheit beschäftigt, und die systematisch daran arbeitet." Zum Vorsitzender dieser neuen Gruppe wurde der Formel-1-Rennarzt Professor Watkins ernannt.

Keine weiteren Todesopfer

"Sid Watkins war Professor für Neurologie und ein Gehirnchirurg am London Hospital. Er war ein wirklich guter Arzt mit einer sehr wissenschaftlichen Herangehensweise", erinnert sich Mosley an den 2012 verstorbenen Mediziner zurück. Die von Mosley initiierten Maßnahmen zeigten Wirkung: Bis zum tragischen Unfall von Jules Bianchi 2014 in Suzuka, an dessen Folgen der Franzose 2015 verstarb, gab es in der Formel 1 keinen tödlichen Unfall mehr.

Kurios: Mosleys Vorhaben, die Königsklasse sicherer zu machen, kam damals nicht bei allen gut an. "Die konventionelle Aussage war immer: 'Wenn es zu sicher ist, dann wollen die Leute es nicht sehen. Die Leute warten auf Unfälle'", erklärt der Brite. "Die Wahrheit ist meiner Meinung nach aber, dass es niemand mag, wenn jemand verletzt wird", ist sich der heute 75-Jährige allerdings sicher.

"Ein großer Unfall gefällt ihnen (den Zuschauern; Anm. d. Red.) vielleicht, aber sie wollen gleichzeitig auch, dass der Fahrer unverletzt bleibt. Es ist interessant, dass die Zuschauerzahlen gestiegen sind, als es sicherer geworden ist. Das ist das genaue Gegenteil dieser Behauptung", stellt Mosley fest. Ratzenberger und Senna sollten die einzigen beiden Formel-1-Todesfälle in der rund 17-jährigen Amtszeit des Briten bleiben.

"Das Risiko minimieren"

"Einige Leute stimmen mir vielleicht nicht zu, aber meine Ansicht ist, dass eine junge Person an einem Stück in den Sport einsteigen sollte, und dass sie ihn auch an einem Stück wieder verlassen sollte", sagt Mosley und ergänzt: "Es ist die Pflicht des Veranstalters, dieses Risiko zu minimieren. Man kann es niemals auf Null bringen, das ist wie in der Flugindustrie. Aber man muss konstant daran arbeiten, das Risiko mehr und mehr zu minimieren."

Interessant ist die wenig bekannte Tatsache, dass Mosley nicht bei Sennas Beerdigung anwesend war. Der Grund: Am gleichen Tag fand in Österreich auch die Beisetzung Ratzenbergers statt. "Sie waren aus praktischen Gründen am selben Tag", berichtet Mosley und erklärt: "Alle gingen zu Senna und ich dachte mir, dass auch Roland sehr hart gearbeitet hatte."

"Seine Familie hatte ihm geholfen und es war eine sehr traurige Beerdigung in Österreich. Beerdigungen sind immer traurig, aber mir taten seine Eltern und seine Freundin so leid. Sie war ein wunderbares Mädchen. Für mich war es eindeutig die richtige Entscheidung", hält der Brite fest. Abgesehen von Mosley erwiesen fast alle Formel-1-Kollegen an jenem Tag dem dreimaligen Weltmeister aus Brasilien die letzte Ehre.

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