Schluss mit Debatten: Red Bull will Regeldiktatur der Experten

, 10.12.2015

Christian Horner wünscht sich verbindliche Entscheidungen eines unabhängigen Gremiums - Wer nicht mitzieht, soll gehen - Mercedes und Ferrari skeptisch

Früher galt Bernie Ecclestone als Alleinherrscher der Formel 1. Wenn an dieser Vorstellung jemals etwas Wahres dran gewesen sein sollte, dann ist sie im Zeitalter der Hybridmotoren überholt. Hinter den Kulissen tobt ein Kräftemessen der Teams, der FIA und des ewigen Zampanos als Inhaber der kommerziellen Rechte. In der Strategiegruppe findet er sein Spiegelbild. Christian Horner hat die Nase voll von Tauziehen und Verhandlungen. Er fordert: "Jemand muss Kontrolle über die Situation bekommen!"

Der Red-Bull-Teamchef wünscht sich, dass ein unabhängiges Gremium künftig für die Regeln der Königsklasse verantwortlich zeichnet. "Formel 1 sollte Unterhaltung sein", argumentiert Horner und fordert, dass die Ingenieure mitsprechen, aber nicht bestimmen. "Es sollte eine technologische Komponente geben, aber der Promoter und die Teilhaber müssen entscheiden, wie das Produkt am Ende aussehen soll. Sie müssen Regeln entwerfen und dürfen es nicht den Ingenieuren überlassen", so der Brite.

Horner klagt über endlose Meetings, die ergebnislos verlaufen, weil in vielen Fragen Konsens vonnöten, Einstimmigkeit aber in kaum einer Frage zu erzielen ist. "Wir versuchen alles demokratisch zu lösen, aber manchmal muss jemand den Stier bei den Hörnern packen und sagen: 'Dahin gehen wir. Das machen wir. Das muss die Formel 1 sein!'", stellt er klar. Der Promoter, also Ecclestone, und die FIA sollten bestimmen, findet Horner. Wenn die Teams nicht mitziehen wollten, müssten sie eben gehen.

Wer jetzt gewinnen, will morgen nichts verändern

Als Entscheidungsträger hat er ein Expertengremium im Auge, welches aus verdienten Formel-1-Größen vom Schlage eines Ross Brawn, eines Martin Whitmarsh oder eines Eddie Jordan bestehen könnte. "Es braucht Leute mit dem richtigen Fachwissen", meint Horner. "Aktuell gibt es gute, die bei keinem Team auf der Gehaltsliste stehen und unparteiisch sind." Das Problem an der Idee: Um Souveränität abzugeben muss Einstimmigkeit erzielt werden, wobei die Hybrid-Profiteure nicht mitmachen werden.

Ferrari-Teamchef Maurizio Arrivabene unterstreicht, warum die Agenda der Scuderia eine andere ist als die der aktuell erfolglosen Red-Bull-Mannschaft: "Wenn man Rennen gewinnt, dann ist die Show für einen natürlich perfekt. Wenn nicht, dann braucht sie Verbesserungen." Auch Toto Wolff und Mercedes dürften wenig Lust haben, sich von einer Art Ältestenrat auf der Nase herumtanzen zu lassen. Die Silberpfeile wollen die Zügel in der Hand behalten, wenn es um ihr Multi-Millionen-Projekt geht.

Direkt zum Motorsport-Weltrat: Hintertür steht offen

Der Österreicher wiegelt ab: "Die Teams haben in dieses Geschäft investiert. Es gibt keinen Grund, warum Dinge nicht unter den maßgeblichen Teilhabern besprochen werden sollten. Die Teams sind solche." Dass das aktuelle Prozedere unfruchtbar war und erst vor dem Hintergrund der Drohkulisse eines Alternativmotors und eines Einschreitens der EU-Wettbewerbshüter zu Resultaten führte, hat laut Wolff mit falscher Rollenzuweisung zu tun: "Die Strategiegruppe soll die langfristige Zukunft der Formel 1 planen, muss sich aber andauernd als Feuerwehrmann mit den aktuellen Problemen auseinandersetzen."

Es wird deutlich: Wer aktuell an den Hebeln sitzt, will sie nicht preisgeben. Wer darunter leidet, will die Revolution. Auf den Punkt bringt es Claire Williams: "Wir haben einen Sitz und sind Teil des demokratischen Verfahrens. Das gefällt mir", so die Tochter des Teamgründers Frank, deren Truppe als einziger reiner Privatier Mitglied in der Strategiegruppe ist. Cyril Abiteboul, möglicherweise der Teamchef der neuen Renault-Werksmannschaft, deren Status noch ungeklärt ist, warnt vor einer Alleinherrschaft.

Er sagt: "Als Franzose bin ich für Diktatur solange ich den Diktator bestimmen kann. So kann die Macht aber natürlich in die Hände von jemandem gelangen, der bestimmte Interesse verfolgt." So wurde etwa Ross Brawn bei seiner Beratertätigkeit bei der Erstellung des seit 2014 gültigen Reglements vorgeworfen, bewusst für seinen späteren Arbeitgeber Mercedes Vorarbeit geleistet zu haben. Trotzdem braucht es die Hornersche Expertenkommission vielleicht gar nicht: Bei solchen Entscheidungen, die den Fortbestand der Formel 1 betreffen, haben Ecclestone und die FIA immer die Möglichkeit, direkt den Motorsport-Weltrat anzurufen und die Teams auf diese Weise zu umgehen.

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