WM-Rechenspiele: Kann Ricciardo noch gefährlich werden?

, 05.09.2014

Laut Niki Lauda muss man bei Mercedes "so tun, als ob uns Daniel Ricciardo im Nacken sitzt" - Punktevorsprung von Rosberg/Hamilton derzeit beruhigend

Die Formel-1-Saison 2014 wird von Mercedes dominiert. 257 Punkte liegt das Team in der Konstrukteurswertung vor dem nächsten Verfolger Red Bull. Und auch bei den Fahrern sieht es kaum anders aus. Nico Rosberg führt komfortabel mit 29 Punkten Vorsprung vor Lewis Hamilton. Dahinter klafft eine Lücke von 35 Punkten auf den ersten Nicht-Mercedes-Fahrer Daniel Ricciardo. Der wiederum hat 35 Punkte Vorsprung auf Fernando Alonso.

Die Abstände wirken sehr groß, doch pro Rennsieg gibt es immerhin 25 Punkte. Angenommen Mercedes hat in allen verbleibenden sieben Rennen der aktuellen Saison einen Totalausfall, könnte rein theoretisch sogar noch Sergio Perez Weltmeister werden. Er liegt mit gerade mal 33 Punkten auf Platz zwölf der WM-Tabelle. Vor allem durch die doppelte Punktzahl im letzten Rennen in Abu Dhabi ist noch sehr viel möglich. Dadurch sind insgesamt maximal noch 200 Punkte zu holen.

Niki Lauda stößt genau in dieses Horn, um die Motivation bei den eigenen Fahrern hoch zu halten: "Wir sind durch unsere Überlegenheit in einer komfortablen Situation. Das ist ein Ausnahmezustand. Wir müssen so tun, als ob uns Daniel Ricciardo im Nacken sitzt. Daran sollen die Fahrer immer denken", so Lauda gegenüber der 'Frankfurter Allgemeinen Zeitung'.

Ricciardo kann in drei Rennen WM-Führung übernehmen

Und das ist auch nicht unrealistisch. Sollten sich Hamilton und Rosberg erneut in die Haare kommen und Mercedes zusätzlich einmal einen technischen Totalausfall verzeichnen, könnte Ricciardo schon in drei Rennen die WM-Führung übernehmen. Deswegen unternimmt man bei Mercedes alles, um sich möglichst weit von der Konkurrenz abzusetzen: "Ich würde den Hauch von Red Bull lieber nicht im Nacken spüren", meint Toto Wolff. "Rosberg ist jetzt 64 Punkte vor Ricciardo, alleine im letzten Rennen erhält der Sieger 50 Punkte. Bernie Ecclestone will es bis zum Schluss spannend halten. Aber wir wollen es nicht auf Abu Dhabi ankommen lassen."

Helmut Marko sieht den Grund für den enormen Vorsprung von Mercedes vor allem im holprigen Saisonstart: "Daniels Disqualifikation im ersten Rennen war eine politische Entscheidung. Mit diesen 18 Punkten und den 14, die er durch unseren Fehler beim Boxenstopp in Sepang mit nachfolgender Rückversetzung um zehn Plätze verlor, wäre er voll dabei. Wir hatten einen Katastrophenstart in die Saison", so Marko gegenüber 'Speedweek'.

Mercedes sitzt tatsächlich auf einem beruhigenden Polster. "Man weiß aber nie, was in einem Grand Prix alles passieren kann. Ein unglücklicher Rennverlauf und die Meisterschaft ist verloren", gibt sich Wolff pessimistisch. Betrachtet man die Punkteausbeute der einzelnen Fahrer, so hat Ricciardo in den vergangenen zwölf Grands Prix aber im Schnitt nur 13 Punkte geholt. Angenommen er behält diesen Schnitt bei und Rosberg fällt erneut in allen verbliebenen Rennen aus, würde es immer noch bis zum Rennen in den USA dauern, bis der Australier dem Deutschen die WM-Führung abgenommen hätte.

Wolff: "Dann hätten wir alles weggeschmissen"

Immer vorausgesetzt, Hamilton holt ebenfalls kaum Punkte. "Dann hätten wir in einer Saison, in der wir die Messlatte waren, alles weggeschmissen", so Wolff. "Aber das wird nicht passieren, denn in puncto Performance konnten wir den Vorsprung über den Sommer halten. Davon gehe ich zumindest aus, in Monza wird man es hoffentlich sehen", ist Wolff zuversichtlich. Behält Rosberg seinen Schnitt von 18,3 Punkten auch die restlichen Rennen bei, würde es für Hamilton nur mit fünf Siegen in Serie schaffen, Rosberg knapp zu überholen.

Ricciardo, aktuell mit 64 Punkten Abstand zum WM-Führenden, würde es selbst mit sieben Siegen in den sieben verbliebenen Rennen nicht mehr schaffen, Rosberg zu überholen. Trotzdem gibt man sich bei Red Bull weiter kämpferisch: "Solange es rechnerische Möglichkeiten gibt, werden wir nicht aufgeben. Es wird von Renault noch etwas kommen und von Treibstoffpartner Total. Wir können uns noch etwas erwarten in den letzten Rennen, und in Abu Dhabi gibt es ja doppelte Punkte", so Marko.

Lauda: "Das Reglement kann uns ein Bein stellen"

Und genau diese neue Regelung, dass in Abu Dhabi die doppelte Punktzahl vergeben wird, sorgt für einen weiteren Motivationsschub bei Mercedes: "Ohne die Doppelpunkte-Regel wäre unser Problem mit den beiden Fahrern bei unserer Dominanz möglicherweise vernachlässigbar", erklärt Lauda. "Weil solche Dinge passieren können. Das ist ja nur ein menschlicher Fehler, den man zu akzeptieren hat. In diesem Jahr kann uns aber das Reglement ein Bein stellen."

Die große Frage ist also, ob es Mercedes und vor allem auch Rosberg schaffen, den Punkteschnitt weiterhin so hoch zu halten. Sollte das gelingen, kann Rosberg nur noch der eigenen Teamkollege gefährlich werden. Alle Formel-1-Fans, die Mercedes am Ende der Saison nicht ganz oben sehen möchten, müssen also auf weiteren Ärger und viel Rennaction zwischen den beiden Fahrern hoffen, möglichst mit einem Ausgang contra Mercedes. Schwierig genug ist es dann trotzdem immer noch.

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