Mit Walter Röhrl im Porsche 911 Turbo S: Unheimliche Kräfte am Werk

, 02.01.2015


Der große Meister als Chauffeur: Walter Röhrl und der Porsche 911 Turbo S. Eine Mitfahrt an der Seite des zweifachen Rallye-Weltmeisters, der in den Augen vieler Experten einer der besten Autofahrer der Welt ist, könnte spektakulärer und gleichzeitig unaufgeregter kaum sein. Röhrl entwickelte nicht nur am turbogeladenen 560 PS-Geschoss von Porsche kräftig mit, sondern unterstützte auch die Entstehung des Bilster Berg Drive Resorts als kompetenter, leidenschaftlicher Ratgeber. Drei schnelle Runden an seiner Seite liefern Eindrücke von hoher Fahrkunst, tiefer Entspannung und weitreichende Einblicke ins Potenzial des Porsche 911 Turbo S, der in 3,1 Sekunden von 0 auf Tempo 100 stürmt und erst bei 318 km/h seinen Vortrieb beendet.


Mir wurde von meiner eigenen Fahrerei mulmig - doch dann kam Walter Röhrl

Etwa zehn Mal umrundete ich das ebenso kurvige wie bergige Asphaltband am Bilster Berg selbst, bevor ich mir von Rallye-Legende Walter Röhrl persönlich zeigen lasse, wo die Ideallinie, Scheitel- und Bremspunkte tatsächlich liegen. Zehn Runden á 4,2 Kilometer suchte ich diese selbst und verschenkte dabei unzählige Meter oder verpasste ideale Zeitpunkte.

Als Neuling am Bilster Berg absolvierte ich Runde um Runde sehr unharmonisch, was bei 44 Kuppen und Wannen, 19 Kurven, bis zu 26 Prozent Steigung und 21 Prozent Gefälle und mehr Höhenunterschied pro Kilometer als auf der Nürburgring-Nordschleife nur allzu verständlich erscheint. Bezeichnend: Deshalb wurde mir von meiner eigenen Fahrerei mulmig, wogegen die anschließenden, an sich berüchtigten Runden auf dem Beifahrersitz später in tiefster Entspannung erfolgen - weil eben der Richtige am Steuer sitzt.

Die große Herausforderung mit dem Faktor 10

Wer zum ersten Mal über die westfälische Berg- und Talbahn flitzt, kann weder seinen Augen noch seinem Popometer so recht trauen: Ein ständiges Auf und Ab, Hin und Her, Hochbeschleunigen und Herunterbremsen, Anpeilen von uneinsehbaren Kurven, deren Ausgang erst nach sehr vielen Runden allmählich im Gedächtnis hängenbleibt.

Es kommt einem Nordschleife-erfahrenen Piloten so vor, als hätte jemand den großen Nürburgring-Kurs auf gut vier Kilometer zusammengeschrumpft, in die Nähe von Paderborn verpflanzt und zu allem Überfluss noch eine besonders herausfordernde Variante vom berühmten „Corkscrew“ aus Laguna Seca untergebracht. Was dabei herauskam, ist so anspruchsvoll, fordernd, abwechslungsreich und gleichzeitig begeisternd, dass man schnell zu der Überzeugung gelangt: Wer hier vorne mitfährt, der schafft es auf jeder Strecke.


Das Herantasten ans westfälische Limit bei Bad Driburg unterstützt ein geradezu souveränes Gefährt: im Porsche 911 Turbo, der mit 560 PS und seinem intelligenten Allradantrieb so schnell über den Kurs flitzt, wie kaum ein anderes Serienauto. Auch Allradlenkung und adaptive Aerodynamik tragen dazu bei, dass man mit dem Turbo derart flott über eine so unberechenbare Strecke wie den Bilster Berg eilen kann.

Trotzdem: Das Erlernen der Ideallinie fühlt sich hier im Vergleich zu anderen Kursen an wie in Zeitlupe und dauert deshalb besonders lang. Fachleute, die den jungen und so komplexen Kurs gut kennen, schätzen beim Herantasten ans Limit etwa den Faktor 10 im Vergleich zu anderen Rennstrecken ähnlicher Länge.

Entspanne Dich, Dir kann nichts passieren!

Nach den eigenen Runden am Vormittag ist es nachmittags endlich soweit. Ich schüttle Walter Röhrl mit einer Mischung aus Ehrfurcht, Bewunderung und Sympathie die Hand, als wir uns bei Start und Ziel an einem silbernen Porsche 911 Turbo treffen. Wenn man zu jemandem ins Auto steigt, sollte man dessen Fahrkünste genau kennen. In dieser Hinsicht ist Walter Röhrl in meinen Augen über jeden Zweifel erhaben - und zwar so, wie kaum ein anderer Profi.

Lange vor der ersten Kurbelwellenumdrehung vermittelt Walter Röhrl beim Gespräch am stehenden Fahrzeug: „Entspanne Dich, Dir kann nichts passieren.“ So gehe ich auf dem Beifahrersitz des Turbos mit deutlich niedrigerem Puls auf drei schnellere Runden, als zuvor. Selbst am Steuer sitzend, musste ich mit der Strecke und mir kämpfen. Jetzt zeigt mir der Meister vom Bilster Berg persönlich, wo es langgeht - in aller Ruhe und mit deutlich höherem Tempo.


Faszinierende Kräfte: Walter Röhrl und der Porsche 911 Turbo S

Walter Röhrl umzirkelt die 4,2 Kilometer, als wär es das Einfachste der Welt. Gleichzeitig hat der Meister die ihm vertraute Strecke im Visier und das Lenkrad stets souverän im Griff. Er gestikuliert und spricht locker über Turbo und Bilster Berg, als gäbe es gerade nichts, aber auch gar nichts anderes zu tun oder zu bedenken.

Bei meiner eigenen Fahrt war ich extremen Seitenkräften ausgesetzt, die nicht nur vom hohen Kurventempo und extremen Richtungswechseln kamen, die der Porsche 911 Turbo S ermöglicht. Oft waren schlicht und ergreifend meine Korrekturen zu stark auf der ständigen Suche nach der Ideallinie. Ganz anders jetzt Röhrl: Seelenruhig rast er blitzschnell und zentimetergenau dahin, als hätte man Schienen auf die Ideallinie verlegt.

Um gefühlte Lichtjahre schneller als ich zuvor eilt Walter Röhrl durch seinen Lieblingsabschnitt der Strecke, ohne dass es mir das iPhone als Diktiergerät in der Hand auch nur im Geringsten verreißen würde.

Derweil Röhrl ganz cool über den gesamten Bilster Berg und vor allem über die nach der Kitzbühler Streif benannte „Mausefalle“, eine extreme Kombination aus Kurve und Senke: „Hier sind ständig Kuppen, nach denen Du nichts siehst. Nicht so langweilig wie die Nudeltöpfe, denen die meisten modernen Strecken ähneln, sondern ständig fordernd. Am stärksten hier an der Mausefalle: 21 Prozent bergab, 26 Prozent bergauf - und das alles in einer Kurve. Und oben dann über eine nicht einsehbare Kuppe.“


Während mein anbetungswürdiger Pilot Walter Röhrl diese Worte sagt, habe ich völlig entspannt Gelegenheit, tiefstes Mitleid für den rechten Vorderreifen zu entwickeln. Noch mehr als die übrigen Gummiwalzen wird dieser in der Mausefalle auf das Höchste strapaziert - und dort wiederum vor allem in der Kombination aus Senke und Kurve. Jetzt wirken unheimliche Kräfte auf den Porsche 911 Turbo S, die sich am Wendepunkt zwischen Gefälle und Steigung in einem Linksknick besonders in Richtung rechts vorne konzentrieren.

Sehr tricky: Das kann nur von Walter Röhrl kommen

Das berechtigte Mitleid für den Pneu weicht im Nu aufrechter Bewunderung für jenen Fahrer, der so gelassen und dennoch leidenschaftlich die Streckenabschnitte beschreibt, die er mit entwarf und die wir gerade durchfahren: „Der Bilster Berg ist sehr tricky. Zum Beispiel hier in der Schikane, wo gleichzeitig das Auto sehr leicht wird. Du musst immer konzentriert sein“, sagt der Ex-Rallye-Weltmeister und rast dabei pfeilschnell in Richtung Zielgerade. Sein absolut glaubwürdiges Fazit nach drei atemberaubend schnellen Runden: „Hier am Bilster Berg trennt sich die Spreu vom Weizen, denn hier siehst Du genau, wer Autofahren kann.“

Röhrls Lasso: Wenn das der Porsche 911 Turbo S nicht hätte

Und das Auto, das wir gerade für die rasanten 12,6 Kilometer nutzten? Der Porsche 911 Turbo S ist laut Röhrl wie geschaffen für einen derart selektiven Streckenverlauf. Sehr wertvoll sei dabei Porsches Schleuderschutz PSM, von Insidern auch „Röhrls Lasso“ genannt. Insbesondere am Bilster Berg profitiere der Fahrer davon, dass das von Walter Röhrl mit abgestimmte PSM erst im Notfall eingreift.

Bis zum Eingriff von PSM kommt das perfekte Fahrwerk des Porsche 911 Turbo S voll zum Tragen, ohne dass eine unangenehm früh korrigierende Elektronik den Piloten bevormundet. Röhrl ergänzt: „Speziell an den Stellen, wo das Auto leicht wird und zugleich starke Seitenkräfte aufkommen, kann der Vierrad viel besser die Stabilität halten. Die Vorteile der Allradlenkung kommen noch hinzu. Damit wird sogar der Bilster Berg zum Kinderspiel.“

Sagt's und grinst gelassen vor sich hin. Mir gehen noch seine Worte durch den Kopf. Der Porsche 911 Turbo S, wenn auch der wohl beste Elfer aller Zeiten, kinderleicht zu fahren? Mag sein, aber auf einer derart anspruchsvollen Stecke wie dem Bilster Berg sicher nur in den Händen des wohl besten Röhrl aller Zeiten.

1 Kommentar > Kommentar schreiben

05.01.2015

Super Bericht, klasse! Über den Bilster Berg hört man wirklich nur Gutes, da will ich dieses Jahr auch mal fahren...


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