Audi Sport quattro Test: Der Kick mit der Extrem-Kante

, 30.12.2013


Stärker, schneller und fast doppelt so teuer wie ein Porsche 911 Turbo: Vor 30 Jahren sorgte der Audi Sport quattro bei seiner Präsentation für Furore und avancierte zu einer automobilen Legende. Der Traumwagen der 1980er-Jahre entstammt einer der verrücktesten Zeiten im Rallye-Sport, die Tausende Fans an die Strecken zog. Eigentlich im Museum von Audi zu bewundern, durften wir den Audi Sport quattro über kurvige Alpenpässe scheuchen, dabei richtig treten und in aller Härte kennenlernen.

In den wilden 1980er-Jahren waren die berüchtigten Rallye-Piloten der „Gruppe B“ wie Walter Röhrl, Stig Blomqvist, Hannu Mikkula oder Ari Vatanen so berühmt wie heute die Formel-1-Piloten Sebastian Vettel und Michael Schumacher. Gewann Audi 1982 noch die Markenweltmeisterschaft und 1983 den Fahrertitel durch Hannu Mikkola, erkannte Audi eine wichtige Tatsache: Die immer stärker werdenden Konkurrenten gingen dazu über, reine Rennmaschinen für den Rallye-Sport zu bauen. Da konnte das auf dem herkömmlichen Audi quattro basierende Rallye-Fahrzeug von Audi nicht mehr mithalten. Eine agile, wendige Rennmaschine mit kurzem Radstand sollte es richten. Der Audi Sport quattro war geboren.

Der „Kurze“, wie der Audi Sport quattro aufgrund seiner gegenüber dem Audi quattro um 24 Zentimeter reduzierten Karosserielänge (4,160 Meter) und einem um rund 30 Zentimeter kürzeren Radstand (2,224 Meter) oft liebevoll genannt wurde, war Mittel zum Zweck. Um die Homologation als Wettbewerbsauto für die Rallye-WM zu erzielen, musste Audi innerhalb von 12 Monaten mindestens 200 Straßenversionen bauen - am Ende waren es 214 von Hand gebaute Sportwagen, die eher straßenzugelassenen Rennwagen glichen.

Starkes Stück mit Trumpf an Bord

Der muskulös anmutende Audi Sport quattro brauchte nicht gut auszusehen, er war auf Leistung gepolt. Scharfe Kanten, große Überhänge und eine geschlitzte Motorhaube mit Powerdome prägen diese Allrad-Waffe. Die gesamte Front mit ihren zahlreichen Belüftungsschlitzen wirkt wie ein riesiger Kühlerschlund, um unter anderem den Öl- und den Ladeluftkühler mit genug Sauerstoff zu versorgen.

Weit ausgestellte, kantige Kotflügel, aus heutiger Sicht fast winzige 15-Zoll-Felgen, eine sehr steil stehende Windschutzscheibe und eine hochgebaute Fahrgastzelle kennzeichnen den Audi Sport quattro - einem Aerodynamiker sträuben sich vermutlich beim Anblick des Audi Sport quattros die Nackenhaare.

Für den Vortrieb sorgte der berühmte 2,1 Liter große Fünfzylinder-Turbomotor, der mit 306 PS bei 6.700 U/min und einem maximalen Drehmoment von 350 Nm bei 3.700 Touren die damals fulminanten Fahrleistungen ermöglichte: von 0 auf Tempo 100 vergingen nur 4,9 Sekunden - das schafft selbst nach 30 Jahren nur ein eher kleiner Kreis von Autos. Die Top-Speed liegt bei 250 km/h. Aus heutiger Sicht lassen 306 PS bei einem Straßenfahrzeug keinen Autoenthusiasten mehr in Ehrfurcht erstarren. Doch 1983 war der Audi Sport quattro der stärkste deutsche Seriensportwagen. Mit dem geringen Fahrzeuggewicht von 1.298 Kilogramm hatte der Motor leichtes Spiel.

Sogar der Porsche 911 Turbo besaß „nur“ 300 PS und war langsamer als der Audi. Der Porsche benötigte 5,2 Sekunden von 0 auf Tempo 100. Daher hob Porsche 1984 die Motorleistung des 911 Turbos mit einer optional erhältlichen Werksleistungssteigerung um 30 PS auf 330 PS an, um erneut stärker zu sein und mit dem Audi auf Augenhöhe in ebenfalls 4,9 Sekunden aus dem Stand auf 100 km/h zu beschleunigen. Doch Audi besaß noch einen großen Trumpf: einen permanenten Allradantrieb.

Brutal: Wenn der Audi Sport quattro seinen Zorn entlässt

Jetzt soll es endlich losgehen und wir tauchen mit dem Audi Sport quattro in eine andere Welt ein. Der unverwechselbare Charme der 1980er-Jahre setzt sich im Innenraum fort. Auf mit Leder und Alcantara bezogene, viel Seitenhalt bietende Recaro-Sportsitze, eine Sitzheizung vorne , elektrische Fensterheber und Spiegel sowie Leder auf dem Armaturenbrett brauchten die Käufer dieses eigentlich kompromisslosen Sportwagens nicht zu verzichten. Ebenso an Bord eine Stereo-Kassetten-Radio-Anlage - so war das damals.

Den Schlüssel umgedreht, klingt der 2,1 Liter große Fünfzylinder nach einem Motor mit mehr Hubraum. Noch in der Stadt unterwegs, fährt der von vielen als besonders bissig bezeichnete Sportwagen seelenruhig und gutmütig durch die Straßen und beweist damit sogar Alltagstauglichkeit. Der Gepäckraum fasst immerhin 356 Liter. Selbst Fahranfänger könnten mit dem Audi Sport quattro im Drehzahlkeller durch die City cruisen; denn vom Biss ist noch nichts zu spüren. Soll es das wirklich gewesen sein?

Der Blick wandert auf die Mittelkonsole, wo sich drei Rundinstrumente für Öltemperatur, Kühlmitteltemperatur und Öldruck befinden, um stets auf dem Laufenden zu sein, ob man pushen kann oder das Fahrzeug etwas schonen sollte. Es passt, die Öltemperatur stimmt, der Audi Sport quattro ist warm gefahren und vor uns eröffnet sich ein Alpenpanorama, das ein Künstler nicht schöner hätte gestalten können. Das Attraktivste dabei: die sich talwärts durch die Berge windende Straße, die im weiteren Verlauf den nächsten Berg erobert.

Das Gaspedal durchgedrückt, fühlt sich das Turboloch wie eine Ewigkeit an. Doch dann, bei 3.200 Touren, entlässt der Audi Sport quattro seinen Zorn und der Sportwagen prescht unbändig nach vorne. Der richtig starke Wumms folgt bei etwa 4.000 Touren - dann aber richtig. Der Fahrer muss sich geradezu beeilen, vor dem Erreichen des Drehzahlbegrenzers bei 7.500 U/min den nächsten Gang einzulegen.

Die Kraftentfaltung mit nur 306 PS ist brutal und lässt erahnen, wie brachial damals die noch stärkeren Rallye-Autos der berühmten „Gruppe B“ zu Werke gingen und den Fahrern alles abverlangten. Über die 450 PS starke Rallye-Version Sport quattro S1 sagte einst Walter Röhrl: „Im Prinzip bist du bei diesem Auto mit dem Denken schon zu langsam."

Ein Giftcocktail, den es zu beherrschen gilt

Auf Touren gekommen, brüllt der Fünfzylinder des Audi Sport quattro seine Power nur so heraus, während der Blick erneut auf die Mittelkonsole fällt: Unter den drei Rundinstrumenten befindet sich eine Taste zum Ausschalten des Antiblockiersystems ABS und ein Hebel zum Sperren des Mitten- sowie Heckdifferenzials. Mehr gab es nicht - das elektronische Stabilitätsprogramm ESP war noch nicht einmal erfunden. Beim Audi Sport quattro ist das Können des Fahrers gefragt, der seinen eigenen Sinnen vertrauen muss.

Die ersten Serpentinen: der Audi Sport quattro zeigt durch seinen kurzen Radstand, wie agil er ist, und zugleich wie nervös das Heck beim harten Anbremsen vor Kurven. Beim Einlenken folgt ein leichtes Untersteuern, das aus dem Frontmotor-Konzept resultiert. Doch der Allradantrieb zieht den Sportler geradezu durch die Kehren und ermöglicht ein starkes Herausbeschleunigen aus den Kurven.

Wer es in den Kurven auf die besonders harte Tour mag, sperrt die Differenziale und verzichtet damit gleichzeitig auf die ABS-Unterstützung. Die Kraft lässt sich über das Gaspedal bestens dosieren, während das Fahrwerk aus heutiger Sicht eher weich ausfällt, allerdings eine klare Rückmeldung bietet. Nicht so straff wie heutzutage ausgeführt sind die Bremsen - auch das war damals so.

Den Respekt vor der Gewalt dieser Fahrmaschine sollte niemand verlieren. Die Gänge bis 7.000 Touren hochgezogen und erst dann geschaltet, bleibt der Sport quattro über 4.000 Touren und bietet damit satten Schub, um den nächsten Gipfel zu erstürmen - stets begleitet von diesem abhängig machenden Fünfzylinder-Sound. Die Kupplung und die Schaltung des manuellen 5-Gang-Getriebes sind schwergängig, aber die präzise Lenkung und die Sucht nach der nächsten Kehre treiben einen immer weiter voran - diese intensive Fahrt bräuchte niemals enden.

Fast doppelt so teuer wie ein Porsche 911 Turbo

1983 betrug der Preis für den Audi Sport quattro 195.000 D-Mark und war damals das teuerste deutsche Serienfahrzeug. Ab dem 1. Januar 1985 stieg der Preis sogar auf 203.500 D-Mark. Zum Vergleich: der Porsche 911 Turbo kostete zu jener Zeit lediglich die Hälfte mit rund 100.000 D-Mark. Was den Audi Sport quattro so teuer machte, war insbesondere die kompromisslose Leichtbauweise.

Die Außenbauteile wie Front- und Heckschürze, die Kotflügel und das Dach fertigten die Macher aus einem Glas-Kevlar-Gewebe, einem faserverstärkten Kunststoff. Derweil bestand die Motorhaube aus einem glasfaserverstärkten Polyesterharz. Aluminium gelangte zur Verstärkung der Karosserie zum Einsatz. Damit wog der Audi Sport quattro nur 1.298 Kilogramm.

Fazit:

Es ist beeindruckend, wie schnell und agil dieser allradangetriebene Sportwagen auch nach 30 Jahren noch immer unterwegs ist. Die modernen Allrad-Vertreter von Audi können es zwar noch besser und beweisen die Leistungsfähigkeit der immer weiter entwickelten quattro-Technologie, die seit jeher für ein dynamisches Lebensgefühl steht. Aber an DEN Mythos und das extreme Fahrgefühl des „Kurzen“ kommen sie nicht heran. Der Audi Sport quattro bleibt in der automobilen Historie ein ganz Großer.

Unvergessen sind die Auftritte dieses kompromisslosen Sportwagens in der berüchtigten „Gruppe B“ der Rallye-Weltmeisterschaft der 1980er-Jahre und der Sieg des berühmten „Pikes Peak“-Bergrennens 1987 mit Walter Röhrl am Steuer der 598 PS starken Evolutionsstufe Audi Sport quattro S1 E2 Pikes Peak, wodurch der Audi Sport quattro endgültig zur Ikone avancierte. Walter Röhrl war es zu jener Zeit, der als Erster die 11-Minuten-Marke beim „Race to the Clouds“ knackte.

Bereits damals blieb es nur Wenigen vorbehalten, einen Audi Sport quattro zu fahren. Wer heute einen der äußerst raren Audi Sport quattro sucht, dürfte, so Audi, mittlerweile rund 200.000 Euro für ein gut erhaltenes Exemplar bezahlen - sofern sich überhaupt eines zum Verkauf finden lässt.


Technische Daten Audi Sport quattro:

Antriebsart: Allradantrieb | Hubraum: 2.133 cm³ | Leistung: 225 kW/306 PS | Drehmoment: 350 Nm bei 3.700 U/min | Vmax: 250 km/h | Beschleunigung 0-100 km/h: 4,9 Sekunden | Preis: 195.000 D-Mark (1984)

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