Ford Focus ST (2013) Test: Der König ist tot, lang lebe der König!

, 07.01.2014


Die guten oder die schlechten Nachrichten zuerst? Welcher Typ sind Sie? Fangen wir einfach einmal mit den schlechten an: Den bis 2010 im Ford Focus ST gebauten und sehr beliebten Fünfzylinder-Turbo gibt es nicht mehr. Die gute Nachricht: Auch der neue Vierzylinder-Turbo ist ein sportlich klingendes Kraftpaket, das sogar einige signifikante Vorteile gegenüber dem Fünfzylinder bietet.

Im neuen Ford Focus ST, den wir uns in einem zweiwöchigen Test genauer zur Brust und unter die Lupe nahmen, verrichtet fortan ein 2,0 Liter großer Vierzylinder-Turbo mit 250 PS seinen Dienst - und das macht er richtig gut. So stemmt das Triebwerk zwischen 2.000 und 4.500 Touren bereits stramme 360 Nm, was den 1.362 Kilogramm schweren Focus ST in nur 6,5 Sekunden auf Tempo 100 beschleunigt. Der Vortrieb endet erst bei 248 km/h, was zügig und ohne ein merkbares Turboloch vonstatten geht.

Downsizing verspricht Verbrauchseinsparung bei dennoch sportlichem Sound

Der kraftvolle EcoBoost-Vierzylinder sorgt für einen starken Durchzug und unterbietet den Fünfzylinder-Vorgänger beim Verbrauch um über 20 Prozent. Diese Einsparung wird nicht zuletzt durch das besonders leichte Vollaluminium-Aggregat und die Verbrauchsvorteile eines kleineren Hubraums erzielt. Ford gibt den Normverbrauch mit 7,2 Litern auf 100 Kilometern an, was wir allerdings erwartungsgemäß nicht ganz erreichen. Doch ein Durchschnittsverbrauch in den beiden Testwochen von ca. 10 Litern geht völlig in Ordnung; denn den Focus ST schonten wir während dieser Zeit wahrlich nicht.

Dank der Turbo-Aufladung jüngster Generation hat der Fahrer trotz Verbrauchseinsparung das Gefühl, einen Motor mit deutlich größerem Brennraum-Inhalt über die Straßen zu pilotieren. Trotz Downsizing leidet der Sound nur gering, da die Motor-Ingenieure von Ford den Ford Focus ST mit einem sogenannten „Sound-Imposer“ ausstatteten, der erstmals beim Vorgänger-ST zum Einsatz kam. Ein bisschen Wehmut aufgrund des fehlenden Zylinders zum Vorgänger-Modell bleibt dennoch - auch wenn die Vorteile natürlich überwiegen.

Die Kraftübertragung an die Vorderräder erfolgt über ein 6-Gang-Schaltgetriebe, was in Kombination mit der satten Leistungsspritze die Traktionskontrolle ganz schön ins Schwitzen bringt. Den Vortrieb auf die Straße zu bringen, erweist sich deshalb nicht immer ganz leicht. Hier setzt allerdings die eigens entwickelte Fahrdynamik-Regelung TVC (Enhanced Torque Vectoring Control) ein, die ähnlich wie eine mechanische Sperre funktioniert.

Das System der TVC kann einer Untersteuertendenz gezielt begegnen, indem es den sogenannten Gierwinkel des Fahrzeuges durch die individuelle Zugabe von Antriebskräften positiv beeinflusst - ganz gleich, ob der Fahrer gerade Gas gibt oder nicht, und noch weit bevor das elektronische Stabilitätsprogramm ESP in den Regelbereich kommt. Effekt: ein agiles Kurven- und Einlenkverhalten, das den neuen ST zu einer echten Fahrmaschine erhebt und zugleich ein hohes Maß an aktiver Sicherheit bietet.

Das ESP-System lässt sich in drei Stufen beliebig regulieren. Stufe 1 des ESP funktioniert dabei in etwa so wie in allen anderen Serienversionen auch, lässt dem ST-Fahrer allerdings größeren Spielraum. Diese Grundeinstellung bietet optimale Sicherheit und eignet sich für alle Jahreszeiten - ganz gleich, ob im Trockenen, auf regennasser Fahrbahn oder bei Schnee und Eis. Stufe 2 überlässt dem Fahrer die volle Kontrolle über die Traktion des Ford Focus ST und das ESP greift nur dann ein, wenn es wirklich notwendig ist. Stufe 3 schließlich schaltet die Hilfe des elektronischen Sicherheits- und Stabilitätsprogrammes völlig ab und ermöglicht, das immense Potenzial dieses sportlichen Modells auszuloten. Diese Einstellung ist allerdings nur für diejenigen gedacht, die wissen, was sie tun.

Zu den typischen Kerneigenschaften eines Ford Focus ST zählt seit jeher die überdurchschnittliche Fahrdynamik mit einer besonders sportlichen Straßenlage. Auch der neueste Ford Focus ST hält dieses Versprechen und lenkt nicht nur leichtfüßig ein und untersteuert erst sehr spät, sondern belohnt kundige Fahrer zudem mit einem sanft eindrehenden Heck. Beim Fahrwerk gelang den Ford-Ingenieuren ein schöner Kompromiss zwischen sportlichen Fahreigenschaften und gutem Reisekomfort. Wie man es von Ford gewohnt ist, legten die Macher sehr viel Wert auf die Abstimmungsarbeit.

Eine Fülle an technischen Helferlein optimiert die Fahreigenschaften

Das erstmals eingesetzte „Sport Steering“-System von Ford, das auf der elektronisch geregelten EPAS-Servolenkung (Electronic Power Assisted Steering) basiert, verbessert die Agilität des ST zusätzlich durch eine variable Lenkübersetzung. Auf geschwungenen Landstraßen reagiert der Kompakt-Sportler so mit einem unmittelbaren, sensiblen Ansprechen auf Lenkbefehle, wohingegen bei höheren Geschwindigkeiten, EPAS mit größeren Lenkkräften einen ruhigen Geradeauslauf ermöglicht. In engen Spitzkehren reduziert die dann direkter ausgelegte Übersetzung die notwendigen Lenkradumdrehungen - der Fahrer braucht nicht umzugreifen und behält die Situation auf diese Weise besser unter Kontrolle. Beim Einparken sorgt das System für weniger Lenkbewegungen und verringert derart den Aufwand.

Ford ergänzt das „Sport Steering“-System durch den TSC-Drehmomentausgleich (Torque Steering Compensation). Für den Einsatz im ST erhielt das TSC eine nochmals aggressivere Auslegung und erlaubt es dem Fahrer jetzt, selbst auf Straßen mit sehr unebenen Oberflächen oder bei großen Grip-Unterschieden zwischen den beiden angetriebenen Vorderrädern voll zu beschleunigen. In diesen Situationen erkennt das TSC-System den Drehmomenteinfluss auf die Lenkung und steuert über die Servo-Unterstützung automatisch gegen.

Der Focus ST glänzt zudem durch zahlreiche technische Helferlein, die in dieser Klasse alles andere als selbstverständlich sind. So ist es möglich, den Focus ST mit einem Fernlicht-Assistenten, einer Müdigkeitswarnung, dem Auffahrwarnsystem „Forward Alert“, einem Toter-Winkel-Assistenten, einem Spurhalteassistenten oder dem „Active City Stop“-System, das selbstständig abbremsen kann, auszustatten. Selbstverständlich sind auch die üblichen Helferlein wie Berganfahrassistent, Rückfahrkamera, Einparksystem und viele weitere erhältlich, die einem das Leben ungemein vereinfachen. Hier ist das Motto eindeutig: Nicht Kleckern sondern Klotzen.

Die Optik des Ford Focus ST ist alles andere als 0815

Auch optisch macht der Ford Focus ST einiges her, insbesondere in der Lackierung „Tangerine Scream“, die unser Testwagen trägt und sich am besten mit einer sommerlichen Mischung aus gelb-orangen Farbtönen beschreiben lässt. Durch die ST-typisch dynamisch gestalteten Front- und Heckschürzen, den Heckspoiler und seitlichen Schwellerverkleidungen macht der Focus ST sofort klar, dass hier kein Standard-Focus von A nach B fährt, sondern ein fahraktiver Renner lauert, der jede Gelegenheit nutzt, seine Potenz unter Beweis zu stellen.

Die sportlich ausgestellten Kotflügel vermitteln einen breitschultrigen Auftritt, währnd sich die schnittigen Hauptscheinwerfer mit einem feinen Band aus LED-Leuchten am oberen Rand weit in die Flanke hineinstrecken. Die eindrucksvoll gestaltete Heckschürze mit ihrem Diffusoreinsatz, der die beiden zentral positionierten Auspuff-Endrohre einrahmt, unterstreicht gekonnt den sportlichen Look.

Innenraum: Betont sportlich, dennoch alltagstauglich

Die ST-Version des Focus rückt das sportliche Ambiente des Cockpits noch klarer in den Fokus und glänzt mit sportlichen Details. Dies beginnt bei Details wie der Pedalerie, dem Lenkrad oder dem Schalthebel und reicht bis hin zu den speziellen Sportsitzen. Zu den Kernelementen der neuen ST-Philosophie gehören zudem dunkle Dachsäulen und der Dachhimmel, was einen sportlicheren Gesamteindruck schafft.

Die Sportsitze von Recaro bieten umfangreiche Einstellmöglichkeiten. Diese umfassen die Neigungsverstellung der Sitzkissen bis hin zur Sitzfläche, die sich in der Länge adaptieren lässt. Ebenfalls möglich ist eine besonders tiefe Sitzposition für Fahrer, die ihren Beitrag zu einem möglichst niedrigen Schwerpunkt leisten möchten.

Die Haptik der verwendeten Materialien im Innenraum wirkt ordentlich und sauber verarbeitet. Allerdings verwirrt die Mittelkonsole mit dem zentral platzierten Multimedia-System im ersten Augenblick durch eine Vielzahl an Knöpfen. Hier wäre weniger einfach mehr. Die Anordnung der Elemente erweist sich dennoch als durchaus logisch und gut erreichbar. Sehr gut gelungen ist hingegen die Bedieneinheit der Belüftung und der Klimaanlage.

Punktabzug gibt es beim Navigationssystem, das in unserem zweiwöchigen Test zweimal mit dem Fehler „Die Navigation steht nicht zur Verfügung“ ausfiel. Nachdem der SD-Karten-Slot mit dem Kartenmaterial allerdings erst einmal gefunden war, wir die Karte einmal herauszogen und neu einsetzten, lief alles wieder problemlos.

Mit drei eigenständigen Ausstattungs-Paketen, so wie dies in der Vergangenheit bereits in Großbritannien der Fall war, lässt sich der neue Ford Focus ST nach eigenen Wünschen konfigurieren. Das Einstiegspaket besitzt bereits Recaro-Stoffsitze, die „Power Keyfree“-Startfunktion, Einstiegsleisten mit ST-Logo und die serienmäßige ST-Rücksitzbank mit einer zentralen Armlehne. Dazu kommen eigenständige ST-Fußmatten, ein automatisch abblendender Innenspiegel, Scheibenwischer mit Regensensor und ein Scheinwerfer-Assistent mit Tag/Nacht-Sensor.

In dem nächsthöheren, optionalen Paket tritt der neue Ford Focus ST mit Teilleder für die Sitze und der Zwei-Zonen-Klimaautomatik EATC (Electronic Automatic Temperature Control) an. In der Spitzenausstattung ergänzen beheizbare und achtfach elektrisch verstellbare Ledersitze mit verstellbarer Sitzlänge und -neigung die spezielle Recaro-Rücksitzbank und Bi-Xenon-Scheinwerfer den Ford Focus ST.

Fazit: Ein sportlicher Allrounder mit einer Vorliebe für junge Familien

Was für den VW Golf das Kürzel "GTI" ist, das bedeutet "ST" beim Ford Focus - und damit braucht er sich wahrlich nicht zu verstecken. Der Ford Focus ST ist ein betont sportlicher Kompaktwagen, der durch seine Fahreigenschaften und Abstimmungsleistung glänzt. Dabei gibt er sich dennoch immer komplett alltagstauglich und bietet einen hervorragenden Kompromiss gerade für junge Familien, die einen erhöhten Platzanspruch haben. Ausreichendes Platzangebot und nach wie vor erhaltener Fahrkomfort sind stets präsent.

Wer sich auf der Suche nach einem sportlichen Kompaktwagen befindet, für den Komfort und Platzangebot keine Fremdwörter sind und der zudem einen satten Preisvorteil gegenüber dem direkten Konkurrenten aus Wolfsburg (Golf GTI) sucht, für den gibt es keine nennenswerte Gründe, nicht direkt loszuschlagen. Der Ford Focus ST ist bereits ab 27.950 Euro erhältlich.

Gerade in Bezug auf die üppigen Assistenzsysteme, die man in dieser Klasse häufig noch nicht findet, macht der Ford Focus ST eindrucksvoll klar, was möglich ist. Der Ford Focus ST bietet viel und verlangt wenig. Der König ist tot, lang lebe der König!

Technische Daten Ford Focus ST (2013):

Antriebsart: Frontantrieb | Hubraum: 1.999 cm³ | Leistung: 184 kW/250 PS | Drehmoment: 360 Nm bei 2.000-4.500 U/min (mit Overboost 380 Nm bei 1.900-3.500 U/min) | Vmax: 248 km/h | Beschleunigung 0-100 km/h: 6,5 Sekunden | Durchschnittsverbrauch: 7,2 l/100 km | CO2-Emission g/km: 248 | Preis: ab 27.950 EUR

1 Kommentar > Kommentar schreiben

15.01.2014

danke, interessanter Testbericht! :cool:


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