#schiebihnraus: Der Skandal des Jahres in der Chronologie

, 27.12.2015

Shitstorm, Facebook-Kleinkrieg und drastische Strafen: Kein anderes Thema erhitzte die Gemüter der DTM-Fans in diesem Jahr so sehr wie die #schiebihnraus-Affäre

"Timo, schieb ihn raus!" Es sind vier kleine Worte, die in der DTM den Skandal der Saison 2015 auslösen. In Spielberg gibt Audi-Sportchef Wolfgang Ullrich seinem Piloten Timo Scheider per Funkspruch die Anweisung, seine beiden Mercedes-Konkurrenten Robert Wickens und Pascal Wehrlein aus dem Rennen zu befördern. Als es Sekunden später tatsächlich kracht, beginnen für den zweimaligen DTM-Champion die schlimmsten Monate seiner gesamten Karriere als Rennfahrer.

Scheider muss in den sozialen Medien Beschimpfungen über sich ergehen lassen, wird vom Deutschen Motor Sport Bund (DMSB) gesperrt und sogar die Staatsanwaltschaft ermittelt zwischenzeitlich gegen ihn. Auch für Ullrich ist es kein angenehmes Jahr 2015: Er wird vom DMSB ebenfalls gesperrt und erleidet (ebenso wie Scheider und Audi) einen gewaltigen Image-Schaden.

Wir haben die Chronologie des Skandals, der als #schiebihnraus-Affäre in die Geschichte eingegangen ist, in allen Einzelheiten noch einmal aufgearbeitet. Angefangen von Scheiders Rempler gegen Wehrlein in Spielberg über die Ermittlungen gegen Scheider und Audi bis hin zum Handschlag der beiden Streithähne beim Saisonfinale in Hockenheim.

Ein Foul mit Folgen

2. August 2015 (Nachmittag): Alles beginnt beim Sonntagsrennen der DTM in Spielberg. Mercedes-Pilot Robert Wickens und Audis Timo Scheider duellieren sich auf dem Red-Bull-Ring in einem harten Kampf um Position sechs. Pikant: Hinter den beiden liegt Mercedes-Meisterschaftsanwärter Pascal Wehrlein. Scheider fühlt sich von Wickens aufgehalten und tatsächlich schafft es Wehrlein in der letzten Runde, sich mit einem geschickten Manöver an beiden vorbei zu drücken.

Wehrlein liegt auf den letzten Metern des Rennens vor Wickens und Scheider, als es einen Funkspruch von Audi-Sportchef Wolfgang Ullrich an seinen Piloten gibt. Seine Anweisung "Timo, schieb ihn raus!" wird live im Fernsehen für alle Zuschauer deutlich hörbar übertragen. Wenige Sekunden später rammt Scheider Wickens, der auf der nassen Strecke daraufhin in Wehrlein rutscht. Beide Mercedes drehen sich ins Kiesbett, Scheider bringt Rang sechs ins Ziel.

Für den Sieg von Mattias Ekström interessiert sich an diesem Sonntag kaum einer. Im Mittelpunkt des Interesses steht die Affäre, der in den sozialen Medien der Name #schiebihnraus verpasst wird. Scheider behauptet nach dem Rennen, keinen Funkspruch gehört zu haben, Ullrich verstrickt sich in widersprüchliche Aussagen. Mercedes-Sportchef Toto Wolff erklärt: "Wenn es diesen Funkspruch gab, dann sollte derjenige nie wieder auf eine Rennstrecke gehen."

Gerade erst der Anfang...

2. August 2015 (Abend): Während die Fans die Rennstrecke am späten Abend längst verlassen haben, diskutieren die Sportkommissare noch immer über den Vorfall. Klar ist zu diesem Zeitpunkt nur, dass es vor dem Zwischenfall einen Funkspruch gab. Nach der Auswertung der Telemetriedaten und der Videoaufnahmen kommen die Kommissare zu dem Schluss, dass Scheider den Unfall vorsätzlich verursacht hat. Ihr Urteil: Disqualifikation.

Der Skandal ist damit aber keinesfalls abgehakt - im Gegenteil. Besonders in den sozialen Medien nimmt die Geschichte gerade erst Fahrt auf. Scheider und Audi müssen auf Facebook, Twitter und Co. einen Shitstorm über sich ergehen lassen, den es in diesem Ausmaß in der DTM vorher nie gegeben hat. Die Sportkommissare geben den Fall währenddessen an das Sportgericht des Deutschen Motor Sport Bundes weiter.

3. August 2015: Der DMSB eröffnet ein Verfahren gegen Scheider und Audi. DMSB-Präsident Hans-Joachim Stuck möchte sich auf Anfrage von 'Motorsport-Total.com' zunächst nicht zu dem Vorfall äußern. "Das Verfahren ist schwebend. Es gibt ein Sportgerichtsverfahren, und dem darf ich nicht vorgreifen", erklärt er. Fast alle Experten sind sich allerdings einig: Die Aktion muss noch weitere Strafen noch sich ziehen.

"Das ist schlecht für unseren Sport", sagt Norbert Haug gegenüber dem 'SID' beispielsweise und erklärt: "Ein Rennergebnis wurde verfälscht - ein Vorgang, der am Saisonende womöglich das Endergebnis beeinflussen kann." Dass sich Wehrlein am Ende des Jahres trotz der Aktion den Titel sichern kann, weiß zu diesem Zeitpunkt noch keiner. "Für mich hat sich der Fall erledigt", schreibt der Mercedes-Pilot auf seiner Facebook-Seite.

Beleidigungen und ein hartes Urteil

5. August 2015: Nun meldet sich auch Scheider wieder zu Wort. Via Facebook fordert er alle Fans dazu auf, Beschimpfungen gegen ihn und seine Familie zu unterlassen. "Die letzten Tage sind nicht wirklich einfach gewesen. Ich habe mir viele Gedanken gemacht", schreibt der Audi-Pilot und ergänzt: "Was passiert ist, kann man nicht mehr ändern, aber daraus lernen. Tut mir bitte nur einen Gefallen für meine Familie und Dr. Wolfgang Ullrich, lasst diese beleidigenden Beschimpfungen!"

Unterstützung erhält der zweimalige Champion auch von der DTM-Driver-Association (DTMDA), der Fahrergewerkschaft der DTM. "Ich kann mir nicht vorstellen, dass Timo das mit voller Absicht gemacht hat", erklärt Sprecher Manuel Reuter gegenüber der 'dpa' und ergänzt: "Wenn mir mein Sportchef was sagt, und ich handele zuwider, dann ist das theoretisch ein Kündigungsgrund." Hatte Scheider nach dem Funkspruch also gar keine andere Wahl?

26. August 2015: Gut drei Wochen nach dem Vorfall schließt der DMSB seine Untersuchung ab. Das Urteil: Wolfgang Ullrich wird bis zum Saisonende der Zutritt zur Boxengasse verboten, Timo Scheider wird für die beiden Rennen in Moskau gesperrt, Audi werden alle im zweiten Spielberg-Rennen erzielten Punkte (62) aberkannt und zudem müssen die Ingolstädter eine Strafe in Höhe von 200.000 Euro zahlen.

Audi akzeptiert das Urteil und erklärt in einer Stellungnahme, dass der Fall "damit abgeschlossen" sei. Mercedes-Sportchef Toto Wolff kann sich über das Urteil derweil "nicht freuen" und erklärt: "Das ist nicht die Art, wie wir einen sportlichen Wettkampf entscheiden wollen." Am Ende des Jahres werden die aberkannten Punkte dafür sorgen, dass Audi den Herstellertitel an BMW verliert.

Versöhnliches Ende nach Facebook-Kleinkrieg

28. August 2015: Sportlich wird der Fall mit dem DMSB-Urteil zu den Akten gelegt, doch Scheider und Ullrich stehen weitere unruhige Nächte bevor. Der Grund: Mittlerweile hat sich auch die österreichische Staatsanwaltschaft eingeschaltet. "Es wird geprüft, ob das Verhalten den Tatbestand der Nötigung und der Gefährdung der körperlichen Sicherheit erfüllt", erklärt die zuständige Staatsanwältin in Leoben gegenüber dem 'SID'.

17. Oktober 2015: In Hockenheim kommt die DTM-Saison 2015 zu einem kuriosen Ende: Ausgerechnet beim ersten (und einzigen) Saisonsieg von Scheider sichert sich Wehrlein den Titel. Anschließend geben sich die beiden die Hand und Scheider gratuliert dem neuen Champion sportlich fair zum Titelgewinn. Freunde werden die zwei wohl nicht mehr werden, doch immerhin ein respektvoller Umgang scheint nun wieder möglich zu sein.

Zuvor hatten sich die beiden Streithähne in den sozialen Medien einen Kleinkrieg abseits der Rennstrecke geliefert. "Wenn er und seine Umgebung sich das so zu Herzen nehmen, kann ich daran nichts ändern. Ich habe Spaß, darauf zu antworten, weil ich über mich selbst lachen kann. Das sollte Pascal auch lernen", erklärt Scheider gegenüber 'SPOX' im Hinblick auf die Sticheleien der beiden.

"Endlich einen Haken machen"

28. November 2015: Audi gibt bekannt, in der Saison 2016 mit dem gleichen Fahrerkader wie 2015 in der DTM anzutreten. Damit ist Scheiders Zukunft trotz der Affäre gesichert. Auch Ullrich übersteht #schiebihnraus mit einem blauen Auge: Bereits kurz zuvor wird bekannt, dass der 65-Jährige mindestens bis 2017 als Chef von Audi Sport agieren wird. Nach Informationen von 'Motorsport-Total.com' verlängerte der Österreicher seinen Vertrag bereits im Sommer.

1. Dezember 2015: Der endgültige Schlusspunkt des Skandals: Scheider gibt auf seiner Facebook-Seite bekannt, dass die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen gegen ihn und Ullrich eingestellt hat. "Endlich kann ich an 2015 einen Haken machen", atmet Scheider durch und verrät: "Nach langer Zeit des Wartens ist nach dem Freispruch beim Sportgericht jetzt auch das Strafverfahren eingestellt worden."

"Wir haben alle unsere Lehren gezogen und können jetzt mit voller Konzentration an 2016 arbeiten! Ich bin wieder bereit", so der Audi-Pilot, der damit einen dicken Strich unter ein schwieriges Jahr 2015 machen kann. Er erklärt: "Fakt ist, dass es die härteste Saison seit 15 Jahren für mich war. Es gab die negativsten und schlimmsten Momente, die man sich als Rennfahrer vorstellen kann."

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