"Alles Quark": Flammendes Plädoyer von Hamilton & Vettel

, 31.03.2016

Die Qualifying-Kehrtwende ärgert Lewis Hamilton zwar, hat ihn aber "nicht überrascht" - Fans wollen seiner Meinung nach Rad-an-Rad-Racing sehen

Das neue Qualifying-Format sei "Quark", ebenso wie das am Melbourne-Wochenende heiß diskutierte Funkverbot, sagt Sebastian Vettel. Der Ferrari-Pilot und der amtierende Weltmeister Lewis Hamilton knüpfen im Vorfeld des Grand Prix von Bahrain nahtlos an die Kritik der Fahrergewerkschaft GPDA an den jüngsten Entscheidungen der Formel 1 an und machen ihrem Ärger mit flammenden Plädoyers Luft.

Hamilton nutzte einen halbstündigen Medientermin am Donnerstag in Manama, um sich seinen Frust von der Leber zu quatschen. Dass das neue Qualifying-Format, von vielen Medien als "Reise nach Jerusalem" bezeichnet, in Melbourne zuerst gefloppt ist, dann von den Teamchefs abgeschafft wurde und nun doch beibehalten wird, weil in den zuständigen Entscheidungsgremien keine Einstimmigkeit erzielt wurde, habe ihn "nicht überrascht. So ist die Formel 1."

"Es gibt keine geradlinigen Entscheidungen, sondern es ist ein ständiges Hin und Her. Zuerst wird so entschieden, eine Minute später ist es schon wieder anders. Alles normal", kritisiert der Superstar. "Ich finde interessant, dass man bei diesem System bleibt, obwohl die Fans so unglücklich darüber waren. Aber ich habe gehört, dass es ein paar Teams gegeben hat, die keine Änderung wollten. Also bleiben die Regeln so, wie sie sind."

Hamilton: Einstimmigkeit ist Unsinn

Vier Teams hatten nach Melbourne die Einstimmigkeit in der Qualifying-Frage verhindert, und so wird jetzt am Samstag noch einmal der gleiche Modus angewendet wie vor zwei Wochen. "Der fundamentale Fehler liegt darin, dass alle Teams zustimmen müssen. Wenn ein Team dagegen ist, weil es sich davon einen Vorteil verspricht, dann kommt etwas nicht zustande. Das kann doch nicht richtig sein", spricht Hamilton Klartext.

Für Vettel ist es im Gegensatz zu Hamilton eine "große Überraschung", dass in Bahrain noch einmal mit dem umstrittenen neuen Modus gefahren wird: "Es hat ja jeder gesagt, dass es Käse war." Die Formel 1 sei wie eine Eisdiele, in der jeder Schokoladeneis kaufen will, es aber nur Vanille im Sortiment gibt. "Am nächsten Tag sperrst du auf und alle sind überzeugt, du würdest jetzt Schokolade anbieten. Stattdessen verkaufst du wieder Vanille", ärgert sich der Ferrari-Superstar.

Kritik auch an anderen Fahrern

Mit dem GPDA-Brief möchten sich die Formel-1-Fahrer mehr Gehör verschaffen, wenn neue Regeln beschlossen werden. "Wir wollen nicht Entscheider sein. Aber wir wissen am besten, was das Racing spannend machen könnte", sagt Hamilton, selbst übrigens kein GPDA-Mitglied, aber bekennender Unterstützer des offiziellen Schreibens. "Ich habe auch nicht alle Antworten. Ich kann nicht sagen, wir müssen das so und das so machen. Aber es gibt viele Dinge, die verbessert werden können."

Hamilton geht es dabei "vor allem um das Auto", aber auch um die Interaktion mit den Fans, zum Beispiel über soziale Netzwerke. Außerdem kritisiert er jene Fahrerkollegen, die in Meetings aufschreien, weil eine Strecke zu viele Bodenwellen hat: "Ebene Strecken machen keinen Spaß, haben keinen Charakter. Wenn du auf einer Bodenwelle bremsen musst oder kurz davor einlenken, das macht doch den Spaß des Rennfahrens aus!"

"Mir fehlt das Kartfahren", philosophiert er. "In der Saison 2000 hatte ich mit Nico einige meiner besten Rennen. Dabei geht es um die Fahrer, um Rad-an-Rad-Duelle. Heute ist das kaum noch möglich. Es ist nicht so, dass ich in Australien den Toro Rosso nicht überholen konnte. Ich erkläre es immer so: Ich habe 100 Dollar für das ganze Rennen. Wenn ich aber schon zehn Dollar ausgeben muss, um den Toro Rosso zu überholen, fehlen mir vielleicht am Ende ein paar Dollar."

Überhol-Action muss im Vordergrund stehen

"Aber den Fans sind diese Strategien egal", kritisiert er die Richtung, in die sich die Formel 1 in den vergangenen Jahren entwickelt hat. "Die Fans wollen Racing sehen, das ganze Rennen hindurch. Sie wollen, dass ich meine Eier riskiere, um an dem Gegner vorbeizukommen, mit einem fantastischen Manöver. Aber so, wie die Formel 1 heute funktioniert, hätte ich in Australien meine ganze Energie dafür aufgebraucht, ein Auto zu überholen."

Hamilton erinnert sich an Bahrain 2014: "Eines der aufregendsten Rennen, an das ich mich erinnern kann, wenn nicht das aufregendste überhaupt. Und so ein Rennen will ich jedes Wochenende haben, auch wenn ich am Ende nicht gewinne. Mir geht es um das Rennen!" Damals hatte Nico Rosberg im Finish die schnelleren Reifen, aber Hamilton konnte den Sieg nach einem dramatischen Duell, bei dem die beiden mehrfach fast auf gleicher Höhe waren, nach Hause fahren.

Fans bekommen von Strategien nichts mit

"Aber um dieses Rennen so zu haben, brauchte es eineinhalb Sekunden Unterschied zwischen den Reifenmischungen. Auf den gleichen Reifen wäre Nico zwei Sekunden hinter mir geblieben und hätte keine Chance gehabt", sagt Hamilton. "Das zeigt doch, dass etwas fundamental falsch läuft!" Seiner Meinung nach haben Themen wie Benzin sparen, mit Reifen haushalten und Energie verwalten nichts in der Formel 1 verloren.

Die Formel 1 sei zu einem mental anstrengenden Schachspiel verkommen: "Wir müssen heute mehr Anzeigen auf dem Display beachten als je zuvor. Die Fans kriegen diese ganze Kommunikation und die Anzeigen aber nicht mit, haben keinen Dunst davon, was wir ändern. Die wollen mehr Rad-an-Rad-Duelle sehen." Und erschöpfte Fahrer auf dem Podium, die alles gegeben haben, um das Rennen zu gewinnen. Auch das ist nämlich Schnee von gestern.

"Die Formel 1 sollte anspruchsvoller sein. Nach Melbourne war ich überhaupt nicht erschöpft und ich hätte locker ein zweites Rennen fahren können", kritisiert Hamilton. "Es ist anstrengend, aber wir sind heutzutage sehr gut trainiert. Im ersten Jahr hatte ich in den ersten paar Rennen Schwierigkeiten, aber nach einer Weile war mein Körper akklimatisiert und kam damit zurecht. Heute muss ich nicht mehr trainieren, um in die Zone zu kommen."

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