Brawn über Jerez 1997: Schumacher wurde "kreidebleich"

, 12.11.2016

Michael Schumachers langjähriger Weggefährte Ross Brawn und Eddie Irvine packen aus: "Michaels Verhalten war fast nicht mehr zu verteidigen"

Wenn auf einem Formel-1-Portal irgendwo "Jerez 1997" in der Headline auftaucht, sind (teilweise völlig überhitzte) Diskussionen unter den Usern schon vorprogrammiert, noch bevor der erste überhaupt den Text gelesen hat. Selten kommt dabei wirklich etwas Neues zutage, aber nun packen zwei Ferrari-Insider aus, die die legendäre Kollision zwischen Michael Schumacher und Jacques Villeneuve quasi aus nächster Nähe miterlebt haben: der damalige Ferrari-Technikchef Ross Brawn und Schumachers Teamkollege Eddie Irvine.

In seinem neuen Buch "Total Competition: Lessons in strategy from Formula One" (mit Co-Autor Adam Parr, erschienen 2016 bei Simon & Schuster) beschreibt Brawn zunächst Schumachers WM-entscheidende Kollision mit Damon Hill in Adelaide 1994 als entschuldbaren Zwischenfall, den man im Kontext jener streitbaren Saison sehen müsse. Aber "1997 war irgendwie anders", räumt der langjährige Vertraute des siebenmaligen Weltmeisters ein.

Brawn erzählt in dem Interview mit Parr, das sich über das ganze Buch erstreckt: "Michael hatte einen Schwachpunkt, weil er so ehrgeizig war, dass er die Dinge nicht so sah, wie das andere tun würden. Er hat es 2006 in Monaco getan, als er im Qualifying auf der Strecke stehen blieb, und er hat es zwei, drei weitere Male in seiner Karriere getan. Ob das mit Damon 1994 auch so ein Fall war, weiß ich nicht. Darüber haben wir nie gesprochen."

Lesenswert: "Total Competition" von Brawn/Parr

Was Jerez 1997 angeht, hat Brawn weniger Zweifel. Er erinnert sich: "Michael kam in die Box und brüllte wie am Spieß: 'Villeneuve hat mich rausgeschoben, Villeneuve hat mich aus dem Rennen gekickt!' Und ich sagte: 'Beruhige dich, Michael, und schauen wir uns das noch einmal im Fernsehen an.' Er beruhigte sich, schaute sich die Wiederholung an, wurde kreidebleich im Gesicht und realisierte, was er da angerichtet hatte."

In Folge 16 der Video-Interviewserie "Ein Drink mit Eddie Irvine" erinnert sich auch Schumachers damaliger Ferrari-Teamkollege an die Szenen, die sich nach der Kollision in der Box der Scuderia abgespielt haben: "Wir wussten, dass es ein Problem gab, denn es war ein sehr schmutziges Manöver. Ferrari hatte das Thema nicht mehr unter Kontrolle, denn die FIA war schon dran. Sie wussten, dass es eine Strafe geben würde, aber welche?"

"Es war ein wirklich schmutziges Manöver", sagt Irvine. "Michael hat das instinktiv gemacht. Er wusste, dass er das Rennen und die Weltmeisterschaft verloren hatte. Es war ein tolles Manöver von Jacques. Ich habe Jacques nie für den talentiertesten Rennfahrer gehalten, aber er hatte richtig Eier. Er hat einige wirklich fantastische Manöver durchgezogen. Zum Beispiel außen an Michael vorbei in Estoril. Und dieses Manöver, von so weit hinten, war fantastisch."

Auf den eigenen Vorteil programmiert?

Von seinen Anhängern wurden Schumachers strittige Aktionen oft mit dem Argument verteidigt, dass er nicht direkt absichtlich, sondern vielmehr instinktiv gehandelt habe, dass er einfach so programmiert gewesen sei. Eine These, die wohl auch Brawn vertritt, wenn er über Jerez 1997 sagt: "In der Hitze des Gefechts, das schwöre ich, kam er in die Garage und war davon überzeugt, dass ihn Villeneuve von der Strecke geschoben hatte."

Brawn findet, dass man die entscheidende Kollision im größeren Kontext sehen muss: "Es war ein nervenaufreibendes Rennen, weil wir uns alle angewöhnt hatten, unsere zweiten Fahrer strategisch einzusetzen. Wir taten das mit Eddie. Wir hatten Rennen, in denen sich Michael vorne absetzte und Eddie den Auftrag hatte, das Tempo zu kontrollieren, damit Michael seinen Vorsprung vergrößern konnte. Es war wie ein Schachspiel."

Schumacher war durch Frentzen gereizt

"Und in jenem Rennen hatte Frentzen Michael ziemlich lange gelinkt. Williams zahlte uns ein bisschen von dem zurück, was wir ihnen eingeschenkt hatten. Verständlich. Aber ich glaube, Michael frustrierte das ganz schön", versucht er, mildernde Umstände anzuführen. "Das ist keine Entschuldigung, aber es war so." Die FIA kannte keine Gnade und erkannte Schumacher nachträglich den zweiten WM-Rang und alle Punkte ab. Nur die Siege durfte er für die Statistik behalten.

Ein weiterer Zwischenfall, der heiß diskutiert wurde und zu dem sich nach und nach immer mehr Weggefährten äußern, ist Rascasse 2006. Nachdem zuletzt schon Mark Webber erklärt hatte, dass ihm Schumacher anvertraut habe, das Parkmanöver in voller Absicht lanciert zu haben, packen nun auch Brawn und Irvine aus. Letzterer meint darüber nur: "Rascasse war lächerlich!" Und: "Jeder wusste, dass Michael nicht der sauberste Fahrer war, dass er nicht besonders fair war."

Selbst Brawn fällt es im Nachhinein schwer, sich beim Rascasse-Thema hinter den siebenmaligen Weltmeister zu stellen: "Ich habe ihn verteidigt, weil er Teil meines Teams war. Aber sein Verhalten war fast nicht mehr zu verteidigen. Es war eine instinktive Reaktion von ihm, denn er hatte an jenem Wochenende das schnellste Auto und war besorgt, dass er das im Rennen nicht nutzen würde können, falls ihm jemand die Pole wegschnappen sollte."

Rascasse 2006: Brawn macht sich Vorwürfe

"Ich für meinen Teil war nicht besorgt und habe es nicht geschafft, ihm diese Gelassenheit zu vermitteln. Also wurde er diesbezüglich paranoid", so Brawn. "Ich bin überzeugt, es war eine instinktive Reaktion, denn er hat nie darüber gesprochen. Wenn er es geplant hatte, dann hatte er niemanden eingeweiht. Und er hat es lausig umgesetzt, denn wenn schon, dann hätte er das Auto richtig in die Leitplanken crashen müssen."

Schumacher habe solche Psychospielchen "zehnmal an jedem Rennwochenende" vollzogen: "Wenn du gegen Michael Schumacher fährst, siehst du kein Land. Wenn du die Tür nur einen Zentimeter weit offen gelassen hast, stellte er sofort seinen Fuß rein", schildert Brawn. "Der Grund für seinen Erfolg war, dass er sich diesen Charakter, diese Persönlichkeit angeeignet hat, um die anderen Fahrer einzuschüchtern. Und darum geht's in der Formel 1."

Irvine: Die Besten waren alle keine Engel

Irvine findet indes nichts Ungewöhnliches daran, dass die allerbesten Fahrer der Formel-1-Geschichte - und dazu zählt Schumacher ohne Zweifel - die Regeln immer bis ans Limit (und manchmal darüber hinaus) ausgereizt haben: "Senna war kein Engel, Michael war kein Engel", philosophiert der heute 51-Jährige, "und ich auch nicht." Nachsatz, mit einem Grinsen im Gesicht: "Auch wenn ich sicher mehr Engel war als die beiden!"

Er glaubt, dass die erfolgreichsten Rennfahrer der Geschichte keine Leute in ihrem Umfeld hatten, die es wagten, ihnen offen die Meinung ins Gesicht zu sagen: "Wenn du so ein Niveau erreichst, dann ist es sehr schwierig, Menschen um dich zu haben, die anderer Meinung sind als du, wenn du es dir so leicht machen kannst mit Menschen, die dir in allem recht geben. Das ist viel angenehmer", sagt er in Folge 16 von "Ein Drink mit Eddie Irvine".

Dabei gibt er zu, auch selbst schmutzig gespielt zu haben: "Ich habe Warwick in Suzuka einmal absichtlich angeschoben. Er hatte versucht, mich von der Strecke zu schieben, total illegal. Da will jemand schmutzig spielen? Also habe ich ihn einfach ins Kiesbett gedrängt, gleich in meinem ersten Grand Prix", gesteht Irvine. "Das war gegen die Regeln, aber er hatte es verdient. Er war in der Runde davor total daneben."

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