Toto Wolff über Red Bull: "Sie brauchen einen Psychiater!"

, 12.11.2016

Die Anruf-Affäre um Verstappens-Vater Jos stößt auf geteiltes Echo - Während für den weiter verstimmten Marko alles geklärt ist, sichelt Wolff weiter: "Wohl Paranoia"

Der Zank um den Anruf von Toto Wolff bei Jos Verstappen geht weiter. Nachdem die Sache publik geworden war und für einen Sturm der Entrüstung im Red-Bull-Lager gesorgt hatte, setzten sich der Mercedes-Sportchef und Helmut Marko am Samstag zur Aussprache zusammen. Sie hat ihren Sinn und Zweck offenbar kapital verfehlt. Zwar behauptet der Grazer gewohnt knochig: "Es hat ein klärendes Gespräch gegeben. Wir haben das ausgeräumt." Wolffs Reaktion aber fällt anders aus.

Der Österreicher beschwert sich darüber, dass sich die Verantwortlichen bei Red Bull überhaupt darüber beklagten, dass er zum Telefonhörer greift: "Wenn Dinge in einem anderen Team falsch verstanden werden, brauchen sie nicht mich, sondern einen Psychiater", schüttelt Wolff den Kopf und bleibt bei seiner Version des Telefonats. Er habe lediglich seinen alten Freund Jos Verstappen angerufen und mit ihm über Gott und die Formel-1-Welt geplaudert. Drohung? Kontrollversuch?

Alles Fehlanzeige, beteuert er. "Es war nicht als Ratschlag für Max gemeint. Es war ein Gespräch zwischen zwei Enthusiasten", so Wolff. "Wir kennen uns lange und haben miteinander über viele Themen gesprochen wie wir es oft im Paddock getan haben." Dazu passt nicht, dass der Mercedes-Verantwortliche im gleichen Atemzug behauptet, er wolle Verstappen jun. davor schützen, dass sich die negative Stimmung gegen ihn weiter aufheizt, wenn er per Kollision die WM entscheidet.

Red Bull unbeeindruckt: Freibrief für Max Verstappen

Toto Wolff argumentiert auch verwirrend, wenn er es Red Bull einerseits zugesteht, seinen Anruf zu hinterfragen. "Na klar", antwortet er auf die Frage, ob er wütend gewesen wäre, wenn Christian Horner im umgekehrten Fall bei Keke Rosberg vorgesprochen hätte. "Ich würde ich mir denken: 'Warum machen die das?'" Anderseits unterstellt er Red Bull Verfolgswahn und winkt ab, wenn es um die Befindlichkeiten der Konkurrenz geht: "Offenbar sind manche Leute paranoid. Das ist aber ihr eigenes Problem." Es stellt sich die Frage: Warum dann überhaupt das Gespräch mit Marko?

Die Red-Bull-Eminenz scheint herzlich wenig aus dem Rendezvous mit Wolff mitgenommen zu haben und denkt nicht einmal im Traum daran, Verstappen einzubremsen: "Max darf machen, was er will", stellt er klar. Der eigentlich zu schützende Nico Rosberg, der in Mexiko fast Verstappen-Opfer geworden wäre, hat für diese Haltung Sympathie und will gar keine Sonderbehandlung: "Es ist normal, dass andere nicht anders fahren, weil wir um den Titel kämpfen. Es ist nicht ihr Ding."

Leser halten Wolff-Anruf für richtige Maßnahme

Trotzdem rät er dazu, "sich am Riemen zu reißen" und "einen halben Gang entspannter zu fahren", will das aber als allgemeinen Ratschlag verstanden wissen. Wolff, der in diesen Tagen nicht müde wird, sich als Verstappen-Fan zu outen, stimmt mit ein und erlaubt es dem Enfant terrible, seine Silberpfeile zu überholen: "Er soll Rennen gegen uns fahren, aber das kleine bisschen Luft lassen, um eine Kollision zu vermeiden." Denn Mercedes will am Ende eine große Siegstory erzählen können. Und nicht damit leben müssen, dass die Motorsport-Welt über einen Crash diskutiert.

Das ist a) kein gutes Marketing und macht es b) nicht einfacher, das teuere Formel-1-Engagement bei Vorstand und Betriebsrat zu rechtfertigen. "Ich will einfach ein großartiges Saisonfinale und nicht eine riesige Kontroverse", sagt Wolff. Die Kontroverse hat er allerdings längst selbst vom Zaum gebrochen, indem er auf Verstappen einredete. Der Bumerang kommt in jedem Fall in Richtung des Mercedes-Motorhomes zurück: Nicht auszudenken, was passiert, wenn Sohnemann Max in Abu Dhabi zurücksteckt und Hamilton oder Rosberg auf diese Art zum Weltmeister macht.

Ernüchtert stellt Wolff fest: "Off-Record ist hier gar nichts mehr." Das ganze Fahrerlager hat längst Wind von dem Telefonat bekommen, die Reaktionen fallen unterschiedlich aus. "Schade", bedauert McLaren-Pilot Jenson Button, "wir sind hier, um Rennen zu fahren." Teamkollege Fernando Alonso hat für die Warnung Verständnis und erkennt einen guten Sportchef: "Toto macht nunmal seinen Job", meint der Spanier. Red-Bull-Pilot Daniel Ricciardo hingegen - das kommt wenig überraschend - missfällt die Aktion. Er hadert: "Von der Sache her halte ich es für falsch."

Daniel Ricciardo nimmt's mit Humor: "Daaaaaaad!"

Viele 'Motorsport-Total.com'-Leser sind anderer Meinung als der Australier: In einer Umfrage mit 475 abgegebenen Stimmen (mehrfache Stimmabgabe war möglich) votieren 39,58 Prozent dafür, dass es richtig gewesen sei, das Gespräch mit dem Vater zu suchen. 32,63 Prozent halten die Aktion für "schlechten Stil", während sich 27,79 Prozent gewünscht hätten, dass Wolff bei Max Verstappen persönlich das Handy hätte klingeln lassen. Knapp jeder Siebte unterstützt also proaktives Handeln.

Ricciardo ärgert sich deshalb, weil die WM-Entscheidung seiner Meinung nach verwässert wird. Würde für Silber tatsächlich gebremst, wären die Rennen in Brasilien und in Abu Dhabi andere als die vorangegangenen: "Was ist jetzt anders als in Melbourne? Nur rumzugurken und die Mercedes-Piloten ihr Ding machen zu lassen, ergibt keinen Sinn." Doch Ricciardo wäre nicht Ricciardo, würde er die Sache nicht mit Humor nehmen. In der Medienrunde nach dem Brasilien-Qualifying witzelt er darüber, was sich im Hause Verstappen abgespielt haben könnte, als Wolff anrief.

"Daaaaaad?", lacht Ricciardo und immitiert den auf dem Sofa sitzenden Max Verstappen. "Wer ist da?" Teamchef Horner klebte sein Ohr an die Scheibe der Mercedes-Hospitality, als Wolff gerade den Journalisten über die Aktion Auskunft gab. Und Verstappen selbst witzelt: "Ich war in der Nähe als er angerufen wurde. Ich habe gerade Fernsehen geschaut und wollte nicht gestört werden." Er findet ohnehin, dass der Vorfall in den Medien "übertrieben dargestellt" und "aufgeblasen" würde.

Übrigens: Für Wolff scheint sich die ganze Aufregung überhaupt nicht gelohnt zu haben. Vor dem Rennen in Brasilien erklärt Verstappen gewohnt selbstbewusst - oder eben rotzfrech, wie es seine Kritiker formulieren würden - und mit einem verschmitzten Grinsen auf dem Gesicht: "Ich werde genauso fahren wie ich immer fahre. An meiner Herangehensweise ändert sich überhaupt nichts. Jeder sollte hier bis zum letzten Meter Rennen fahren und um Platz eins kämpfen. Sonst ist man kein Champion."

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