"Das war gefährlich": Deshalb rastete Hamilton im Funk aus

, 19.06.2016

Durch die Funkeinschränkung gestaltet sich die Fehlersuche für Lewis Hamilton zu einem Teufelskreis - Mercedes machte in Baku den Mapping-Fehler schon am Freitag

"Wir hatten mit beiden Autos ein Problem mit der Elektronikeinstellung", sagt Mercedes-Teamchef Toto Wolff nach einem erfolgreichen, aber aufreibenden Renntag in Aserbaidschan. "Laut Reglement darf man dem Fahrer nicht mitteilen, wie er das Problem löst. Er muss selbst draufkommen." Wolff, aber auch Niki Lauda sahen die Schuld nicht bei Lewis Hamilton und Nico Rosberg. Der Ursprung der falschen Einstellung resultierte vom durchwachsenen Freitag. Trotz Trainingsbestzeit verlor Mercedes am Freitag mit beiden Autos je einen Longrun.

"Die Einstellung war wegen des chaotischen Freitags falsch", erklärt der Teamchef der Silberpfeile. "Wir konnten die Einstellung nicht richtig konfigurieren. Also war von Anfang an alles nicht richtig eingestellt. Bei Lewis' Auto trat es drei Runden früher als bei Nico auf. Nico war in einer glücklicheren Situation, weil er kurz vorher einen Schalter verstellt hat. Das führte ihn in die richtige Richtung und nach einer halben Runde war er im richtigen Modus unterwegs."

Aber warum verstellte Rosberg einen Schalter und Hamilton nicht? "Ich kann nicht viel dazu sagen, aber sie waren in unterschiedlichen Modi unterwegs", verrät Wolff keine Details. "Deshalb trat es bei Lewis früher auf als bei Nico." Für Rosberg war die Sache schnell erledigt: "Ich spürte, dass der Motor weniger Leistung hatte. Also blickte ich auf mein Lenkrad und dachte mir: 'Das muss es sein.' Also verstellte ich den Schalter und es funktionierte wieder alles gut", merkt der Deutsche an.

Augen ständig mit Lenkrad-Einstellungen beschäftigt

Während Rosberg ungefährdet zum Sieg fuhr, setzte Hamilton entnervt Funksprüche ab. Mercedes fragte auch bei der FIA nach, welche Informationen man ihm genau weiterleiten durfte. Die genau Problemlösung durfte Renningenieur Peter Bonnington nicht funken. Deshalb versuchte der Brite seinen Landsmann im Cockpit zu beruhigen. Im Funkverkehr hörte sich das folgendermaßen an:

Renningenieur: "Das Problem scheint den Modus zu betreffen, den du gerade verwendest."

Hamilton: "Ich weiß nicht, was falsch ist."

Renningenieur: "Ich darf nicht sagen, wo es ist."

Hamilton: "Das ist lächerlich. Ich schaue alle fünf Sekunden auf die Anzeige, um einen Schalter in der falschen Position zu finden. Ich habe nichts verändert oder falsch gemacht, soweit ich glaube."

Renningenieur: "Lewis, du machst nichts falsch. Die Einstellung ist falsch. Ich darf es dir nicht sagen."

Hamilton: "Ich werde dieses Rennen nicht beenden, weil ich versuchen werde, alles zu verstellen."

Renningenieur: "Davon raten wir dir ab."

Hamilton: "Ich mache Vorschläge und ihr sagt mir, ob es okay ist?"

Renningenieur: "Nein, Lewis, das ist nicht erlaubt. Konzentriere dich auf deinen Job."

Als "gefährlich" bezeichnet Hamilton diese Situation nach dem Rennen. "Den Großteil der Runde blickte ich auf mein Lenkrad. Die komplette Zielgerade schaute ich nur auf das Lenkrad. Sie konnten mir nur sagen, dass ein Schalter in einer falschen Position steht. Also habe ich jeden verdammten Schalter angeschaut und mir gedacht, ob ich hier der Idiot bin. Habe ich etwas falsch gemacht? Das hatte ich nicht. Ich schaute immer und immer wieder, und ging durch die verschiedenen Schalterstellungen, aber nichts sah ungewöhnlich aus."

Problem löste sich von selbst

Nach zwölf langen Runden war das Problem aus der Welt geschafft und Hamilton meldete sich plötzlich mit der schnellsten Rennrunde. "Sie sagten mir, dass es sich von selbst lösen wird. Und acht Runden vor Rennende war das der Fall. Ich wusste nicht, wo das Problem lag", spricht der Brite über das Ende dieser Situation. "Ich wusste nicht, ob ich etwas getan hatte, damit der Motor wieder läuft. Ich schaltete etwas aus, aber es änderte sich nichts. Dann schaltete ich es wieder an, und es änderte wieder nichts. Dann schaltete ich es aus und zehn Runden später war die Motorleistung wieder da."

Mercedes-Technikdirektor Paddy Lowe schätzt, dass die Leistungsaussetzer rund vier Zehntelsekunden pro Runde kosteten. "Dieses Problem bestand nur, wenn der Fahrer einen bestimmten Strategie-Modus am Lenkrad auswählte. Die anderen Modi waren davon nicht betroffen. Leider darf das Team den Fahrern aufgrund der neuen Funk-Einschränkungen in diesem Jahr nicht mehr sagen, welchen Modus sie nutzen sollen. Oder wie in diesem Fall: Welchen Modus sie nicht hätten nutzen dürfen."

Technikdirektor: Kreuzworträtsel bei 320 km/h

"Nachdem wir uns von der FIA die Erlaubnis geholt hatten, durften wir den Fahrern einen Hinweis geben - aber nicht mehr", so Lowe. Allerdings weist der Brite darauf hin, dass die Situation bezüglich der Sicherheit auf der Rennstrecke bedenklich war: "Es war in etwa so, als ob wir sie bitten würden, ein Kreuzworträtsel zu lösen, während sie mit 320 km/h ein Rennen fahren. Das ist kein Kinderspiel!"

Die Probleme entfachten im Fahrerlager wieder eine Debatte über den eingeschränkten Funkverkehr, denn wenn ein Fahrer ständig mit dem Lenkrad herumspielt und die Augen nicht auf der Strecke hat, ist das aus Sicherheitsgründen alles andere als ideal. "Soweit ich es verstanden habe, soll das Funkverbot Fahrerhilfen eliminieren", sagt Hamilton und betont: "Das war aber keine Fahrerhilfe, sondern ein technisches Problem."

"Die FIA weiß, dass die Formel 1 extrem technisch geworden ist - fast schon zu technisch. Wenn es so viele Schalterpositionen gibt, dann sollte man das beheben können. Nur die Leute in der Box können das Problem sehen", weist Hamilton auf die Komplexität der aktuellen Hybridantriebe hin. Der eingeschränkte Funkverbot kostetet seiner Meinung nach mehr Action auf der Strecke: "Mit voller Leistung hätte ich zum Spektakel beitragen können. Ich hätte mit den Jungs weiter vorne kämpfen können."

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