Motormapping: Lewis Hamilton verzweifelt in Baku am Funk

, 19.06.2016

Nico Rosberg löst das Einstellungsproblem schneller als Lewis Hamilton - Der Brite hadert mit dem eingeschränkten Funkverkehr, während Rosberg in Baku dominiert

Mercedes-Pilot Nico Rosberg feierte bei der Formel-1-Premiere in Aserbaidschan souverän seinen fünften Saisonsieg. Damit vergrößerte der Deutsche seinen WM-Vorsprung auf Teamkollege Lewis Hamilton, der Fünfter wurde, auf 24 Punkte. Für Gesprächsstoff sorgten aber die Funksprüche des Briten: "Ich blicke ständig auf das Lenkrad nach Schaltern, die in der falschen Position sind", funkte der Weltmeister während des Rennens genervt. "Es D-ratet überall. Gibt es keine Lösung?" Allerdings durfte sein Renningenieur aufgrund des Funkverbots keine Anweisungen geben wie Hamilton das Problem löst.

"D-rates sind im Prinzip wie Aussetzer, die elektrische Energie wird nicht zur richtigen Zeit geladen und nicht richtig deployed", erklärt Teamchef Toto Wolff und fügt hinzu: "Und das Problem ist: Die Regularien sagen, man kann nicht mit dem Fahrer kommunizieren." Allerdings hatte auch Rosberg das gleiche Problem, wie sich nach dem Rennen herausstellte. Der Deutsche konnte das Problem aber deutlich schneller lösen, während Hamilton zwölf Runden brauchte, um wieder die richtige Einstellung zu finden.

"Nico hat das Problem schnell gelöst", bestätigt Wolff, hält aber trotzdem fest: "Man muss fairerweise sagen, dass es für ihn einfacher war. Er hat vorher einen Switchchange gemacht, der ihn vielleicht eher auf den richtigen Pfad gebracht hat und beim Lewis war es komplizierter." Und Niki Lauda ergänzt: "Ich möchte Lewis dafür keine Schuld geben, denn es ist kompliziert, wenn man fährt und gleichzeitig verstehen muss, was vor sich geht. Das Funkverbot gibt es, also müssen wir uns daran halten."

Nach seinem ersten und einzigen Boxenstopp in Runde 16 konnte Hamilton zunächst Felipe Massa und Daniel Ricciardo überholen und war direkt hinter Sergio Perez. Ab etwa Runde 25 konnte der Brite den Anschluss an den Force India nicht halten, bis Runde 37 war er schon zehn Sekunden hinter den Mexikaner, der am Ende Dritter wurde, zurückgefallen. Gleichzeitig funkte Hamilton genervt die Box an.

Hamilton: Gibt 100 verschiedene Einstellungen

"Ich hatte keine Ahnung", sagt der Brite nach dem Rennen zu seinen Problemen. "Es gibt 16 unterschiedliche Motoreinstellungen und in jeder dieser Einstellungen gibt es wiederum 20 Positionen. Ich hatte keine Ahnung, was das Problem ist. Ich hatte einfach weniger Leistung." Hat er dann tatsächlich die richtige Einstellung gefunden? "Ich habe nichts gemacht, es hat sich von selbst gelöst", antwortet der 31-Jährige schmallippig.

In Runde 42 fuhr Hamilton plötzlich die schnellste Rennrunde, war dann aber wieder deutlich langsamer als der Führende Rosberg. "Gegen Rennende habe ich den Motor zurückgedreht", erklärt er diese langsamen Rundenzeiten. "Sieben, acht Runden vor dem Ende war ich 14 Sekunden hinter dem Fahrer vor mir. Also habe ich den Motor geschont. Man darf nicht vergessen, dass ich für das restliche Jahr nicht mehr so viele Motoren zur Verfügung habe."

Dieses Einstellungsproblem bei beiden Autos nimmt Mercedes auf die eigene Kappe. Wolff will seine Fahrer dafür nicht kritisieren: "Das fundamentale Problem liegt bei uns, denn es war nicht offensichtlich, dass diese Einstellung Probleme bereiten wird. Diese Konfiguration funktionierte nicht richtig. Es ist nicht die Schuld der Fahrer. Aber die Funkregeln machen die Dinge extrem kompliziert. Sonst hätte man das Problem rasch lösen können."

Effekt des eingeschränkten Funkverkehrs

Der vom Reglement eingeschränkte Funkverkehr wurde nach Baku wieder diskutiert, denn auch Ferrari-Pilot Kimi Räikkönen hatte seine Schwierigkeiten. "Wir haben diese neuen Regeln, damit es etwas unvorhersehbarer wird und die Fahrer nicht von der Box gesteuert sind", sagt Wolff.

"Jetzt hatten wir den Effekt, dass ein Fahrer vorne dabei sein hätte können, aber Schwierigkeiten mit der Technologie des Autos hatte. Es gibt jetzt zwei Möglichkeiten. Entweder man lernt ihm die Technologie, was schwierig ist. Oder man ändert das Reglement. Diese modernen Autos haben viel elektrische Leistung. Es ist viel komplizierter als vor 20 Jahren."

Und was hält Hamilton davon, dass er hauptsächlich mit Knöpfe drücken beschäftigt war, als Gas zu geben? "Ich sehe nicht den Vorteil", kritisiert er das Funkverbot. "Die FIA hat die Formel 1 extrem technisch gemacht. Es hätten 100 verschiedene Schaltereinstellungen sein können. Keine Chance, dass ich das weiß - egal wie viel ich die Einstellungen studiere. Es ist schade, dass ich nicht richtig fahren konnte. Hätte ich das Problem lösen können, hätte ich Teil der Show sein und die Jungs vor mir attackieren können. Das war nicht der Fall, aber so ist es eben."

Siegte der deutsche Fleiß?

Rosberg benötigte dagegen nur eine halbe Runde, um seine Einstellung wieder richtig hinzubekommen. "Wir hatten beide ein Power-Problem. Sie dürfen dir über Funk nur sagen, dass es ein Problem gibt, aber nicht welches. Ich wusste, wo das Problem lag. Ich betätigte den Schalter und das Problem war gelöst", sagt er zu dieser Situation. "Es ist eine Herausforderung, denn wir sind da draußen mehr auf uns alleine gestellt. Ich investiere viel Zeit dafür, aber ob mir das in diesem speziellen Fall geholfen hat, kann man nicht genau sagen." Mit den Funkregeln ist Rosberg zufrieden: "Ja, ganz klar."

Kritische Stimmen merkten direkt nach dem Rennen an, dass sich der deutsche Fleiß von Rosberg ausgezahlt hat und Hamilton seine Hausaufgaben nicht richtig erledigt. Das will Wolff aber nicht so stehenlassen: "Man muss immer arg vorsichtig sein mit Anschuldigungen. Ich lasse das mal so stehen." Leise Kritik gibt es dennoch von 'RTL-Experte Timo Glock: "Umso ordentlicher man sich damit auseinandersetzt und die Anleitungen liest, die es dazu gibt, und auch die Zeit im Simulator nutzt, umso einfacher kann man vielleicht die Schritte verfolgen und Ideen haben, wie man vielleicht da raus kommt als Fahrer."

Rosberg: Und jetzt geht es nach Österreich!

Unter dem Strich zeigte Rosberg ein perfektes Wochenende. Nachdem in den drei Freien Trainings Hamilton die Nase vorne hatte, schlug der Deutsche zu, als es zählte. Die Pole-Position im Qualifying war der Grundstein für die souveräne Vorstellung im Rennen. "Es war ein ganz tolles Gefühl in dem Auto. Ich konnte alles machen damit, es war wie auf Schienen", strahlt Rosberg. "Richtige cooles Gefühl da draußen, ich habe mich sehr wohl gefühlt."

Nach einem perfekten Start fuhr Rosberg vorne auf und davon. Nach zehn Runden hatte er schon zwölf Sekunden Vorsprung auf die Verfolger. Nach seinem einzigen Boxenstopp in Runde 22 fuhr er das Rennen sicher nach Hause. "Ich war sehr, sehr überrascht, dass kein Safety-Car kam. Ich habe jeden Moment darauf gewartet und habe beim Überrunden vor mir immer wieder Duelle mit blockierenden Reifen gesehen und so weiter", schildert er den weiteren Rennverlauf. "Da war ich mir sicher: Jetzt kommt es gleich doch noch."

Es kam aber zu keiner Safety-Car-Phase: "Das hat es für mich einfacher gemacht, denn so habe ich meinen Abstand immer halten können. Ich gratuliere Sebastian und vor allem Checo zum dritten Platz, ganz stark. Jetzt geht es weiter zum nächsten...- wo ist noch einmal das nächste Rennen? Ja, Österreich!" Der Red-Bull-Ring ist für Rosberg ein ganz besonderer Boden, denn in den vergangenen beiden Jahren holte er dort die Siege. Seit dem Österreich-Comeback ist er in Spielberg ungeschlagen.

Jetzt kommentieren
Jetzt bewerten

Zum Bewerten musst Du registriert und eingeloggt sein.

Weitere Formel 1-News

Mit dem Lenkrad werden die Elektronik-Einstellungen verstellt

"Das war gefährlich": Deshalb rastete Hamilton im Funk aus

"Wir hatten mit beiden Autos ein Problem mit der Elektronikeinstellung", sagt Mercedes-Teamchef Toto Wolff nach einem erfolgreichen, aber aufreibenden Renntag in Aserbaidschan. "Laut Reglement darf man dem …

Nico Rosberg holte sich den Premieren-Sieg in Baku

Formel 1 Baku 2016: Nico Rosberg siegt vor Sebastian Vettel

Die Formel-1-Premiere in Baku wurde nicht zu dem, was im Vorfeld - vor allem nach dem turbulenten GP2-Rennen - erwartet worden war. Denn die Formel-1-Fahrer zeigten einen disziplinierten Auftritt, nicht …

Nico Rosberg bleibt im (Fern-)Duell mit Lewis Hamilton ganz cool

Psychospiele bei Mercedes: Rosberg setzt nächsten Nadelstich

Das teaminterne Duell um den WM-Titel bei Mercedes spitzt sich immer weiter zu - auch auf der psychologischen Ebene. Nach seiner Pole-Position beim Europa-Grand-Prix in Baku am Samstag und einer …

Nico Rosberg sicherte sich die Premieren-Pole von Baku

Formel 1 Baku 2016: Rosberg auf Pole - Hamilton crasht

Ein Stadtkurs mit einer gigantisch langen Geraden und dem zweithöchsten Top-Speed im Rennkalender - das ist der neue Baku City Circuit. Auf dem 6,003 Kilometer langen Kurs inmitten der Altstadt von Baku …

Das Psychoduell zwischen Nico Rosberg und Lewis Hamilton geht weiter

Fahrerbriefing in Baku: Rosberg stellt Hamilton bloß

Das Fahrerbriefing am Freitagabend in Baku lieferte eine weitere Episode im Psychoduell zwischen Nico Rosberg und Lewis Hamilton. Nachdem Rosberg Hamilton in Baku schon auf die erste Kurve in Montreal …

AUCH INTERESSANT
20 unglaubliche Fakten: Pikes Peak und der Fabel-Rekord

AUTO-SPECIAL

20 unglaubliche Fakten: Pikes Peak und der Fabel-Rekord

Härter, schneller und noch krasser: „Pikes Peak“ ist der „Heilige Gral“ unter den Bergrennen und geht in die Extreme. Volkswagen war dort so schnell wie niemand zuvor und schaffte es, einen …


Formel1.de

TOP ARTIKEL
Ford Mustang Bullitt 2018: Der erste Check und der Preis
Ford Mustang Bullitt 2018: Der erste Check und …
Seat Ibiza FR 2018: Was reißen drei Zylinder im Sport-Test?
Seat Ibiza FR 2018: Was reißen drei Zylinder im …
Louis Vuitton Ferrari gehört 15-jährigem
Louis Vuitton Ferrari gehört 15-jährigem
News-Abo
Jeden Morgen kostenlos per E-Mail:
Aktuelle Artikel
20 unglaubliche Fakten: Pikes Peak und der Fabel-Rekord
20 unglaubliche Fakten: Pikes Peak und der …
Lamborghini Aventador SVJ: Monster holt Nordschleifen-Rekord
Lamborghini Aventador SVJ: Monster holt …
Porsche 718 Cayman GTS Test: Lohnen sich die 11.000 Euro?
Porsche 718 Cayman GTS Test: Lohnen sich die …
Porsche Cayenne E-Hybrid Test: Was er wirklich verbraucht
Porsche Cayenne E-Hybrid Test: Was er wirklich …
Porsche 919 Hybrid Evo: Neuer Rekord auf der Nordschleife?
Porsche 919 Hybrid Evo: Neuer Rekord auf der …


Speed Heads - Sportwagen- und Auto-Magazin

Das Auto und Sportwagen Magazin mit täglich aktualisierten Auto News, Motorsport News, Auto Tests, Sportwagen Berichten und der streng geheimen Auto Zukunft. Speed Heads ist die Community für echte Auto-Fans und informiert im Sportwagen Magazin über Neuigkeiten aus der Welt der schnellen Autos.

  • emotiondrive Logo
  • Torpedo Run Logo
  • Motorsport Total Logo
  • autoaid Logo