FIA-Boss Jean Todt: So will er das Formel-1-Qualifying retten

, 02.04.2016

FIA-Boss Jean Todt erklärt, wie er das Knock-out-Qualifying zum Funktionieren bringen will, wer der Auslöser dafür war und wieso der Sport keine andere Wahl hatte

FIA-Boss Jean Todt glaubt, dass das aktuelle Knock-out-Qualifying-Format, das auch bei der zweiten Ausgabe in der Kritik stand, Zukunft hat. Der Franzose schlägt eine leichte Adaptierung von Q1 und Q2 sowie einen zusätzlichen Reifensatz für Q3 vor. Als Alternative könnte er sich ein Einzelzeitfahren der Top 8, wie es von 2003 bis 2005 üblich war, in Q3 vorstellen.

"Q3 war eine Enttäuschung und das größte Problem, weil die Fahrer in Australien zum ersten Mal seit langem wenige Minuten vor dem Ende des Qualifyings ausgestiegen sind", erklärt Todt. Aus diesem Grund fragte er Rennleiter Charlie Whiting, ob es möglich wäre, dass Pirelli in Q3 einen zusätzlichen Satz der jeweils weichsten Reifenmischung liefert. Pirelli-Motorsportchef Paul Hembery hält dies ab dem dritten Saisonrennen in China für möglich, dies sei allerdings mit zusätzlichen Kosten verbunden.

Einzelzeitfahren oder zusätzlicher Reifensatz als Heilsbringer?

"Leider wird das Pirelli nur machen, wenn sie Geld bekommen", bestätigt Formel-1-Boss Bernie Ecclestone. Und dies führt laut dem 85-Jährigen nur über die Rennställe: "Die Team müssten bezahlen. Es liegt also an ihnen, zu entscheiden, ob sie das wollen."

Auch ein Einzel-Zeitfahren in Q3 werde laut Todt bei der Sitzung am Sonntag, an der neben Todt, Ecclestone und Teamvertretern auch Hembery teilnehmen wird, besprochen. "Es wäre eine Möglichkeit, dass der Achte zuerst eine Runde fährt, und wenn er fertig ist, fährt der Siebte", erklärt Todt den Modus, der sehr an die Lösung vor etwas mehr als einem Jahrzehnt erinnert.

"Damit wäre stets ein Auto auf der Strecke und das Ergebnis wäre unberechenbar", hält er das Format für attraktiv. Mit Q1 und Q2 ist Todt grundsätzlich zufrieden. "Da gab es keinen Konsens, dass es schlecht war. Es war unberechenbarer. Und das war das Ziel. Wir sind aber übereingekommen, dass wir vielleicht das Timing etwas verändern müssen."

Todt hofft am Sonntag auf Eintracht der Entscheidungsträger

Das Problem: "Es gab die Beschwerde, dass es in Q1 und Q2 zu lange dauert, bis die Fahrer auf die Strecke gehen. Die Idee war, dass die Fans und Zuschauer an der Strecke sofort die konkurrenzfähigsten Autos und Fahrer auf der Strecke sehen."

Doch auch anderen Vorschlägen, wie zum Beispiel einer Rückkehr zum alten Qualifying-Modus, steht Todt aufgeschlossen gegenüber: "Alles wird morgen auf den Tisch kommen." Das größte Problem: Reglementänderungen während der Saison können in der Formel 1 nur einstimmig über die Bühne gehen.

Todt appelliert vor dem Besprechung am Sonntag, bei der die Herangehensweise ab dem kommenden Rennen in die Wege geleitet werden soll, an die Teams: "Hoffentlich werden wir uns einstimmig einigen - im besten Interesse des Sports. Ich hoffe, dass wir das Morgen durchbringen."

Qualifying-Farce: Rennpromoter als Auslöser

Etwas skeptischer ist diesbezüglich Ecclestone. Auf die Frage, wie Todt dies erreichen will, meint der Brite: "Das kann er nur als Diktator schaffen. In einer Demokratie wird das nichts." Gelingt es tatsächlich nicht, dann muss die Formel 1 auch in Schanghai mit dem aktuellen Modus lieben - und die Kritik an der Königsklasse des Motorsports wird weitergehen.

Doch warum hat man überhaupt das alte Qualifying-System, das bei den Fans durchaus beliebt war, über Bord geworfen? "Es gab den starken Wunsch der Rennpromoter, dass wir das Qualifying der Spannung wegen ändern", verrät Todt, dass man dem Druck der Rennstreckenbesitzer, die zu wenig Tickets verkauften, nachgegeben hat.

Und Ecclestone wirft ein, dass der alte Qualifying-Modus im Angesicht der Mercedes-Dominanz zu wenig zu spannenden Rennen beigetragen hat. "Wenn wir nichts ändern, dann gewinnt Mercedes jedes Rennen bis 2020. Und so schaffen es vielleicht zwei oder drei der Favoriten nicht ins Q3." Eine Hoffnung, die sich bislang als unberechtigt erwies, denn sowohl in Melbourne als auch in Bahrain scheiterte kein Ferrari oder Mercedes bei der "Reise nach Jerusalem" an der Q3-Hürde.

Wie Todt auf die Kritik auf Twitter & Co. reagiert

Stattdessen wird die Formel 1 wegen des chaotischen Modus' vor allem in den sozialen Netzwerken mit Kritik überschüttet. Todt, der selbst keinen Computer bedienen kann und sich alle E-Mails von seinen Assistenten ausdrucken lässt, ist der Aufruhr auf Twitter & Co. Durchaus bewusst.

"Ich vergeude jeden Tag zu viel Zeit, um die ausgedruckten 15 Seiten der sozialen Netzwerke zu lesen", seufzt er. "Ich weiß darüber Bescheid, was sich dort abspielt. Wir können uns aber davon nicht leiten lassen. Wir leben in einer Welt, in der es zu viele Überreaktionen gibt. Wir müssen den Dingen eine Chance geben, um sie zu verstehen."

Dabei haben die Ingenieure der Teams schon vor dem Melbourne-Wochenende davor gewarnt, dass in Q3 eine Farce droht und die Schlussminuten ohne Autos auf der Strecke über die Bühne gehen könnte. Bei den Tests in Barcelona hatten die Teams laut Todt sogar vorgeschlagen, das Q3 deswegen nach dem alten Modus zu fahren, doch der Franzose sprach sich dagegen aus: "Ich habe Charlie Whiting gesagt, dass wir dem Weltrat das ursprüngliche Format vorschlagen sollten, und wir bei Bedarf nach dem ersten Versuch noch Anpassungen machen können. Der beste Weg, um ein neues Reglement zu verstehen, ist dessen Durchführung."

Ecclestone: Mercedes zwingt Formel 1 zu Aktionismus

Ursprünglich hatte man zwar einen Probegalopp des neuen Modus bei den Wintertests in Barcelona angedacht, doch Rennleiter Whiting hielt dies für unmöglich. "Also hatten wir nur Australien als Möglichkeit, es auszuprobieren."

Und so schlitterte die Formel 1 in ein Dilemma. "Ich dachte, wir hätten schon den 1. April", blickt Ecclestone mit einem Augenzwinkern auf die völlig missglückte Premiere in Melbourne zurück. Er sieht die Formel 1 aber von Mercedes zu Aktionismus gezwungen - und zwar auf eine Art und Weise, wie dies nicht einmal in den Zeiten von Michael Schumachers Seriensiegen oder der Dominanz von Sebastian Vettel der Fall gewesen sei.

"Als Michael oder Red Bull viele Rennen gewonnen haben, da hatte man nie das Gefühl, dass eines dieser Teams die Formel 1 dominiert", findet Ecclestone. "Das aktuelle Problem ist, dass Mercedes so gut ist, dass sie im Qualifying die erste Startreihe belegen und das Rennen auf den ersten zwei Plätzen belegen. Das war bei Michael nicht so."

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