Formel 1 Sotschi 2017: Vettel auf Pole, Mercedes ohne Chance

, 29.04.2017

Mercedes ausgerechnet auf der Paradestrecke gedemütigt: Sebastian Vettel jubelt über eine wichtige Pole, auf der eigentlich Kimi Räikkönen stehen sollte

"Grazie!" und gefühlt ein Dutzend Mal "Yes!" am Boxenfunk: Sebastian Vettel realisiert immer mehr, dass er 2017 ein Auto hat, mit dem er Weltmeister werden kann. In einem bis zum Schluss packenden Qualifying zum Grand Prix von Russland sicherte er sich in Sotschi seine erste Pole-Position seit Singapur 2015. Für Ferrari war es sogar die erste Doppel-Pole seit Magny-Cours 2008 - und zum ersten dritten Mal seit Einführung der Hybrid-Formel steht kein Auto mit Mercedes-Motor ganz vorne.

Nach drei Ferrari-Bestzeiten in drei Freien Trainings war das keine große Überraschung. "Das ist die neue Zeitrechnung", seufzt Mercedes-Sportchef Toto Wolff, und Lewis Hamilton fordert niedergeschlagen: "Wir müssen wieder ans Zeichenbrett." Währenddessen wird das Selbstbewusstsein bei Ferrari immer größer: "Das Auto war phänomenal", jubelt Polesetter Vettel.

Das gestiegene Selbstbewusstsein äußert sich in Kleinigkeiten. So verzichtete Ferrari in Q1 (anders als Mercedes) auf die Ultrasoft-Reifen. Trotzdem hatte Vettel nicht einmal eine halbe Sekunde Rückstand auf Valtteri Bottas (Mercedes), der zu jenem Zeitpunkt Schnellster war. In Q2 lag wieder Bottas voran, obwohl Vettel da schon Ultrasoft fuhr.

Aber das hatte einen Grund. Vettel verpatzte nämlich seine letzte Q2-Runde (die Mercedes gar nicht erst drehte): "Ich wollte ein bisschen zu viel, um das Limit auszutesten. Ich hatte dann ein kleines Problem mit dem Auto. Aber im dritten Qualifying habe ich es doch geschafft, wieder den Rhythmus zu finden." Auf seiner Pole-Runde habe er dann sogar "noch ein wenig Luft" gehabt, strahlt er.

Rein vom Speed her hätte eigentlich Kimi Räikkönen zum ersten Mal seit Magny-Cours 2008 auf Pole-Position stehen müssen. Dessen Bestzeit im dritten Sektor lag nämlich bei 27,315 Sekunden, im allerletzten Versuch fuhr er dort aber nur 27,825 Sekunden. Trotzdem fehlten ihm unterm Strich nur 0,059 Sekunden auf Vettel.

Der entscheidende Fehler unterlief dem "Iceman" in der letzten Kurve. Das hatte eine Vorgeschichte: "Ich hatte Verkehr auf der Out-Lap, dadurch waren meine Reifen nicht ganz auf Temperatur. Das wollte ich in der letzten Kurve wettmachen, aber das ist mir nicht ganz aufgegangen."

Selbst Bottas hätte Vettel fast geknackt: "Valtteri war auf einer guten Runde, die hätte für die Pole reichen können. Leider hat er einen Fehler gemacht", bedauert Wolff. Dem zweiten Finnen fehlten 0,095 Sekunden. "Ferrari", sagt Bottas, "war schon das ganze Wochenende schneller. Sie konnten mehr aus dem Ultrasoft herausholen. Damit hatten wir gestern schon Schwierigkeiten. Heute hatten wir es etwas besser im Griff, aber es hat nicht gereicht."

Dass Mercedes ein Problem hat, konnte man in Sotschi mit freiem Auge erkennen. Im motorenlastigen ersten Sektor waren Bottas und Hamilton noch schneller als die Ferraris; im kurvenreichen dritten kämpften sie mit dem Handling. Der Sieg trotzdem möglich? "Das Gefühl habe ich nicht. Das geht über Ferrari", resigniert Wolff schon fast - und ergänzt: Hamiltons Longrun sei "nicht gut" gewesen, "aber Valtteris war vielversprechend".

Dass Hamilton an diesem Wochenende im Schatten von Bottas steht, kommt wenig überraschend. Bottas war in Sotschi schon zu Williams-Zeiten stets ultraschnell, und diese Form setzte er auch heute um. Bezeichnend am Freitag, als sich Hamilton immer wieder via Funk durchgeben ließ, wo er langsamer war als sein Teamkollege - und trotzdem nicht näher kam.

Red Bull hatte mit der Vergabe der ersten beiden Startreihen diesmal nichts zu tun. Nach dem Fortschritt von Bahrain folgte in Sotschi wieder ein Rückschritt. "Wir wussten schon vorher, dass nicht mehr als Platz fünf drin ist", relativiert Daniel Ricciardo (+1,711). "Diese Strecke liegt uns nicht. Im Vorjahr hatte ich hier auch 1,7 Sekunden Rückstand."

Zwischen Ricciardo und Max Verstappen (7./+1,967) schob sich sogar noch Felipe Massa (Williams/+1,916). Und Nico Hülkenberg blieb als Achter mit 2,091 Sekunden Rückstand nur hauchdünn hinter diesem Paket. Aber: "Das Rennen ist für uns der schwierigere Teil", fürchtet der Renault-Pilot. "Im Longrun lag das Auto gestern nicht so super. Insofern bin ich ein bisschen skeptisch." Immerhin startet er vor dem Force-India-Duo, das ebenfalls den Q3-Einzug schaffte.

Bereits in Q2 waren beide Toro Rossos und mit Kevin Magnussen auch der letzte verbliebene Haas-Pilot ausgeschieden. Carlos Sainz (11.) rutscht wegen seiner Grid-Strafe (wegen Kollision mit Williams-Rookie Lance Stroll in Bahrain) um drei Positionen nach hinten. Stroll verpasste den Q3-Aufstieg auch wegen einer fehlerhaften letzten Runde. Und Fernando Alonso (15./McLaren) schimpfte wieder mal: "Unbelieveable!"

Turbulent verlaufen war bereits Q1. Kurz nach Alonsos Verbesserung auf P13, die ihn eine Runde weiter brachte, überschlugen sich die Ereignisse. Jolyon Palmer, bei dem heute Morgen der Motor gewechselt werden musste, verlor in Kurve 4 die Kontrolle über seinen Renault und krachte in die Leitplanken. Wegen der gelben Flaggen waren keine Zeitenverbesserungen mehr möglich.

Fast gleichzeitig drehte sich auch Pascal Wehrlein. "Die Hinterräder haben blockiert", gibt er zu. Besonders ärgerlich, denn: "Ich war über zwei Zehntel schneller. Aber dann habe ich zu spät gebremst." Schwacher Trost: Für Q2 hätte es so oder so nicht gereicht. Und im Stallduell gegen Marcus Ericsson stellte er auch mit P18 um 0,175 Sekunden auf 2:0.

Was das alles für das Rennen bedeutet? "Der Weg zur ersten Kurve ist hier weit", hofft Bottas. Aber für Mercedes spricht wenig. Im Renntrimm war Ferrari selbst dann besser, wenn man im Qualifying noch Rückstand hatte. Und bei nur einem zu erwartenden Boxenstopp werden auch durch die Startegie keine großen Husarenstücke möglich sein ...

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