Halbzeitbilanz: Red Bull zwischen Anspruch und Wirklichkeit

, 05.08.2015

Die Halbzeitbilanz der Top-8-Teams in der Formel 1 2015: Warum Red Bull seine schlechteste Saison seit Jahren erlebt und jetzt bereits in Richtung 2016 blickt

Die Saison 2014 wertete man bei Red Bull bereits als Desaster. Nachdem das Team zuvor viermal in Folge die Weltmeisterschaft gewonnen hatte, fiel man im vergangenen Jahr hoffnungslos hinter Mercedes zurück. Was damals allerdings noch keiner ahnte: 2015 sollte für die Bullen noch um einiges schlimmer werden. Die Bilanz nach den ersten zehn Rennen des neuen Jahres: Magere 96 Punkte, Platz vier in der Konstrukteurs-WM und noch immer kein einziger Sieg.

"Wir kamen ehrlich gesagt mit der Hoffnung in die Saison, um die Weltmeisterschaft kämpfen zu können", erinnert sich Daniel Ricciardo bei 'Sky Sports F1' an den Winter zurück. Bereits beim Saisonauftakt in Australien wurde allerdings klar, dass Red Bull auch in diesem Jahr wieder nichts mit dem Titelkampf zu tun haben würde. Während Teamkollege Daniil Kwjat die Zielflagge gar nicht erst sah, kam Ricciardo als Sechster ins Ziel - mit mehr als einer Runde Rückstand auf das siegreiche Mercedes-Duo.

"Es ist ziemlich frustrierend", fasst der Australier die bisherige Saison zusammen und ergänzt: "So ist es eben. Wir müssen einfach versuchen, das Beste daraus zu machen. Wir hatten während der Saison beide (Ricciardo und Kwjat; Anm. d. Red.) auch etwas Pech, aber ich blicke auf das vergangene Jahr zurück und das lief ziemlich gut für mich. Es ist Teil des Sports."

Kwjat zuletzt stärker als Ricciardo

Zu allem Überfluss gerät Ricciardo durch seinen neuen Teamkollegen seit einigen Rennen auch noch mehr und mehr unter Druck. In vier der vergangenen fünf Rennen hatte Kwjat die Nase vor dem Australier. "Teamkollege Daniil Kwjat gelingt es derzeit, Ricciardo unter Druck zu setzen, und deshalb gerät der Australier in Situationen, wie man es in Ungarn gesehen hat", hat auch der zweimalige Weltmeister Mika Häkkinen in seinem Blog für 'Hermes' erkannt.

"Ricciardo ist ein angesehener und guter Fahrer, aber er steht jetzt eindeutig unter Leistungsdruck", erklärt der Finne. Dabei hatte es zu Beginn der Saison noch so ausgehen, dass Kwjat sich eher als "Fehleinkauf" entpuppen würde. Der junge Russe sollte die Lücke schließen, die Sebastian Vettel mit seinem Abgang hinterlassen hatte, holte in den erst fünf Saisonrennen allerdings nur fünf Punkte - für die Ansprüche der Bullen viel zu wenig.

Doch seit seinem überraschenden vierten Platz in Monaco geht der Trend in die richtige Richtung. "Er hatte einen schlechten Start, der nicht wirklich seine Schuld war", erklärt Christian Horner. "Er verpasste den ersten Grand Prix und hatte viele technische Probleme. Das hätte ihn mental viel schwerer treffen können, als es letztlich der Fall war. Es spricht für ihn, dass er sich davon erholt hat", freut sich der Red-Bull-Teamchef.

Piloten pushen sich gegenseitig

"Zwischen Teamkollegen gibt es immer eine Rivalität", ergänzt Ricciardo, der es relativ locker sieht, dass das Pendel zuletzt eher in Richtung seines Teamkollegen ausschlug. "Es ist gut, dass er diese Leistungen zeigt, denn das treibt mich natürlich an. Als Teamkollege möchte man eine Herausforderung haben und die bietet Dani mir. Das ist gut, es wird das Beste in uns beiden zum Vorschein bringen", erklärt der Australier.

"Mein Start in die Saison war schwierig, aber dafür hatte Daniel in den vergangenen Rennen ein paar Probleme mehr", sagt Kwjat selbst und ergänzt: "Ich denke, dass es in einem Team so sein sollte, dass die beiden Piloten sich gegenseitig pushen. Wenn einer viel schneller als der andere ist, dann läuft etwas nicht richtig. So sollte es nicht sein. Es wird uns dabei helfen, uns selbst und das Auto weiterzuentwickeln."

Zuletzt in Ungarn schien dieser Plan zumindest aufzugehen. Red Bull verabschiedete sich mit den Plätzen zwei und drei in die Sommerpause und holte damit seine ersten beiden Podiumsplatzierungen des Jahres. Als Erfolg dürfte man das in Milton Keynes allerdings trotzdem nicht unbedingt werten. Zum Vergleich: Selbst im "Katastrophenjahr" 2014 holten die Bullen trotz aller Schwierigkeiten drei Siege. Nun droht das erste sieglose Jahr seit 2008.

Gestörtes Verhältnis zu Renault

Doch warum tut sich Red Bull 2015 noch einmal deutlich schwerer als im bereits durchwachsenen Vorjahr? Fakt ist, dass sich das Team im Umbruch befindet. Mit Sebastian Vettel verabschiedete sich das Aushängeschild der Weltmeisterjahre in Richtung Ferrari und auch Designgenie Adrian Newey, der geistige Vater des Erfolges, zieht sich mehr und mehr aus der Formel 1 zurück, um sich anderen Projekten zu widmen.

Und dann ist da ja auch noch Renault, der Lieblingssündenbock der Bullen. Bereits 2014 wurde der Antrieb der Franzosen immer wieder dafür verantwortlich gemacht, dass Mercedes Red Bull regelmäßig abhängte. 2015 sollte der Rosenkrieg eigentlich ein Ende finden, doch ganz aufgehört haben die kleinen Sticheleien von Motorsportsportberater Helmut Marko und Co. nicht. Im Mittelpunkt der Kritik: Leistung und Zuverlässigkeit des Motors.

Zwar sind die Aggregate seit dem jüngsten Update laut Horner "etwas zuverlässiger", doch der Teamchef erklärt: "Ich denke, dass wir früher oder später einen neuen Motor brauchen werden. Ganz besonders Ricciardo, er hat jetzt nur noch den fünften Motor für Freitag, Samstag und Sonntag. Es ist wohl unvermeidlich, dass wir in den nächsten Rennen eine weitere Einheit brauchen werden." Ricciardo und Kwjat verwenden bereits jetzt jeweils eine fünfte Antriebseinheit - erlaubt sind in der ganzen Saison lediglich vier.

Fokus bereits jetzt auf 2016?

Wo geht Red Bulls Reise in der zweiten Saisonhälfte 2015 also noch hin? "Die Aero-Jungs haben die Front des Autos verbessert und auch mechanisch gab es Fortschritte", betont Horner und erklärt: "Ich denke, dass die vergangenen zwei bis drei Rennen auf der Chassis-Seite wirklich positiv waren." Das belegen zumindest die beiden Podestplätze in Ungarn. Klar ist allerdings auch, dass dem RB11 nicht alle Strecken derart entgegenkommen wie der Hungaroring.

"Ich gebe mein Bestes, damit wir aus dieser Situation herauskommen", versichert Kwjat und erklärt: "Ich denke, dass jeder Höhen und Tiefen hat. Momentan läuft es beim Team nicht so gut, aber ich denke, dass wir zusammen alles geben werden, um es wieder an die Spitze zu schaffen. Es wird natürlich nicht einfach werden, denn wir sind etwas limitiert. Aber wir sind Profis und werden weiter pushen."

Es bleibt abzuwarten, ob für Red Bull in den verbleibenden neun Saisonrennen noch das ein oder andere Podium drin sein wird. Klar ist aber auch, dass das erfolgsverwöhnte Team eigentlich andere Ansprüche hat. In Milton Keynes möchte man lieber heute als morgen wieder um Siege mitkämpfen. Realistisch ist das in diesem Jahr allerdings wohl nicht mehr. "Ehrlich gesagt müssen wir da auf die kommende Saison warten", seufzt Ricciardo.

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