Hamilton & Mercedes staunen: Vier Gründe für die Wunder-Pole

, 30.09.2017

Glück mit dem Wetter, ein Hamilton in Galaform und Ferraris Unvermögen sorgten für eine nicht für möglich gehaltene Widerauferstehung - Aeroupdate gibt Rätsel auf

In den Trainings zum Malaysia-Grand-Prix strauchelte Mercedes - und sah gegen Ferrari sowie Red Bull kein Land. Im Qualifying am Samstag war Lewis Hamilton wieder oben auf - 70. Pole-Position der Karriere. Vier Faktoren bewirkten die Wiederauferstehung: Ein fahrerischer Geniestreich, Sebastian Vettels Aus in Q1, Kimi Räikkönens finaler Fahrfehler in der letzten Kurve und die niedrigeren Temperaturen am Vorabend in Sepang. "Warum es so ist, weiß keiner", wundert sich Niki Lauda.

Fakt ist: Das Thermometer zeigte fünf Grad Celsius weniger als im Abschlusstraining an, was den Mercedes 2,463 Sekunden schneller machte - natürlich spielte auch das Aufdrehen des V6-Hybridantriebs eine Rolle. Doch alleine können Zusatz-PS für den Leistungssprung nicht verantwortlich gewesen sein. Toto Wolff kratzt sich am Kopf: "Ich bin auch überrascht", schmunzelt der Sportchef. "Das muss uns mal einer erklären. Wir haben solche Schwankungen bei der Leistung der Reifen."

Wenn der Pneu im richtigen Temperaturbereich ist, ist der Silberpfeile eine Rakete. "Das Auto funktioniert wie auf Schienen", bestätigt Wolff. "Wenn du nicht im Fenster bist, ist das Fahrverhalten eine Katastrophe." Dabei ist nicht entscheidend, ob der Reifen zu kalt oder zu warm ist. Leistung geht gleichermaßen flöten. Dass es in Malaysia abkühlte und Wolken aufzogen (ergo heizte der Asphalt weniger auf), war ein Segen - weil das Überhitzen, das Mercedes 2017 so häufig bei sommerlichen Bedingungen plagt - wie weggeblasen war. "Details machen den Unterschied", weiß Wolff.

Hamilton: "Habe mehr aus dem Auto herausgeholt, als es hergab"

Mehr als eine Kleinigkeit war der Hamilton-Faktor, schließlich gab es an seinem ersten Versuch in Q3 nichts auszusetzen. 1:30.076 Minuten bedeuteten neuen Rundenrekord. "Wenn Lewis auf das Gaspedal tritt, dann richtig!", schwärmt Lauda. "Ich denke, dass es hier mehr um den Fahrer als um das Auto geht." Hamilton räumt ein, mit der Fabelzeit nicht gerechnet zu haben: "Keine Ahnung, wo sie plötzlich herkam. Ich habe mich selbst überrascht. Es ist immer fantastisch, mehr aus dem Auto herauszuholen, als es eigentlich hergibt." Denn die Referenz lieferte der Teamkollege.

Valtteri Bottas ließ als Fünfter (+0,682 Sekunden) Federn. Problem: Der Finne hatte sein Pulver vor dem Showdown um die Pole-Position verschossen. "Bis Q2 lief es nicht schlecht, aber in Q3 konnte sich jeder verbessern. Ich nicht. Da hatte ich ein ganz anderes Auto als Lewis." Bottas dünkt, woran es lag: "Was die Abstimmung betrifft, war nicht vieles anders - das Aeropaket jedoch schon, welches wohl das bessere war." Er fuhr wie am Freitag mit einem Update, Hamilton mit alten Teilen.

Aerodynamik-Update gibt Mercedes weiter Rätsel auf

Wolff schüttelt den Kopf, wenn es um Bottas' Erklärung für den Rückstand geht: "Ich halte es nicht für das Problem", meint er über das Malaysia-Update. Bei Hamilton wurde nach dem dritten Training vielmehr zurückgebaut, weil Mercedes ihm lieber eine gewohnte Abstimmung mit anderen Teilen geben wollte als die im Training verwendeten Komponenten mit einem neuen Set-up.

Die zweite Variante hätte Eingewöhnungszeit benötigt. Außerdem wollten die Silberpfeile einen Vergleich der alten und der neuen Aerodynamik: "Die Antwort haben wir immer noch nicht", zuckt Wolff mit den Schultern. Lauda betont, dass für aussagekräftige Werte der gleiche Mann am Volant hätte sitzen müssen. Nicht ein wie entfesselt fahrender Hamilton in einem Auto und ein gehemmter Bottas im anderen: "Deshalb können wir es kaum identifizieren. Wir wissen nicht, was da los ist."

Rutschendes Auto könnte im Rennen zum Problem werden

Das Ende aller Ungewissheit bedeutet die Hamilton-Pole also nicht. Auch der Ausblick auf Rennen bereitet Bauchschmerzen - neben Räikkönen seien auch die Red Bull Gegner, meint der Sportchef. "Es ist schwierig", grummelt Wolff. "Nach dem Freien Training hätte ich uns für die dritte Kraft gehalten. Da war es eindeutig. Bei den Longruns hat uns Ferrari eine Sekunde eingeschenkt, deswegen haben sie für mich das schnellste Auto. Nur wie es morgen läuft, ist wieder eine andere Frage."

Red-Bull-Berater Helmut Marko hat eine Mercedes-Schwachstelle ausgemacht - und klar, es geht um den Umgang mit den Pirellis: "Wir haben gesehen, dass das Auto rutscht. Es kann auf die Renndistanz in Sachen Reifenverschleiß schwierig werden." Hamilton macht sich um das Problem weniger Gedanken und hofft, dass kleinere Veränderungen am Set-up (die es offenbar doch gegeben hat) den Ausschlag geben. "Sie werden uns auf den Schlappen hängen", sagt er in Richtung der Konkurrenz. Umso wichtiger sei der Start, schließlich ist in Sepang der Weg zur ersten Kurve in langer.

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