Hamiltons Taktikcoup en détail: Genie mit Brise Wahnsinn

, 31.05.2016

Lewis Hamilton behauptet, die risikoreiche Monaco-Taktik ohne Intermediates selbst angeschlagen nd auf Reifenprobleme mit Harakiri-Runden geantwortet zu haben

Die einen nannten es einen taktischen Geniestreich, die anderen eine fahrerische Meisterleistung. Der Grand-Prix-Sieg Lewis Hamiltons in Monaco am Sonntag war eine perfekte Symbiose beider Aspekte, denn der wiedererstarkte Weltmeister zog seinen Poker mit nur einem Boxenstopp und Regenreifen auf abtrocknender Bahn virtuos durch. Und das auch noch gegen die Empfehlung der Mercedes-Mannschaft, die ihn wie fast alle anderen Piloten auf Intermediates umrüsten wollte.

Ein Blick in die Details: Als Hamilton in der Anfangsphase an dem strauchelnden Nico Rosberg vorbeigelotst wurde, aber weit hinter dem führenden Daniel Ricciardo zurücklag, begann die Serie der ersten Boxenstopps. Von Runde sieben bis Runde 23 entschieden sich mit der Ausnahme Pascal Wehrleins alle Piloten für einen Wechsel auf Intermediates, weil die Bahn zusehends abtrocknete.

"Aber ich wollte auf Regenreifen draußen bleiben", stellt Hamilton klar. Er wusste: Es war seine einzige Chance, Rang eins zu erobern. Würde er sich gegen den heranstürmenden Ricciardo breit machen, wäre ihm der Platz an der Sonne in Monaco so schnell nicht zu nehmen, selbst wenn er die falschen Pneus auf den Achsen hatte. Bestärkend: Hamilton erfuhr, dass sowohl Rosberg als auch Sebastian Vettel nach ihren Boxenstopps zeitenmäßig kaum zulegten - wenn überhaupt.

Der Mercedes-Kommandostand zog andere Schlüsse, obwohl der Pilot seine Entscheidung längst getroffen hatte. "Meine Reifen bauten auch nicht wirklich ab, also hatte ich das Gefühl, draußen bleiben zu müssen. Das Team sagte, wir sollten reinkommen, aber ich wusste, dass ich hinter Daniel zurückgefallen wäre." Hamilton zögerte den Stopp solange wie möglich heraus - schließlich so lange, dass der Asphalt zumindest auf der trocken gefahrenen Ideallinie reif für Slicks war.

Bis dahin setzte er mit den abbauenden Regenpneus Bestmarken. Seine Runde in 1:30.844 Minuten war die schnellste überhaupt auf blau markierten Gummis und weniger als eine Sekunde langsamer als Ricciardos schnellster Umlauf auf Intermediates - natürlich hing der Australier auch im Heck des Silberpfeils und war nicht mehr in der Lage, das Potenzial seines Autos voll auszuschöpfen.

Hamiltons Trumpf war zu diesem Zeitpunkt der dritte Sektor - der Abschnitt, in dem Ricciardo am Donnerstag und am Samstag der mit Abstand schnellste Mann war. Da die Schwimmbad-Passage und die Rascasse noch deutlich feuchter waren als der Rest der Bahn, konnte der Mercedes-Pilot mit seinen Regenreifen dort Druck machen und den Verfolger seiner Stärken berauben.

Mercedes-Sportchef Toto Wolff meint, die Risikovariante zumindest mitgetragen zu haben: "Wir es das alle zusammen gemanagt. Als er an Nico vorbei war, war er so schnell wie Daniel Ricciardo. Wir konnten nur noch pokern, um zu gewinnen", erklärt der Österreicher. Also eine Entscheidung im Kollektiv und kein genialer Einfall des Piloten? Als es mit der Taktik im vergangenen Jahr in die Hose ging, schob Hamilton jedenfalls immer das Team vor. Es hätte die "bessere Übersicht" als er.

Die Verantwortlichen rechneten die Sache durch: "Wir hatten 28 Sekunden Vorsprung auf Nico, ein Boxenstopp dauert aber maximal 20 Sekunden. Also blieben uns gut und gerne zehn Sekunden als Polster, um zu zocken", beschreibt Wolff die Situation, als Hamilton führte und nicht weiter als Platz zwei zurückfallen sollte. "Wir wussten, dass wenn es jemanden gibt, der das hinbekommt, er es ist." Trotzdem war der Sieg in Runde 31 schon flöten gegangen - als sich Hamilton Slicks holte.

Der Stopp kam zu früh, die Bahn war zu feucht. "Im dritten Sektor ging es noch nicht. Eine oder zwei Runden später wäre perfekt gewesen", moniert der Brite, der von dem Horror-Boxenstopp bei Red Bull profitierte. Um schnell auf Touren zu kommen, maximierte er das Risiko: "Als es rutschig war, habe ich noch mehr Druck gemacht. Die Reifen waren dann warm genug - um das zu schaffen, brauchte es blitzartige Reflexe, als der Wagen immer wieder plötzlich übersteuerte."

Die Mischung für den Schlussstint wählte Hamilton nicht selbst. Mercedes' Ingenieure entschieden sich für Ultrasoft, weil Red Bulls Longruns im Freien Training am Donnerstag gezeigt hatten, wie lange der Pneu hält. Außerdem waren sie der Meinung, dass das Gummi am besten aufzuwärmen sei. Letztlich wäre es wohl egal gewesen: Die Runden-Bestzeiten auf allen Typen lagen denkbar dicht beieinander: Von Vettel auf Soft (1:18.005 Minuten), von Ricciardo auf Supersoft und ohne freie Fahrt (1:18.294 Minuten) sowie von Hamilton auf Ultrasoft (1:17.939 Minuten).

Auch die Haltbarkeit war offenbar ähnlich. Sergio Perez im Force India fuhr 48 Runden auf Soft, Jenson Button im McLaren 47 Umläufe auf Supersoft - genau wie Hamilton auf Ultrasoft. Sicher war das aber nicht: "Ich hatte keine Ahnung, ob der Reifen halten würde - besonders angesichts des Tempos, das Daniel anschlug", beschreibt der Rennsieger die Drucksituation vor dem Red Bull und bekennt, sich in der entscheidenen Phase seiner Sache nicht sicher gewesen zu sein: "Ich hatte keine Ahnung, wer wo war. Ich wusste nur, dass Daniel hinter mir und in meinem Rückspiegel war."

Hamilton profitierte schließlich auch von Virtuellen Safety-Car-Phasen, in denen er seine Pneus schonen konnte. "Im Auto war es unglaublich spannend, weil es wie ein Schachspiel gegen einen fantastischen Gegner war", sagt er. Kein Wunder, dass sich Mercedes nach dem Taktikepos dafür entschied, den für das Auto mit der Startnummer 44 eingeteilten Chefmechaniker Nathan Divey zum Abholen des Pokals auf das Podium zu schicken. Brisante Randnotiz: Der Brite arbeitete zuvor für Nico Rosberg und war Teil des angeblich umstrittenen Crewtauschs der Silberpfeile.

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