Italienische Renaissance 2015: Vettel auf "Schumis" Spuren

, 08.12.2015

Ein Jahresrückblick voller Glücksmomente in Rot: Wie Sebastian Vettel es schaffte, Ferrari wieder Leben einzuhauchen - und in sich selbst neues Feuer entfachte

Vor 19 Jahren verließ Michael Schumacher das gemachte Nest wechselte als mehrfacher Formel-1-Weltmeister mit einer riskanten Karriereentscheidung zu einem kränkelnden Ferrari-Team. 2015 wiederholte sich Geschichte: Sebastian Vettel trat in die Fußstapfen des Mannes, dessen Poster die Wände seines Kinderzimmer schmückten und wurde der "neue Deutsche" bei der Scuderia. Wie einst Schumacher erlebte der 28-Jährige die Sternstunde des ersten Grand-Prix-Siegs in Rot - und stellte die Weichen für weitere.

Schon im zweiten Rennen in Malaysia brachte Vettel die Glocken in Maranello zum Läuten. Es war eine Erlösung für Motorsport-Italien, als der Heppenheimer eine Durststrecke von fast zwei Jahren beendete und sich zum 38. Ferrari-Sieger der Geschichte machte. "Gleich mehrere" Kindheitstraum seien wahr geworden, sagte er. Es flossen die Tränen: "Als Kind habe ich immer Michael im roten Ferrari siegen gesehen", erklärte Vettel und kündigte auf dem Podium an: "Heute Abend werde ich mich ordentlich besaufen!"

Weil der Mercedes-Bolide von Lewis Hamilton und Nico Rosberg dem SF15-T zu diesem Saison-Zeitpunkt haushoch überlegen war (und es über weite Strecken auch blieb), brauchte es besondere Umstände für die Sternstunde. Im Glutofen von Sepang halfen Vettel neben seinem Renntempo der geringe Reifenverschleiß, das Safety-Car und ein Strategiepatzer der Silberpfeile. Am Ende war die Tropenhitze der monsunartige Regen, der Schumacher ohne im unterlegenen Auto 1996 zum Coup in Barcelona verholfen hatte.

Typisch Vettel: Coolness statt Verbissenheit

Vettels Auftakt nach Maß kam dabei nicht weniger unerwartet als der Ferrari-Durchbruch seines Idols. Nur Teamkollege Kimi Räikkönen, zu dem er sich sein freundschaftliches Verhältnis trotz stallinterner Rivalität bewahrte, war Vettel von Anfang an einen Schritt voraus. Den Grundstein legte er häufig schon samstags: Im Qualifying-Duell, das er am Ende mit 15:4 für sich entschied, zeigte sich seine altbekannte Qualität, Runden am Limit auf Zuruf drehen zu können - während Räikkönen oft patzte.

Vettel war aber weder in der Vorbereitung noch beim Auftakt in Australien auf Mercedes-Niveau. Zu deutlich war der Vorteil bei der Antriebseinheit, den die Konkurrenz über den Winter hinweg konserviert hatte. Doch abseits aller technischen Defizite wurde schon bei den Testfahrten im Februar deutlich: In Vettel loderte wieder das Feuer, das am Ende bei Red Bull nur ein Flämmchen war. Typisch 'Seb': Begleitet wurde alles von Lächeln und Coolness, nicht von Verbissenheit und Aggression.

Ein "echter" Sieg: Singapur als Fingerzeig für 2016?

Was ihn inspirierte, wäre die Ferrari-Zeit seines Freundes gewesen, sagte Vettel noch vor dem Saisonstart: "Den Leidensweg vor dem ersten WM-Titel habe ich noch im Kopf", meinte der Hesse über die Ära Schumacher. Darüber hinaus schwärmte er für "Mythos und Geschichte rund um Enzo". Vettel glaubte fortan an die Märchen um das unbeschreibliche Gefühl, einen Boliden der Mythosmarke zu steuern: "Ich kann die Geschichten nur bestätigen." Genau diese Leidenschaft steckte er in die Entwicklung.

Unter dem charismatischen neuen Teamchef Maurizio Arrivabene, einem Ex-Tabakmanager mit Ecken und Kanten statt glattgebügeltem Bürokraten-Image oder Sonnenbrille, machte Ferrari im Laufe des Jahres große Schritte in Richtung Spitze. Die Scuderia verstand es, die Schwachstellen bei Mercedes für sich zu nutzen und das Auto in eine Nische zu entwickeln, in der es möglich war, zumindest unter besonderen Rahmenbedingungen um Siege zu fahren: Hitze, weiche Reifen, hohe Belastung.

Höhepunkt der Saison zwar zweifelsohne Singapur: Vettel dominierte die Szenerie aus eigener Kraft und zeigte nach seinem Erfolg in Ungarn (wo Mercedes sich erneut selbst ein Bein stellte), dass Ferrari die Lücke zum Platzhirschen schließen und den schnelleren Boliden bauen kann. Der Erfolg in der Hitze der Nacht war eine weitere Parallele zum Schumacher-Jahr 1996, in dem der Kerpener ebenfalls drei WM-Läufe für sich entschied - und kurz darauf um die Weltmeister-Krone kämpfte.

Amore für "Wettel": In der Ferrari-Familie angekommen

Am Ende steht eine positive Bilanz. Als Dritter der Fahrer-WM hatte Vettel bis kurz vor Saisonende die Chance, Rosberg die Vizemeisterschaft wegzuschnappen, fuhr in zwölf von 19 Rennen auf das Podium und blieb bei nur zwei Grands Prix ohne Punkte. Erfreulich war das Jahr auch abseits aller Ergebnislisten, in denen Vettel ein Abo auf den dritten Platz und den Status als ärgster Silberpfeil-Verfolger hatte: Er ist in seinen ersten Monaten bei Ferrari von einem neuen Stern am italienischen Himmel zu einem Fixum geworden.

Er parliert in der Landessprache und scheint nach fast einem Jahrzehnt in den Diensten Red Bulls keinerlei Anpassungsprobleme zu haben. Er redet von italienischer Herzlichkeit, der "Mamma" im Restaurant und der Familie, die Ferrari für ihn geworden ist. Alles beruht auf Gegenseitigkeit, auch wenn man sich auf dem Stiefel mit der Aussprache des "Vogel-V" im Nachnamen noch schwertut. Das ist übrigens anders als bei Schumacher: Weil ihn der Mythos Ferrari nicht interessierte, stieß er bei Angestellten der Scuderia und Journalisten in Italien zu Beginn auf Skepsis.

Nicht zuletzt kann Vettel auch deshalb zufrieden sein, weil er einmal mehr seinen Riecher für die richtige Karriereentscheidungen unter Beweis stellte. Wie der Absprung von BMW im Jahre 2007 erwies sich vor dem Hintergrund der Red-Bull-Krise auch der Wechsel zur Scuderia als Glücksgriff. Ob er zum Megacoup wird, der Schumacher zu fünf WM-Titeln verhalf, muss die Zeit zeigen.

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