Nico Hülkenberg: Topcockpit war "nicht greifbar"

, 08.12.2015

Was der Force-India-Pilot im Jahresrücblicks-Interview als "totalen Mist" bezeichnet, wieso Haas Thema war und warum er bei dem Thema Hybrid rasch die Nase voll hat

Hauptberuflich ist und bleibt Nico Hülkenberg Force-India-Pilot. Doch seine Saison 2015 in der Königsklasse krönte er in einem Rennen, in dem kein einziger weiterer Star aus der Beletage des Motorsports dabei war: bei den 24 Stunden von Le Mans, die er mit Porsche als erster aktiver Formel-1-Fahrer seit Menschengedenken gewann. Am Volant des VJM08 gelang ihm Platz zehn in der Fahrer-WM, dazu neun Punktplatzierungen in 19 Rennen.

Das Highlight in der Formel 1 war aber der historische Rang fünf mit Force India bei den Konstrukteuren, schließlich schloss die Truppe seit ihrem Bestehen nie besser ab. Am Rande des Saisonfinales in Abu Dhabi erklärte uns der Emmericher für unseren großen Jahresrückblick, warum die vergangenen zwölf Monate auch ohne den ersehnten Podestplatz ein Erfolg waren, die ihn aber nicht näher an ein Topcockpit herangebracht haben. Außerdem: Das Geheimnis der Hülkenberg-Diät.

Frage: "Nico, ist 2015 für dich das Jahr, in dem du mit Force India in der Formel 1 Platz fünf in der Konstrukteurs-WM erreicht hast, oder das Jahr des Le-Mans-Siegs?"

Nico Hülkenberg: "Natürlich beides, aber Le Mans sticht heraus. Es war ein richtiges Highlight."

Frage: "Wertest du das Jahr insgesamt als Erfolg? Verbuchst du es als positiv?"

Hülkenberg: "Für Force India? Definitiv. Für mich persönlich eigentlich auch. Die zweite Saisonhälfte hatte aber kosmetische Fehlerchen. Es sind viele Dinge nicht rund gelaufen, es gab technische Defekte und ein oder zwei Fahrfehler waren auch dabei. Insgesamt fällt das Fazit dann nicht mehr so positiv aus. Aber wenn man die Entwicklung des Teams und von mir persönlich sieht, dann würde ich sagen, dass es ein positives Jahr war."

Frage: "Würdest du diese Bilanz auch ziehen, wenn der Le-Mans-Sieg nicht gewesen wäre?"

Hülkenberg: "Dann würde ich das Gleiche sagen. Man kann Le Mans nicht ignorieren, aber dabei, was ich über die Formel 1 gesagt habe, bleibt es."

Frage: "Wie wichtig war es auch für die Formel 1, sich wieder ein Siegergefühl abzuholen?"

Hülkenberg: "Ich glaube gar nicht, dass es eine Motivationsspritze war. Die brauchte ich nicht, die Motivation war und ist da. Aber es hat schon einen Boost geliefert und insgesamt ein gutes Gefühl gegeben."

"Totaler Mist": Anerkennung ist Mangelware

Frage: "Zwei deutsche Fahrer schließen die Saison unter den Top 3 der Formel-1-WM, aber du bist zum 'Motorsportler des Jahres' gekürt worden. Was sagt das aus?"

Hülkenberg: "Der Stellenwert von Le Mans war schon immer hoch. Meine Leistung dort war gut, aber auch parallel in der Formel 1. Das wird angesehen und anerkannt."

Frage: "Nimmst du eine solche Auszeichnung nebenbei mit oder bedeutet sie dir etwas?"

Hülkenberg: "Beides. Ich habe mich sehr darüber gefreut. Das würdigt meine Leistungen und bestätigt, dass Leute sie wahrnehmen und schätzen."

Frage: "Ist es in der Formel 1 schwierig, Wertschätzung zu erhalten, wenn man nicht in einem Topauto fährt und Grands Prix gewinnt?"

Hülkenberg: "Definitiv. Es geht um den Ersten, den Zweiten und vielleicht den Dritten. Danach hört es auf. Ich kann Bilderbuchrennen fahren wie in Sao Paulo. Das war das Nonplusultra in einem Force India. 100 Prozent, mehr geht nicht. Du weißt, dass du alles richtig gemacht hast, aber es ist leider nur ein sechster Platz. Jeder weiß, dass das gut ist. Und irgendwo gibt es dafür auch Anerkennung. Aber es ist eben kein Siegergefühl."

Räikkönen-Verbleib bei Ferrari war "überraschend"

"Das geht nicht nur mir so. So geht es vielen Fahrern. Nehmen wir McLaren als Extrembeispiel: Fernando oder Jenson (Alonso oder Button; Anm. d. Red.) können ihr bestes Rennen fahren, aber landen auf Platz 13. Das ist undankbar. Das ist totaler Mist. Aber so ist der Sport und so ist das Leben. Man darf sich davon nicht beeinflussen lassen, muss weiter an sich arbeiten, weiter an sich glauben und versuchen, die Chance herbeizuziehen. Einfach weiter seine Arbeit machen..."

Frage: "...und auf ein Topauto warten. Du bist immer wieder nahe dran, den Sprung zu schaffen, aber gelingen will er nie. Frustriert dich das?"

Hülkenberg: "Dieses Jahr war ich nicht nahe dran. Ich hatte nicht das Gefühl, dass es greifbar gewesen wäre."

Frage: "Bei Ferrari hat Kimi Räikkönen gewackelt. Hast du nach intensiverem Kontakt in den Jahren zuvor nicht an eine Chance geglaubt?"

Hülkenberg: "Ich bin mir im Nachhinein nicht sicher, wie sehr er gewackelt hat. Das kam vielleicht mehr von der Presse. Dass sie ihn behalten, kam ein bisschen überraschend."

Frage: "Wie realistisch war für die Option, zu Neueinsteiger Haas zu wechseln?"

Hülkenberg: "Sie war realistisch und eine Möglichkeit. Aber es ist nicht dazu gekommen."

Frage: "Hättest du es in Kauf genommen, ein Jahr lang wahrscheinlich hinterherzufahren, um dich für Ferrari zu empfehlen?"

Hülkenberg: "Das ist doch wurscht! Klar kann man über die Verbindung mit Ferrari philosophieren, aber es lohnt sich nicht, darüber zu reden. Ich habe meine Entscheidung getroffen, bleibe bei Force India und wir greifen zusammen an."

Thema Sicherheit: Keine Kastration, sondern Reiz und Kitzel

Frage: "Dein Teamkollege Sergio Perez hat es schon mehrmals geschafft, du wartest weiter: Wie wichtig ist das Ziel Podium für dich?"

Hülkenberg: "Es ist da und etwas, worauf man hinarbeitet. Man gibt immer 100 Prozent, greift an und ist am Ball."

Frage: "Der Tod Jules Bianchis scheint im tagtäglichen Trott der Formel 1 fast in Vergessenheit geraten zu sein. Geht es dir ähnlich?"

Hülkenberg: "Nein, ich hab es noch sehr gut in Erinnerung. Hätte man mich gefragt (nach den Themen des Jahres; Anm. d. Red.), wäre es mir sofort eingefallen. Aber heutzutage ist das Geschäft schnelllebig. Für mich war die Art und Weise, in der Sache gewürdigt worden ist, völlig in Ordnung. Es ist normal, dass tagtäglich viele schlimme Dinge auf der Welt passieren. Sie hört nicht auf, sich zu drehen."

Frage: "Die Angelegenheit und weitere Unfälle haben das Thema Sicherheit wieder auf die Agenda gebracht. Beschäftigst du als Fahrer dich damit oder mischst du dich nicht ein, weil es ohnehin nicht in deinen Händen liegt?"

Hülkenberg: "Eher das Zweite. Als Fahrer habe ich nicht wirklich Einfluss darauf. Im Motorsport bleibt immer ein Restrisiko. Das ist gut auch so, denn es liegt in der DNA des Motorsports und das sollte man nicht kastrieren. Trotzdem muss man daran arbeiten und bei der Entwicklung mitgehen. Aber trotzdem muss etwas davon bleiben, damit der Reiz und der Kitzel erhalten bleiben."

Frage: "Wie sehr hast du den Deutschland-Grand-Prix vermisst?"

Hülkenberg: "Sehr, das war schade und bitter. Der Nürburgring ist ein Highlight - ein Kult. Die Strecke ist cool mit der ganzen Geschichte. Das war eine bittere Pille."

Frage: "Denkst du, dass sich die Absage auf das Interesse an der Formel 1 in Deutschland ausgewirkt hat?"

Hülkenberg: "Nein, das denke ich nicht. Es gibt in jedem Land immer Höhen und Tiefen. Mal mehr, mal weniger. Aber Deutschland ist nach wie vor eine Automobilnation und hat Interesse an der Formel 1. Vor ein paar Jahren war es wahrscheinlich größer, aber so ist das Leben."

Hülkenberg findet: Technik ist zu kompliziert

Frage: "Dabei sind doch alle Zutaten vorhanden: Drei deutsche Piloten, die vorne mitfahren, ein deutscher Autohersteller, der die Szene dominiert. Hast du Ideen, was sich besser machen lässt?"

Hülkenberg: "Back to the roots wie es früher war. Jetzt gibt es vieles, was die Leute nicht verstehen und was auch nicht einfach erklärbar ist. Wir haben hochmoderne, komplexe Motoren, die das Feinste sind, was es gibt. Aber versuche doch mal, jemanden zu erklären, wie das mit MGU-H und MGU-K funktioniert. Wenige Leute verstehen das zu 100 Prozent."

Frage: "Was ist mir dir?"

Hülkenberg: "Ich verstehe die Grundbegriffe, aber bei den Motoren und beim Elektropaket würde ich irgendwann hinschmeißen."

Frage: "Du warst in diesem Jahr erstmals beim Race of Champions dabei. Ein weiteres Highlight?"

Hülkenberg: "Das hat Spaß gemacht. Es war cool. Ende des Jahres ist die Atmosphäre lockerer und entspannter. Es macht Spaß, mit den Autos rumzuheizen und ein bisschen Wettkampf zu haben."

Frage: "Bei solchen Gelegenheiten zeigt sich, dass es unter Rennfahrern Kameradschaft gibt, die im Formel-1-Paddock nicht zu sehen ist. Genießt du diese Momente?"

Hülkenberg: "Es ist schon ccol, dieses Gefühl zu haben. Das ist vielleicht ein bisschen wie in Le Mans. So ist es in der Formel 1 nicht und so wird es auch nie entstehen. Dort kämpft jeder individuell für sich."

Frage: "Drückt sich das auch in simplen Dingen aus, wie am Abend ein Bier zusammen zu trinken?"

Hülkenberg: "Klar, das ist der Fall. In der Formel 1 passiert das mit gewissen Fahrern, ist aber nicht die Regel."

Trotz Diät: Ein Hamburger von Zeit zu Zeit muss sein

Frage: "Also ein Bier zusammen?"

Hülkenberg: "Ein Bier vielleicht nicht, aber ein Abendessen."

Frage: "Bier scheint ohnehin von deinem Ernährungsplan gestrichen, wenn man deine neue Figur sieht. Du hast offenbar noch ein paar Kilo abgenommen."

Hülkenberg: "Ich lebe immer noch gut! Ich gönne mir nach wie vor noch manchmal einen Hamburger. Ich verliere in der zweiten Saisonhälfte automatisch immer ein bisschen Gewicht. Ich musste gar nicht viel dafür tun."

Frage: "'Horny Heidi' - das klingt nach Sebastian Vettel, war aber der Name deines Le-Mans-Autos. Wie kam es dazu?"

Hülkenberg: "Wir saßen beim Vortest mit unserem 19-Mann-Team beim Debriefing in unserem Zimmerchen. Dann haben wir uns überlegt, dass wir einen Namen für das Auto finden müssten. Jeder hat etwas eingeworfen, aber auf einen gemeinsamen Nenner kamen wir nicht. Einer hatte eine Dose Cola in der Hand, auf der 'Heidi' stand. Da dachten wir: Das wäre doch ganz cool. Dann hat noch jemand 'Horny' dazugebaut."

Frage: "Abschließend noch eine persönliche Frage: Gibt es irgendwann kleine 'Hülks' im Kartsport?"

Hülkenberg: "Das wird noch dauern!"

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