Jetzt doch Stallregie: Mercedes zollt Vettel und Ferrari Tribut

, 29.04.2017

Niki Lauda will keinen Nummer-1-Fahrer, aber eingreifen, wenn sich Hamilton und Bottas gegenseitig aufhalten - Toto Wolff distanziert sich von Schumacher-Ära

Die Mercedes-Mannschaft schließt eine Stallregie nicht mehr kategorisch aus, sondern will einen maßvollen Umgang mit Anweisungen im Zweikampf der Silberpfeil-Piloten Lewis Hamilton und Valtteri Bottas etablieren. Wie Team-Aufsichtsrat Niki Lauda und Sportchef Toto Wolff der 'BBC' erklären, hätte das Erstarken Ferraris in der Formel-1-Saison 2017 sie zum Umdenken bewogen. "Es ist aber eine prekäre Situation. Es fühlt sich nicht richtig an", legt Wolff die Stirn in Falten.

Beim Bahrain-Grand-Prix vor zwei Wochen erhielt er eine Kostprobe, wie es ist, die Reihenfolge der Fahrer vom Kommandostand bestimmen zu lassen. Mercedes winkte den schnelleren Hamilton zweimal an Bottas vorbei, ohne dass sich ein Überholmanöver aus eigener Kraft angedeutet hätte. Lauda widerspricht: "Es handelte sich nicht um Stallregie." Man hätte nur dafür gesorgt, dass der stärkere Pilot seine Siegchance nicht verplemperte, weil er hinter dem Schwesterauto festhing.

Das war aber vor einiger Zeit laut dem "Racing Intent" (früher "Rules of Engagement" für das Stallduell) erlaubt - oder geduldet. Zum Beispiel beim Ungarn-Grand-Prix 2014, als Nico Rosberg mit abweichender Boxenstrategie auf Hamilton aufschloss und der Brite nicht aus dem Weg ging. Doch die Zeiten haben sich geändert. Mercedes dominiert die Szenerie nicht mehr und kann es sich nicht weiter leisten, Grand-Prix-Siege zu verschenken wie damals an Red Bull.

Mercedes' Credo: Kämpfen ist erlaubt, Aufhalten ist verboten

"Logisch", sagt Lauda mit Blick auf Bahrain und spricht den Namen des Dämonen aus: "Wenn ich nicht so zügig wie mein Teamkollege fahren kann, muss ich ihm den Raum lassen, um gegen Vettel zu kämpfen. Das größte Problem ist Vettel. Er ist derjenige, den es zu schlagen gilt." Was die Mercedes-Politik von klassischer Teamorder unterscheidet ist die Tatsache, dass beide Piloten profitieren können. "Nach dem dritten Rennen kann es keine Nummer 1 und 2 geben", unterstreicht Wolff.

Obwohl Bottas im Duell mit Hamilton blass aussah und sich teils grobe Fehler leistete, genießt er das Vertrauen der Teamführung. Ex-Pilot Johnny Herbert findet es gut, den Finnen nicht per se zurückzupfeifen. "Das ist lächerlich und noch viel zu früh. Es wäre naiv. Man darf Valtteri nicht abschreiben", schreibt er in seiner Kolumne für den 'London Evening Standard'. Herbert gibt zu bedenken, dass Wolff Bottas' Manager gewesen und eine besondere Beziehung zu ihm pflegen würde.

Muss Mercedes umdisponieren, wenn Ferrari voll auf Vettel setzt?

Der Österreicher distanziert sich von der Idee, einen Weltmeister im Vorstandsmeeting zu bestimmen. Er spielt auf die Ära Michael Schumacher und Ferrari an, in der die Stallregie skurrile Blüten trieb und von der FIA verboten wurde: "Wir mögen keine wie vor 15 oder 20 Jahren, bei der einem Fahrer früh die Siege zugeschustert wurden, damit er den Titel gewinnt." Lauda sagt aber, dass sich die Vorgehensweise bei Mercedes "ändern könnte". Ob er den Fall meint, dass rechnerisch nur noch einer seiner Schützlinge die Krone erobern kann, oder einen früheren Zeitpunkt, lässt er offen.

Der frühere Mercedes-Sportchef Norbert Haug kann sich nicht vorstellen, dass die totale Kehrtwende eingeläutet wird: "Das hat Mercedes über Jahre bis zum Exzess praktiziert, was man aus sportlicher und Zuschauersicht den Verantwortlichen hoch anrechnen muss", erinnert er daran, dass Hamilton und Rosberg sich in die Kiste fuhren und dafür einen Klaps auf die Finger bekamen - weil die Formel 1 eine Marketingangelegenheit ist und nur Spannung das Daimler-Engagement sichert.

Hinzu kommt, dass Mercedes die Dynamik des Zweikampfes zum Wohle des Teams nutzen will. "In den vergangenen Jahren hat es funktioniert, dass sich die Fahrer auf sehr hohem Niveau gegenseitig unter Druck gesetzt haben. Das wollen wir jetzt wieder", beteuert Wolff. Doch es besteht die neue Gefahr durch Ferrari, wo ebenfalls über Teamorder spekuliert wird. Die Scuderia hat - wie erwähnt - ein anderes Verhältnis zum Eingreifen per Funk. Haben sich die Roten bereits festgelegt?

Herbert ist davon überzeugt: "Ferrari hat in Sebastian Vettel eine klare Nummer 1, weil Kimi Räikkönen bisher nicht voll auf der Höhe ist. Deshalb arbeitet das Team vorrangig für ihn, was Mercedes nervös macht", vermutet der Brite. Präsentiert sich Räikkönen formverbessert, könnte sich das Problem von selbst erledigen. Wird er weiter von Vettel dominiert, kommen Wolff und Lauda unter Zugzwang.

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