Mercedes-Crew in Todesangst: Waffe am Kopf, Schüsse fielen

, 11.11.2017

Toto Wolff verrät Details zu dem Raubüberfall auf seine Mitarbeiter - FIA instruiert Journalisten, Kleidung mit Medienlogos abzulegen - Polizeipräsenz verstärkt

Die Meldung, dass auf Mitglieder der Mercedes-Mannschaft am Freitagabend am Rande des Brasilien-Grand-Prix in Sao Paulo ein Raubüberfall verübt wurde, sorgte für Entsetzen im Fahrerlager der Formel 1. Die Details zum Tathergang, die in der Folge bekannt wurden, riefen neuerliches Erschaudern hervor. Schließlich hätte es in der prekären Situation Tote und Verletzte geben können, wie die Darstellung von Sportchef Toto Wolff vermuten lässt. "Es war ziemlich Wild West", sagt er.

Protokoll der Tat: Gegen 22 Uhr verließ die Crew gemeinsam die Strecke, um in mehreren Kleinbussen aus dem Vorort Interlagos, in dem sich das Autodromo Carlos Pace befindet, zu ihrem Hotel in der Stadt zu fahren. "Du kommst an einer schlimmen Gegend vorbei", erklärt Wolff. Tatsächlich führt die Zufahrtsstraße, die an einem alten, rostigen Tor endet und nicht beleuchtet ist, durch eine Wohngegend, die sogar nach brasilianischen Maßstäben ein sozialer Brennpunkt ist. Schilder warnen davor, mit dem Auto anzuhalten. Bei Dunkelheit ist es erlaubt, rote Ampeln zu missachten.

Dann passierte es: "Einer von unseren Mannschaftsbussen wurde überfallen, die Tür wurde eingetreten und sechs bewaffnete Gangster sind hinein", schildert Wolff. "Sie haben teilweise unseren Jungs die Waffen an den Kopf gehalten und Uhren, Pässe sowie Telefone gestohlen. Dann haben sie auch noch einem Auto hinterhergefeuert." Alle betroffenen Mercedes-Mitarbeiter blieben unverletzt - wahrscheinlich auch weil sie sich nicht wehrten und Wertgegenstände widerstandslos abgaben.

"So viel Polizei als würde ein Bürgerkrieg herrschen"

Toto Wolff meint, dass der Schreck dennoch tief sitzen würde: "Sie sind natürlich ein bisschen mitgenommen - vor allem diejenigen, die die Waffen angehalten bekommen haben. Aber es sollte jetzt in Ordnung sein." Mercedes reagierte und organisierte für die Betroffenen eine frühere Rückreisemöglichkeit am Sonntag. Valtteri Bottas munterte sie noch vor dem Qualifying auf und versprach eine Pole-Position: "Damit alle jubeln können", sagt der Finne. "Ich bin froh, dass es geklappt hat. Aber natürlich bin ich in erster Linie froh, dass alle an einem Stück und unversehrt geblieben sind."

Damit sich kein weiterer Raubüberfall ereignet, haben die brasilianischen Behörden die Polizeipräsenz rund um die Strecke verstärkt. Für Mercedes - und möglicherweise auch für weitere Teams - wurden schon am Samstagmorgen besondere Maßnahmen ergriffen. "Wir sind in einem Konvoi mit der Polizei hergefahren", meint Wolff und nennt die Aufstockung der Sicherheitskräfte in Interlagos gravierend: "Es befindet sich so viel Polizei auf den Straßen als würde ein Bürgerkrieg herrschen."

Die mitgereisten Journalisten wurden von der FIA dazu aufgefordert, nach dem Verlassen der Anlage die Parkaufkleber von den Windschutzscheiben ihrer Autos zu entfernen - kein einfaches Unterfangen, schließlich sind die neonfarbenen Sticker nach dem Anbringen kaum abzukratzen. Auch die Paddock-Pässe (personalisierte Chipkarten zum Umhängen um den Hals) sollen versteckt und Kleidung, die einen etwa als Mitarbeiter eines Fernsehsenders kenntlich macht, abgelegt werden.

Unglückliche Umstände am Freitag: Regen am späten Abend

Obwohl Brasilien seit geraumer Zeit als gefährliches Pflaster gilt, spart sich Mercedes eine Abrechnung mit dem Grand Prix. "Mich überrascht nichts mehr. Ich bin seit so vielen Jahre hier und so etwas ist mir nie passiert", beruhigt Wolff. Er spricht von einem "Freakvorfall" und betont, dass sich am Freitag unglückliche Umstände summiert hätten. "Es hat stark geregnet, die Polizei war nicht auf den Straßen, es war spät abends." Normalerweise fahren die Teams früher ins Hotel.

Kritischer äußert sich Lewis Hamilton, der den Vorfall in den sozialen Netzwerken erst bekannt gemacht hatte. "Als ich davon gehört habe, fand ich grausam, was passiert ist. Ich bin sehr eng mit all den Jungs befreundet. Man kann sich gar nicht vorstellen, was sie durchgemacht haben", stöhnt der Brite und wundert sich, dass nicht zuvor Maßnahmen gegen Raubüberfälle ergriffen wurden: "Ich bin seit zehn Jahren in der Formel 1 - und jedes Jahr ist es jemandem aus dem Paddock passiert."

"Es geht immer weiter. Man sollte sich diesem Problem widmen. Die Leute ganz oben müssen etwas unternehmen, damit jeder sicher ist", fordert Hamilton. So einfach ist das Problem allerdings nicht zu lösen. Schon jetzt ist beispielsweise die Crew des TV-Senders Sky mit einem Bus mit Sicherheitspersonal in Sao Paulo unterwegs. Doch Wolff sieht die Abschreckungstaktik skeptisch: "Ich weiß nicht, ob ein Security-Mann so viel hilft. Was du nicht willst ist, dass eine wilde Schießerei losgeht", meint er. "Es war vielleicht zu wenig Security rund um die Strecke gestern."

Toto Wolff spricht sich gegen bewaffneten Personenschutz aus

Vielmehr wünscht Wolff offenbar, die Wurzel des Übels anzugehen. In dem teils bitterarmen Land heißt das, die Armut zu bekämpfen und den perspektivlosen Kriminellen kein Motiv für ihre Taten zu liefern. "Wir sollten keine bewaffneten Fahrzeuge und kugelsichere Autos brauchen. Oder Personenschützer, die den Weg von der Strecke zum Hotel sicher machen", wünscht sich der Sportchef und liebäugelt damit, demnächst mehr für die Sicherheit seiner zu tun: "Aber so sind die Umstände. Vielleicht sind wir die Sache vorher zu locker angegangen Brasilien ist ein umbarmherziges Land."

Aber wie Hamilton schon bemerkte: Ein neues Phänomen sind Straftaten, die an Mitgliedern des Formel-1-Zirkus in Brasilien begangen werden, nicht. 2010 entkam McLaren-Pilot Jenson Button nur dank einer waghalsigen Flucht seines Chauffeurs mit Maschinenpistolen bewaffneten Gangstern. Im gleichen Jahr wurden Sauber-Ingenieure an einer Ampel ausgeraubt. Auch Fahrzeuge der FIA wurden schon von Kriminellen heimgesucht. Die Schwiegermutter Bernie Ecclestones wurde vor zwei Jahren Opfer einer Entführung mit Lösegelderpressung.

Dennoch: Interlagos den Rücken kehren und damit vor den Kriminellen einknicken will Hamilton nicht. "Brasilien ist so ein tolles Land. Die Leute sind klasse, die Energie ist der Wahnsinn. Ich habe hier nie etwas Gefährliches erlebt, aber natürlich weiß ich um die Armut und die seit Jahren hohe Kriminalitätsrate. Trotzdem ist es ein wahnsinnig toller Grand Prix, zu dem ich liebend gerne reise."

Jetzt kommentieren
Jetzt bewerten

Zum Bewerten musst Du registriert und eingeloggt sein.

Weitere Formel 1-News

Valtteri Bottas nutzte die Gunst der Stunde und sicherte sich die Pole-Position

Formel 1 Brasilien 2017: Bottas auf Pole - Hamilton …

Das vorletzte Qualifying der Formel-1-Saison 2017 begann am Samstagnachmittag in Sao Paulo im wahrsten Sinn des Wortes mit einem Knall: Lewis Hamilton crashte! Der Mercedes-Fahrer verlor in der schnellen …

Im 3. Freien Training war für Valtteri Bottas alles im grünen Bereich

Formel 1 Brasilien 2017: Spannender Kampf an der Spitze

Am Samstagvormittag hatten die Fahrer und Teams noch einmal eine Stunde Zeit, um sich auf das Qualifying am Nachmittag und den Großen Preis von Brasilien vorzubereiten. Im Autodromo Jose Carlos Pace vor den …

Motorendramen am laufenden Band: Bei Toro Rosso ahnt man bereits Böses ...

Toro Rosso schießt gegen Renault: Motorenprobleme Absicht?

Zwischen Toro Rosso und Renault herrscht Krieg. Nachdem Renault-Geschäftsführer Cyril Abiteboul der keinen Red-Bull-Truppe vorgeworfen hatte, für die ständigen Antriebsdefekte mitverantwortlich zu sein, …

Lewis Hamilton fuhr in beiden Trainings in Interlagos am Freitag Bestzeit

Formel 1 Brasilien 2017: Mercedes dominiert erneut

Wieder Mercedes, wieder Lewis Hamilton: Der neue Formel-1-Weltmeister markierte auch im zweiten Freien Training der Formel 1 2017 beim Grand Prix von Brasilien in Sao Paulo die Bestzeit, wenngleich sehr …

Fernando Alonso wird sich einen großen Traum erfüllen: Sieg in Le Mans 2018?

Bahn frei: Fernando Alonso fährt 24 Stunden von Le Mans 2018

Fernando Alonso setzt seine Jagd nach der berühmten "Triple Crown" des Motorsports im kommenden Jahr fort. Der Spanier, der in diesem Jahr den Formel-1-Grand-Prix von Monaco verpasste, um am Indy 500 …

AUCH INTERESSANT
20 unglaubliche Fakten: Pikes Peak und der Fabel-Rekord

AUTO-SPECIAL

20 unglaubliche Fakten: Pikes Peak und der Fabel-Rekord

Härter, schneller und noch krasser: „Pikes Peak“ ist der „Heilige Gral“ unter den Bergrennen und geht in die Extreme. Volkswagen war dort so schnell wie niemand zuvor und schaffte es, einen …


Formel1.de

TOP ARTIKEL
VW T-Cross: Der erste Check - das sind die großen Trümpfe
VW T-Cross: Der erste Check - das sind die …
Ford Kuga RS: Ein richtig starker Performance-SUV
Ford Kuga RS: Ein richtig starker Performance-SUV
Seat Ibiza FR 2018: Was reißen drei Zylinder im Sport-Test?
Seat Ibiza FR 2018: Was reißen drei Zylinder im …
News-Abo
Jeden Morgen kostenlos per E-Mail:
Aktuelle Artikel
McLaren 600LT Test: Liebe auf den ersten Kick
McLaren 600LT Test: Liebe auf den ersten Kick
VW T-Cross: Der erste Check - das sind die großen Trümpfe
VW T-Cross: Der erste Check - das sind die …
German Car of the Year 2019: Das beste Auto des Jahres
German Car of the Year 2019: Das beste Auto des …
Skoda Fabia Monte Carlo Test 2019: Der sportliche Einstieg
Skoda Fabia Monte Carlo Test 2019: Der …
Jaguar I-Pace Test: Bringt dieser Elektro-SUV die Wende?
Jaguar I-Pace Test: Bringt dieser Elektro-SUV …


Speed Heads - Sportwagen- und Auto-Magazin

Das Auto und Sportwagen Magazin mit täglich aktualisierten Auto News, Motorsport News, Auto Tests, Sportwagen Berichten und der streng geheimen Auto Zukunft. Speed Heads ist die Community für echte Auto-Fans und informiert im Sportwagen Magazin über Neuigkeiten aus der Welt der schnellen Autos.

  • emotiondrive Logo
  • Torpedo Run Logo
  • Motorsport Total Logo
  • autoaid Logo