Safety-Car-Phasen & Rennabbrüche: War das zu viel Vorsicht?

, 14.11.2016

Die Piloten beschreiben die Bedingungen in Brasilien als extrem, dennoch hätten sich einige mehr Action gewünscht - Lauda: "Sollen sie doch langsamer fahren"

Als die Formel-1-Rennwagen beim Brasilien-Grand-Prix aus der Box in die Startaufstellung rollten und es regnete, schwante vielen Fans Übles: genauer gesagt die so verhasste Prozession hinter dem Safety-Car, wenn die Fahrbahn nass ist. In der Tat wurde die Geduld der Motorsport-Enthusiasten vor den Fernsehern und auf den Tribünen in Sao Paulo am Sonntag auf die Probe gestellt. In über drei Stunden reiner Rennzeit gurkten die Boliden 27 von 71 Runden hinter dem Führungsfahrzeug.

Hinzu kamen zwei Abbrüche. Erst nach dem Unfällen Kimi Räikkönens in Runde 20 und nach dem anschließenden Versuch, das Rennen fortzusetzen. Die zweite rote Flagge stiftete Verwirrung, weil es nicht stärker regnete als zuvor und die Meteorologen eher schlechteres als besseres Wetter vorausgesagt hatten. Jenson Button nimmt die Rennleitung in Schutz: "Schwierige Bedingungen und eine schwierige Entscheidung", sagt der Routinier. "Keiner hat sich verletzt. Eine gute Sache."

Aber: Die Königsklasse einmal mehr Kredit verspielt. Die Brasilianer quittierten das Geschehen mit nach unten zeigenden Daumen und einem gellenden Pfeifkonzert. In dem wirtschaftlich gebeutelten Land geben viele ein Monatsgehalt und mehr für ein Formel-1-Ticket aus. Dann standen sie im Regen und bekamen keine Action geboten. Dass Romain Grosjean - der in der Aufwärmrunde crashte (!) - am Kommandostand frisch geduscht meckerte ("Ist ja wie in der NASCAR-Serie, wo nicht bei Nässe gefahren wird"), wirkte nicht lindernd auf die Zornesröte der TV-Zuschauer.

Auch diverse im Fernsehen übertragene Funksprüche kamen einer Bloßstellung des Rennleiters Charlie Whiting gleich. "Ich weiß nicht, warum wir anhalten. Das sind Regenreifen-Bedingungen. Das ist normal", monierte etwa Lewis Hamilton. Bei Red Bull unterstellte man der FIA, dass die Sicherheit nicht oberste Prämisse sei, als Max Verstappen im Funk die Freigabe forderte. Christian Horner wörtlich: "Da gibt es wohl einen Interessenkonflikt zwischen Fahrern. Das ist das Problem."

McLaren-Rennleiter Eric Boullier rät: "Traut den Funksprüchen nicht." Denn genauso, wie Nico Rosberg einen Abbruch forderte, als nicht so viel Renndistanz absolviert war, dass es volle WM-Punkte gegeben hätte, wünschte sich Teamkollege Hamilton so viel Unwägbarkeit wie möglich. Und zwar, um seine WM-Chancen aufzupolieren. Fakt ist - und da sind sich ausnahmsweise alle einig: Die Bedingungen in Interlagos grenzwertig, wozu auch die archaische Strecke beitrug.

Auf dem welligen Asphalt gab es viel stehendes Wasser, das nicht ablief. Solche Pfützen sind für Aquaplaning wie gemacht. Auf dem Weg zur Start- und Zielpassage zeigte sich das besonders deutlich, als Weltklasse-Fahrer reihenweise das Heck verloren. "Es war schwieriger als es sich viele Leute vorstellen. Glaubt mir das", insistiert Fernando Alonso. Renault-Kollege Jolyon Palmer pflichtet bei: "Ich bin gecrasht, weil ich nicht einmal weiter als mein Lenkrad schauen konnte."

Nico Hülkenberg, eigentlich als Regenspezialist bekannt, wird besonders deutlich, wenn es um die Mischung aus schlechter Sicht in der Gischt der Konkurrenten und Aquaplaning geht: "Von zu Hause sieht es vielleicht entspannt aus, aber im Auto... Das ist wirklich Selbstmord, wenn man da weiterfährt." Dass es nach dem Räikkönen-Abflug nicht zu einem Massencrash kam, war Fortuna zu verdanken. Und dennoch: Müssend die besten Piloten der Welt nicht trotzdem die Pobacken zusammenkneifen und sich den Bedingungen stellen?

An der Frage, ob das Handeln den Verhältnissen angemessen war oder ob die Rennleitung mit ihrer Vorsicht über das Ziel hinausschoss, scheiden sich die Geister - besonders, wenn es um den zweiten scheinbar grundlosen Abbruch geht. "Die Formel 1 soll extrem sein. Sie sollte sogar das Extremste sein. Das waren viel zu viele Runden hinter dem Safety-Car", sagt Hamilton. Kevin Magnussen stimmt zu: "Ich habe das Gefühl, dass wir zu vorsichtig waren. Dann dürfen wir eben nicht ans Limit gehen, denn das ist genau das, was wir auch im Trockenen immer tun müssen."

Selbst Rennlegende Niki Lauda, früher Sicherheitspionier, ärgert sich. Er bekennt, die zweite rote Flagge überhaupt nicht verstanden zu haben: "Dann verliert man halt mal das Auto. Sie müssen mit diesen Bedingungen fertig werden, genau wie wir auf der Autobahn. Wenn zu viel Wasser da ist, muss man langsamer fahren." Das Problem bei der Sache könnte sein, dass es ein gewisser Jules Bianchi vor zwei Jahren in Japan nicht getan hat. Er verunglückte, seine Familie zieht jetzt gegen die Formel 1 vor Gericht. Zumindest im Hinterkopf der Rennleitung muss es eine Rolle spielen.

Auch Mercedes-Sportchef Toto Wolff hätte "den zweiten Abbruch nicht vorgenommen, weil sich die Bedingungen nie geändert haben". Vielleicht noch problematischer als das Wasser waren die ausgekühlten Reifen, die in der Boxengasse wieder unter die Heizdecken gesteckt werden konnten. Es wurde erst lange hinter dem Safety-Car gefahren - welches Bernd Mayländer nach Kräften um den Kurs prügelte, aber nicht so schnell bewegen konnte, als dass ein Formel-1-Auto davon warme Pneus bekäme -, weil die Stewards sich nicht zu grünem Licht durchringen konnten. Das war Gift.

"Du musst einen Restart durchziehen", betont Daniel Ricciardo. Die Qualität der Vollregenreifen von Pirelli bringt Sebastian Vettel ins Spiel, eben weil er selbst mit ihnen abflog und wenige Sekunden später Intermediates abholte. Eigentlich ein Treppenwitz. Ricciardo nimmt die Offiziellen wie viele andere trotzdem in Schutz. Teamchef Horner spricht von "Drahtseilakten", Rosberg nennt die Bedingungen "am Limit" und einen "Ritt auf der Rasierklinge", was Toro-Rosso-Pilot Carlos Sainz anschaulich erklärt: "Zeitweise konnte man während der Safety-Car-Neustarts mit 300 km/h absolut gar nichts sehen." Klar ist: Jedem wird es Charlie Whiting nicht recht machen können. Und wenn es zu einer Tragödie kommt, ist sein Kopf der erste, der rollt.

Jetzt kommentieren
Jetzt bewerten

Zum Bewerten musst Du registriert und eingeloggt sein.

Weitere Formel 1-News

Michael Schumacher und Ross Brawn spannten bei drei Teams zusammen

Brawn distanziert sich von Aussage zu Schumacher-Zustand

Der frühere Formel-1-Technikguru und Michael-Schumacher-Vertraute Ross Brawn hat sich von einem Interview, in dem er wörtlich von "ermutigenden Zeichen" bei der Rennlegende gesprochen hatte, …

Nico Rosberg musste sich im Grand Prix von Brasilien 2016 mit Platz zwei abfinden

Nico Rosbergs Taktik: Motor für das Formel-1-Finale geschont

Im Grand Prix von Brasilien haben die Mercedes-Piloten die Entscheidung um die Vergabe des Formel-1-Weltmeistertitels 2016 vertagt. Lewis Hamilton konnte durch einen souveränen Rennsieg den …

Fernando Alonso ist nach dem Brasilien-Grand-Prix nicht gut auf Vettel zu sprechen

Alonso stocksauer auf Vettel: Nächstes Mal knallt's!

Lieb haben sich Fernando Alonso und Sebastian Vettel im Moment in der Formel 1 nicht. Im Freien Training beim Großen Preis von Mexiko gerieten die beiden Ex-Weltmeister bereits ein erstes Mal …

Sebastian Vettel hatte nach seinem Dreher reichlich Überholaction

Vettel schimpft wieder über Verstappen: "War nicht korrekt"

Für Sebastian Vettel wäre das Regenchaos beim Brasilien-Grand-Prix am Sonntag die Gelegenheit gewesen, den Mercedes ein Schnippchen zu schlagen. Doch statt auf dem Siegerpodest landete der Deutsche …

Hamilton feierte einen emotionalen Sieg, den er ganz entspannt eingefahren hatte

Mercedes' Doppelsieg: Schwierig war's nur für Nico Rosberg

Der Brasilien-Grand-Prix am Sonntag bedeutete für Lewis Hamilton Freud und Leid zugleich: Er fuhr zwar den im Titelduell mit Nico Rosberg dringend benötigten Sieg ein und erhielt die vollen …

AUCH INTERESSANT
20 unglaubliche Fakten: Pikes Peak und der Fabel-Rekord

AUTO-SPECIAL

20 unglaubliche Fakten: Pikes Peak und der Fabel-Rekord

Härter, schneller und noch krasser: „Pikes Peak“ ist der „Heilige Gral“ unter den Bergrennen und geht in die Extreme. Volkswagen war dort so schnell wie niemand zuvor und schaffte es, einen …


Formel1.de

TOP ARTIKEL
Ford Mustang Bullitt 2018: Der erste Check und der Preis
Ford Mustang Bullitt 2018: Der erste Check und …
Seat Ibiza FR 2018: Was reißen drei Zylinder im Sport-Test?
Seat Ibiza FR 2018: Was reißen drei Zylinder im …
Louis Vuitton Ferrari gehört 15-jährigem
Louis Vuitton Ferrari gehört 15-jährigem
News-Abo
Jeden Morgen kostenlos per E-Mail:
Aktuelle Artikel
Jaguar I-Pace Test: Bringt dieser Elektro-SUV die Wende?
Jaguar I-Pace Test: Bringt dieser Elektro-SUV …
LKW Versicherung: So einfach gibt es das günstige Paket
LKW Versicherung: So einfach gibt es das …
VW Touareg R-Line 2018 Test: Das Update auf ein neues Level
VW Touareg R-Line 2018 Test: Das Update auf ein …
BMW X4 M40d 2018 Test: Was er besser kann als der BMW X3
BMW X4 M40d 2018 Test: Was er besser kann als …
Seat gliedert Cupra aus: Die Taktik für den Erfolg
Seat gliedert Cupra aus: Die Taktik für den Erfolg


Speed Heads - Sportwagen- und Auto-Magazin

Das Auto und Sportwagen Magazin mit täglich aktualisierten Auto News, Motorsport News, Auto Tests, Sportwagen Berichten und der streng geheimen Auto Zukunft. Speed Heads ist die Community für echte Auto-Fans und informiert im Sportwagen Magazin über Neuigkeiten aus der Welt der schnellen Autos.

  • emotiondrive Logo
  • Torpedo Run Logo
  • Motorsport Total Logo
  • autoaid Logo