"Verdammt hart": Mercedes würde WM-Titel für Fair Play opfern

, 31.07.2017

Toto Wolff, Lewis Hamilton und ihre Zweifel an der Richtigkeit des Fair Play: "Manchmal ist es verdammt hart, zu deinen Werten zu stehen"

Das Mercedes-Team wäre unter Umständen dazu bereit, den WM-Titel 2017 für den Grundsatz des Fair Play zu opfern: "Wir stehen zu unserem Wort. Wenn die Konsequenz daraus ist, dass wir die Meisterschaft verlieren, akzeptieren wir das", erklärt Sportchef Toto Wolff nach dem aufsehenerregenden Platztausch zwischen Lewis Hamilton und Valtteri Bottas in der letzten Runde des Grand Prix von Ungarn.

Dass er diese Konsequenz nur sehr zähneknirschend akzeptieren würde, daraus macht Wolff gar keinen Hehl. Kann er auch nicht, denn seine Reaktion bei der Zieldurchfahrt war eindeutig: Als Hamilton Bottas vorbeiließ und die drei Punkte verschenkte, knallte der Österreicher wutentbrannt mit der Faust auf den Tisch. Als er später den Medien erklärte, wie stolz er auf sein Team sei, dass es sich so verhalten habe, hatte er sich schon wieder etwas gesammelt.

Ob der Platztausch in der letzten Runde teamintern mit Wolff abgesprochen war, entzieht sich unserer Kenntnis. Seine vom TV eingefangene Reaktion lässt eher auf einen Alleingang des Kommandostandes unter Chefstratege James Vowles schließen. Aber mit etwas Abstand würde es der österreichische Sportchef nicht anders machen: "Weil wir mit diesen Werten sechs Titel gewonnen haben. Und weil wir auf diese Weise in den nächsten Jahren noch mehr Titel gewinnen werden."

"Es hat uns drei Punkte gekostet, und uns ist absolut bewusst, dass uns das die Meisterschaft kosten kann. Aber das ist nun mal unsere Arbeitsweise", sagt Wolff. "Zu sagen, dass ich die Entscheidung dann nicht bereuen würde, wäre sehr naiv. Die Wahrheit ist, dass, sollten wir die Meisterschaft um drei Punkte verlieren, jeder sagen würde, das war wegen Budapest. Und ich wäre der Erste, der sich und uns allen ins Knie schießen würde!"

Schwierigste Entscheidung der letzten fünf Jahre

"Trotzdem glaube ich, dass wir langfristig gesehen mehr Meisterschaften gewinnen, wenn wir zu unserem Wort und zu unseren Werten stehen", sagt er. "Es war eine harte Entscheidung, eine sehr schwierige, glauben Sie mir. Vielleicht die schwierigste, die wir in den letzten fünf Jahren zu treffen hatten. Wir waren uns ja auch nicht sicher, wie nahe Max am Ende kommen würde."

Auch Hamilton gibt freimütig zu, dass er beim Platztausch Bauchschmerzen hatte. Als er in der vorletzten Runde anfing, sein Tempo zu drosseln, lag er acht Sekunden vor Bottas und im Windschatten der führenden Ferraris. Von hinten wiederum kam Max Verstappen mit frischeren Reifen immer näher an Bottas ran. Bottas vorbeizulassen, stellte ein gewisses Risiko dar, dass Verstappen am Ende der lachende Dritte werden könnte.

Bottas durchzulassen oder nicht, sei "ein Graubereich" gewesen, findet Hamilton: "Wenn ich nur zwei Sekunden vor Valtteri bin, ist es viel leichter, ihn wieder vorbeizulassen. Es waren aber sieben Sekunden, und die Ferraris unmittelbar vor mir. Eine schwierige Position. Aber das heute zeigt, dass ich zu meinem Wort stehe und ein Teamplayer bin." Mercedes arbeite "so gut wie noch nie" zusammen, und das habe er honorieren wollen. Und: "Ich hoffe, wenn du Gutes tust, bekommst du Gutes zurück!"

Was ist, wenn die drei Punkte am Ende fehlen?

Aber was, wenn die drei Punkte am Ende tatsächlich fehlen? "Das kann ich nicht beantworten. Wenn ich wegen der drei Punkte die WM verliere, weiß ich nicht, was mir durch den Kopf gehen wird", gesteht Hamilton. "Ich weiß nicht, ob mir das heute auf den Kopf fallen wird oder nicht, aber ich habe am Saisonbeginn gesagt, dass ich die Weltmeisterschaft auf die richtige Art und Weise gewinnen möchte. Und das heute war richtig."

Nach Ungarn 2017 muss sich Mercedes die Grundsatzfrage stellen: Geht es nur um WM-Titel, ganz egal, wie man sie gewinnt? Oder geht es auch um sportliche Werte wie Fair Play, die auf die Marke Mercedes positiv abstrahlen? Man könnte es auch pathetisch formulieren: Mit dem Platztausch gestern haben Hamilton und Mercedes vermutlich mehr für ihr Image getan, als es ein weiterer Titel tun würde.

"Wir fahren nicht im Kreis, weil es uns Spaß macht", erklärt Wolff. "Wir fahren im Kreis, weil wir hoffen, dass es Werbung für unsere Marke ist und wir damit Autos verkaufen. Das ist ein sehr langfristiges Projekt. Wenn du hierher kommst und glaubst, dass Gewinnen das Einzige ist, was zählt, dann ist das falsch. Wir haben die Folgen von Entscheidungen, die kompromisslos und kaltblütig waren, ja schon oft erlebt. Einschließlich der Auswirkungen auf die Marke."

Wolff: Auf Mercedes-Erfolgen darf kein Makel haften

Man denke etwa an die Ferrari-Stallorder in Österreich ("Let Michael pass for the Championship!"), nach der ein regelrechter Shitstorm auf die Scuderia einprasselte. Oder an Michael Schumachers Rammstoß in Jerez, nach dem ein etwaiger WM-Titel massive Kritik nach sich gezogen hätte. Die Ferrari-Schumacher-Ära unter Jean Todt und Schumacher war besonders erfolgreich - aber auch besonders kontrovers.

"Jetzt könnte man sagen: 'Egal, sie haben trotzdem die WM gewonnen, wen juckt's? Steht ja so in den Geschichtsbüchern.' Aber ich glaube nicht, dass das richtig ist", meint Wolff. "Was ist der Grund, warum wir uns hier engagieren? Weil wir es richtig machen wollen, weil wir im richtigen Stil gewinnen wollen. Und manchmal ist es verdammt hart, es richtig zu machen und zu deinen Werten zu stehen. Das war es heute, glauben Sie mir."

Während Mercedes beiden Fahrern gleiche Chancen einräumen möchte - mutmaßlich auch, um Bottas nicht zu demoralisieren -, setzt Ferrari schon seit Wochen auf das Pferd Vettel. Das war beim Grand Prix von Ungarn klar ersichtlich. Ohne die konträren Herangehensweisen von Ferrari und Mercedes hätte Räikkönen vor Vettel gewonnen und Hamilton wäre Dritter geworden. Dann würde Hamilton statt mit 14 nur mit vier Punkten Rückstand in die Sommerpause gehen.

Teamorder für Mercedes weiterhin kein Thema

"Die drei Punkte werde ich nie zurückbekommen", weiß Hamilton. "Was passiert ist, ist passiert. Wir haben schon viele Punkte liegen gelassen - Ferrari viel weniger. Aber wir hoffen, dass wir keine weiteren Punkte liegen lassen." Und auch Wolff räumt ein, dass die Ferrari-Strategie "ein Vorteil" sei. Aber: "Im Moment wollen wir so weitermachen."

"Wenn wir nach den Europarennen in der Situation sind, dass ein Fahrer deutlich mehr Punkte hat als der andere, dann würden wir es auch so handhaben. Aber momentan haben beide eine echte Chance auf die Weltmeisterschaft. Die wollen wir niemandem wegnehmen", sagt er. "Valtteri hat Platz gemacht, weil wir ihm gesagt haben, dass wir wieder zurücktauschen. Daran hat sich Lewis gehalten. Ich ziehe vor beiden meinen Hut."

Dass Mercedes am Ungarn-Wochenende einfach nicht schnell genug war, um Ferrari ernsthaft herauszufordern, ist ein anderes Thema. Wolff kann dem zumindest etwas Positives abgewinnen: "Ich bin gerade nicht glücklich, aber wenn du schon nicht schnell genug bist, kannst du wenigstens ein fairer Sportsmann sein ..."

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