Halbzeitbilanz: Force India nach Katastrophenstart im Aufwind

, 04.08.2015

Die Halbzeitbilanz der Top-8-Teams in der Formel 1 2015: Wie es Force India trotz Pleitegeier und vier Monaten Rückstand gelang, nun das Mittelfeld anzuführen

Totgesagte leben länger! So könnte man Force Indias erste Saisonhälfte 2015 zusammenfassen. Die indische Truppe mit Sitz in Silverstone erlebte dieses Jahr einen katastrophalen Start, als der Pleitegeier über der Fabrik kreiste und nicht wenige damit rechneten, dass es die Mannschaft von Vijay Mallya gar nicht zum Saisonauftakt nach Melbourne schaffen würde. Und jetzt, in der Sommerpause, ist man plötzlich Fünfter in der Konstrukteurs-WM.

Das war auch das erklärte Saisonziel von Mallya & Co., doch im Gegensatz zu 2014, als man vor allem zu Saisonbeginn brillierte, mussten Nico Hülkenberg und Sergio Perez auf die ersten zwei Wintertests in Jerez und Barcelona verzichten. Weil einige Rechnungen nicht bezahlt werden konnten, verzögerte sich der Bau des Chassis, weshalb man erst zehn Tage nach den Rivalen mit dem VJM08 eingreifen konnte und das Auto in nur zweieinhalb Tagen rennfit machen musste.

Dass man dann in Australien gleich mit beiden Autos in die Punkteränge kam, schuldete man vor allem den zahlreichen Ausfällen der Konkurrenz. Strecken wie Malaysia oder China, wo Aerodynamik und Abtrieb wichtig sind, zeigten dann aber die Schwächen des unausgereiften Boliden gnadenlos auf. Während Hülkenberg eine Durststrecke von fünf Rennen ohne Zähler überstehen musste, wurde Perez immerhin in Bahrain und Monaco Achter und Siebter.

Monaco als Trendwende

Dass es mit dem Rennen im Fürstentum aufwärts ging, kommt nicht von ungefähr: Endlich debütierten die neue Vorderachse und die hydromechanische Hinterradaufhängung, die umfangreiche Setup-Änderungen in wenigen Minuten erlaubt. Und auf Monaco folgten mit Montreal und Spielberg Strecken, wo die Abtriebsschwäche des VJM08 nur bedingt eine Rolle spielte. Stattdessen katapultierte die bärenstarke Mercedes-Antriebseinheit Force India nach vorne.

Zudem hatte Hülkenberg durch den Le-Mans-Sieg vor dem Grand Prix von Österreich Selbstvertrauen getankt und mutierte dort zum Favoritenschreck: Der Emmericher fuhr mit Platz sechs das beste Ergebnis der ersten Saisonhälfte ein. Durch Perez' neunten Platz wurde das bisherige Force-India-Saisonhighlight abgerundet.

Spielberg war für den WM-Sechsten des Vorjahres ohnehin ein denkwürdiger Boden, denn bei den Tests nach dem Rennwochenende debütierte erstmals die neue Aerodynamik mit der auffälligen Lochnase. Und schon für Testpilot Esteban Ocon war sofort klar, dass die B-Version ein großer Schritt nach vorne war.

Mit Eichhörnchen-Taktik zum Erfolg

"In Silverstone haben wir dann die B-Version unseres Autos erhalten, auf die wir wirklich lange warten mussten", spielt Hülkenberg gegenüber 'Sky Sports F1' an, dass sein Team durch die Verzögerungen zu Saisonbeginn vier Monate in Rückstand geriet. Denn eigentlich hätte das B-Paket bereits in Melbourne debütieren sollen. "Es hat die Erwartungen wirklich erfüllt", zeigt er sich dennoch erfreut. Vor allem im Heck gewann man massiv an Abtrieb. "Das Auto hat hat sich wirklich gut geschlagen, und jetzt freue ich mich auf die zweite Saisonhälfte."

Interessant ist, dass Force India schon vor Silverstone, also vor dem Debüt der B-Version, in der Konstrukteurs-WM den fünften Platz einnahm. "Das Auto war zunächst nicht dort, wo wir es erwartet und erhofft hätten", erklärt Hülkenberg. "Wir leisteten dennoch gute Arbeit und holten ein paar wichtige Punkte. Wir haben uns gut durchgekämpft." Platz fünf vor Silverstone erschien aber auch dem Le-Mans-Sieger "wie ein kleines Wunder, denn wir kämpften gegen viel konkurrenzfähigere Autos, aber irgendwie ist es uns gelungen, sie zu schlagen."

Anteil daran hatte auch sein mexikanischer Teamkollege, der vor allem in der Anfangsphase der Saison einige Male überraschte und manchmal sogat besser aussah als Hülkenberg. "Die erste Saisonhälfte war wirklich gut. Das Auto war nicht konkurrenzfähig, und dennoch gelangen uns perfekte Ergebnisse", frohlockt Perez gegenüber 'Sky Sports F1'. Dann kam die neue Aerodynamik und das Blatt wendete sich. "Die vergangenen zwei, drei Rennen waren für mich nicht so einfach", gibt Perez zu. "Das Auto hat sich zwar verbessert, aber ich war mit der Balance nicht wirklich glücklich."

Mit B-Version auf allen Strecken stark

Im teaminternen Qualifying-Duell führt Hülkenberg souverän mit 8:2, in den Rennen hat aber überraschenderweise Perez mit 6:4 die Oberhand. Dem sei aber hinzugefügt, dass der Mexikaner seit Monaco nicht mehr vor dem Deutschen ins Ziel gekommen ist - die Dynamik geht also ganz klar in Hülkenbergs Richtung.

Trotzdem ist Perez für die zweite Saisonhälfte zuversichtlich: "Es gibt keinen Grund, warum wir nicht wirklich konkurrenzfähig sein können. Wir sollten ständig in den Punkten sein, und das wäre ein großer Schritt nach vorne."

Der ehemalige Sauber-Pilot zeigt sich aus gutem Grund ermutigt: Teilt man die erste Saisonhälfte in zwei Segmente, dann ist der Aufwärtstrend bei Force India offensichtlich. Während man im ersten Segment nur elf Zähler an Land zog, waren es im zweiten Segment 28. Und mit der B-Version hat Force India bewiesen, dass man nun auch auf Kursen, wo viel Abtrieb verlangt wird, wie dies in Silverstone der Fall ist, vorne mitfahren kann, zumal man teamintern davon überzeugt ist, dass eine bessere Abstimmung des neuen Autos weitere Zehntel bringen könnte.

Saisonziel voll im Visier

Auch die Zuverlässigkeit erwies sich diese Saison als absolute Stärke von Force India: Bis auf Hülkenbergs Getriebeschaden in China und das Doppel-K.o. in Ungarn, als bei Hülkenberg der Flügel brach und Perez' Bremsen streikte, erwies sich der VJM08 als haltbar.

Was ist also 2015 noch möglich? Der stellvertretende Teamchef Robert Fernley träumte in Silverstone schon davon, Red Bull in der Konstrukteurs-WM noch abzufangen und somit Vierter zu werden, doch dieses Ziel ist auf dem Hungaroring mit dem doppelten Podestplatz für das einstige Weltmeisterteam in weite Ferne gerückt. Während Force India bei 39 WM-Punkten hält, sind es bei Red Bull nun plötzlich 96, also mehr als doppelt so viele.

Stattdessen muss es das Ziel sein, sich in der Konstrukteurs-WM gegen Lotus (35 Punkte) und Toro Rosso (31) zu behaupten. Nach dem Katastrophenstart wäre das für die finanzschwache, aber effektive Truppe, die diese Saison voll auf dem TMG-Windkanal in Köln setzt und im Vorjahr mit 155 WM-Punkten und Platz sechs das beste WM-Ergebnis in der Teamgeschichte feierte, ein toller Erfolg.

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