Ford Sierra: Von der Familienkutsche zum Rennwagen

, 06.08.2012


Genau 30 Jahre ist es her, dass 1982 der Ford Sierra eine neue Ära einleitete. Zu seiner Zeit ein Aerodynamik-Wunder, entschieden sich knapp 17 Prozent aller europäischen Neuwagenkäufer in der Mittelklasse für den innovativen Ford. Aus dem Sierra ging sogar eine echte Waffe hervor: der Sierra RS Cosworth mit dem legendären, riesigen Heckflügel - heute ein heiß begehrter Klassiker. Es folgten die Gesamtsiege der DTM und des 24-Stunden-Rennens auf dem Nürburgring. Grund genug, dieses Auto im Rückblick näher zu betrachten.


Ford Sierra

Auf dem Papier löste der 1982 präsentierte Ford Sierra den letzten Taunus, den kantigen TC ’80, ab. Doch optisch trennten die beiden Hecktriebler wahrlich Welten. Der Sierra war maßgeblich ein Produkt des Windkanals, dessen Cw-Wert von 0,34 zu jener Zeit als einer der besten überhaupt für ein Serienfahrzeug galt. Strömungsgünstig integrierte Stoßfänger aus Polykarbonat, mit der Außenhaut bündig verklebte Scheiben sowie integrierte Scheinwerfer und Kühlluftöffnungen zeugten vom zusätzlichen Feinschliff.

Wo der Taunus TC senkrechte Stirnflächen aufwies, zeigte sich der Sierra flach, windschlüpfig und geduckt. Der Kontrast fiel umso gigantischer aus, da zu Beginn der Modellkarriere nur die fünftürige, auch „Aero-Heck“ genannte Schrägheck-Version auf den Markt gelangte.

Der Ford Sierra etablierte sich schnell als eines der erfolgreichsten Modelle seines Segmentes. Nach nur vier Jahren fanden bereits 1,5 Millionen Einheiten einen Käufer. Bereits im zweiten Produktionsjahr stieg der Sierra zum Marktführer seiner Klasse auf. Auf dem Gipfel dieses Erfolges rollte im Februar 1987 die zweite, komplett überarbeitete Generation in die Erfolgsspur und brachte als Mitgift gleich eine dritte Karosserievariante mit: die Stufenheckversion.

Bei den Motoren bot Ford die große Auswahl: Neben den Reihenvierzylindern mit 75 PS oder 105 PS gab es die begehrten V6-Triebwerke von 90 PS bis 150 PS. Das vorläufige Spitzentriebwerk der Sierra-Baureihe, der 2,8 Liter große Sechszylinder mit Benzineinspritzung blieb der über 200 km/h schnellen Sportversion XR4i vorbehalten. Hinzu kam der 2.3-Liter-Reihenvierzylinder-Diesel mit 67 PS. Alle Motoren ließen sich auf Wunsch mit einem manuellen Fünfganggetriebe kombinieren; die Dieselversion besaß diese Schaltung serienmäßig.


Ford Sierra XR4i

Im Unterschied zum Taunus erhielt der Sierra eine komplett neu konstruierte Einzelradaufhängung vorne und hinten, der Heckantrieb indes wurde übernommen. Für Traktion und Spurtreue sorgten vorne eine McPherson-Federbeinkonstruktion und Stabilisatoren. Hinten verrichtete eine Schräglenkerachse ihren Dienst, die an einem neuen, quer installierten U-Hilfsrahmen aufgehängt war. Das Achsgehäuse aus Leichtmetall sorgte für geringe Kosten und Gewicht. Das sportlich abgestimmte Fahrwerk des XR4i bestückten die Experten von Ford zusätzlich mit progressiven Schraubenfedern, Zweirohr-Gasdruckstoßdämpfern und einem Querstabilisator an der Hinterachse.

Als wesentlichste Neuerung zum Modelljahrgang 1985 trat die Ablösung der sportlichen Speerspitze XR4i durch die Allradversion XR4x4 hervor - wahlweise als fünftüriges Fließheckmodell oder als Turnier. Das ultimative Alphatier folgte allerdings im März 1986: der Sierra RS Cosworth. Zu den augenfälligsten Merkmalen zählten ein breiter, weit heruntergezogener Frontspoiler mit speziellen Luftführungen für Turbolader und Ladeluftkühler, der hochgesetzte Heckspoiler, verbreiterte Türschweller und ausgestellte Kotflügel für die 15 Zoll großen, mit 205/50er-Niederquerschnittsbereifung bespannten Felgen - damals wahre Riesenräder.

Das kraftvolle, vom englischen Rennsportexperten Cosworth entwickelte 2.0-Liter-Herz mit Turbolader, Vierventiltechnik und der satten Leistung von 204 PS und 278 Nm Drehmoment verwandelte den Hecktriebler in einen veritablen Sprinter, der in 6,5 Sekunden auf Tempo 100 spurten und bei Bedarf mit 240 km/h über die Bahn schnurren konnte.

Der wahlweise in Schwarz, Weiß oder Mondstein-Metallic lackierte „Flügel-Cossie“ sollte nicht nur auf öffentlichen Straßen für sportlichen Fahrspaß sorgen, er lieferte auch die Basis für erfolgreiche Einsätze im Motorsport. Die erste Sierra RS Cosworth-Generation erreichte umgehend Kultstatus. Die auf 5.000 Einheiten limitierte Erstauflage und auch die 500 später gebauten RS500-Evolutionsmodelle fanden in kürzester Zeit ihre Liebhaber und besitzen heute Sammlerwert.

 

Auf Rallye-Pisten und Rundstrecken demonstrierte der windschnittige Ford immer wieder seine hohe sportliche Veranlagung - und schrieb mit zahlreichen Rallye-Erfolgen und einer beeindruckenden Siegbilanz in Top-Rennserien wie der Deutschen Tourenwagen-Meisterschaft DTM, den Tourenwagen-Europa- und Weltmeisterschaften sowie der britischen Rennserie BTCC ein eigenes Kapitel in der europäischen Motorsportgeschichte. Am Ende seiner Laufbahn legte er einen Abgang hin, dessen Dramaturgie ihn endgültig zur Ikone erhob: 1987 landete er einen beeindruckenden Start-Ziel-Sieg beim 24-Stunden-Rennen auf dem Nürburgring und verabschiedete sich 1988 mit dem Gewinn der DTM.


Ford Sierra RS Cosworth DTM

Die zweite Generation: 1987 bis 1993

Seit seinem Debüt im Herbst 1982 etablierte sich der Sierra als eines der erfolgreichsten Modelle seines Segmentes. Rund 1,5 Millionen Einheiten konnte Ford in rund vier Jahren verkaufen. Auf dem Gipfel dieses Erfolges ging im Februar 1987 die zweite, komplett überarbeitete Generation an den Start. Markanteste Neuheit: die Karosserieversion mit Stufenheck.

Die Außenkonturen präsentierten sich geglättet und gerundet, während sich die Fronthaube bis auf die Stoßfänger hinunterzog und die Scheinwerfer - ausgestattet mit neuer Stufenreflektor-Technologie für eine höhere Lichtleistung - bündig mit der Außenhaut abschlossen. Vergrößerte Glasflächen mit optimierten Türscheiben-Ausschnitten verbesserten zudem die Rundumsicht, während ein aerodynamischer Feinschliff im Bereich der C-Säule die Seitenwindempfindlichkeit je nach Modellvariante um bis zu fünf Prozent reduzierte.

Dem Motorenprogramm des Sierras spendierten die Ingenieure erstmals das fortschrittliche Magergemisch-Prinzip bei den 1,6- und 1,8-Liter-Vierzylinder-OHC-Motoren mit 75 PS und 90 PS. Das 150-PS-Kraftpaket 2.8 V6 blieb den allradgetriebenen Topmodellen XR4x4 und Ghia 4x4 Turnier vorbehalten. Am anderen Ende der Leistungsskala glänzte der 67 PS starke 2.3-Liter-Diesel mit minimalem Durst und niedrigen Schadstoffwerten: Bei konstant 90 km/h gönnte er sich lediglich 4,9 Liter/100 km.


Ford Sierra XR4i - Generation 1

Selbstverständlich bot Ford erneut einen „Cossie“ an: den Sierra RS Cosworth II. Der kam diesmal nicht im markanten Streetfighter-Outfit, sondern im seriösen Straßenanzug. Praktisch unverändert blieben das Herzstück mit 204 PS und seine erstligareifen Fahrleistungen. Die Modellpflege für den Jahrgang 1990 zündete allerdings eine neue „Cossie“-Stufe: Dank strömungsoptimierter Ein- und Auslassbereiche, modifiziertem Turbolader und vergrößertem Ladeluftkühler leistete die Performance-Version 220 PS und entwickelte ein Drehmomentmaximum von 290 Nm.

Das Spitzenmodell brachte seine Kraft jetzt über alle vier Reifen auf die Piste und trug deswegen das Zusatzkürzel „4x4“. Der Spurt von 0 auf Tempo 100 erfolgte in 6,8 Sekunden. Die Höchstgeschwindigkeit betrug 242 km/h. Die Plattform des Ford Sierra RS Cosworth II lieferte zugleich die Basis für den Escort RS Cosworth.

Darüber hinaus schmückte ein neuer Sechszylinder das Sierra-Angebot: Der 145 PS starke 2.9-Liter-V6 besetzte die Position des souveränen Cruisers, der mit geschmeidigem Durchzug aus dem Drehzahltiefgeschoss seine Passagiere zufrieden lächeln ließ.

Nach wie vor stand der Sierra in den drei Karosserieversionen Fließheck, Stufenheck und Turnier zur Wahl. Über der neuen Basisausstattung CLX rangierten die Ausführungen GL, Ghia, XR4i und Cosworth 4x4. Neben den für Ford typisch umfangreichen Serienausstattungen bot das Optionsprogramm den Sierra-Käufern die Möglichkeit, ihr Fahrzeug mit Tuning-Komponenten aus dem Ford RS-Programm optisch zu veredeln. Leichtmetallräder, Heck- und Seitenschürzen, Sport-Lederlenkräder, ein Fahrwerk-Tieferlegungssatz, Front- und Heckspoiler oder Kotflügelverbreiterungen verliehen auf Wunsch einen Hauch von Cosworth.

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