Memorial Run: Das Tagesrennen von Calais nach Rom

, 09.07.2003

Worauf haben wir uns da eingelassen? Ein Tagesrennen von Calais in Nordfrankreich bis nach Rom, der Hauptstadt Italiens. Um die Zeit im Ziel festzuhalten, muss in Rom ein Checkpoint angefahren werden. Die kürzeste Route ist immerhin rund 1.600 km lang. Ferner herrschen auf der gesamten Strecke harte Geschwindigkeitsbeschränkungen. Das ist der Memorial Run!

Die Idee zum Memorial Run entstand in einem Internet-Forum und findet in Gedenken an den italienischen F3-Rennfahrer Giovanni Barazini statt, der 1972 bei einem Rennen zusammen mit einem Engländer in 23 Stunden und 53 Minuten (inklusive Fähre über den Ärmelkanal) in getunten Minis von London nach Rom fuhr. Um den europäischen Teilnehmern eine einfachere Anfahrt zu ermöglichen, wurde als Startpunkt für den Memorial Run Calais bestimmt, das direkt am Ärmelkanal liegt.


Der heutige Memorial Run beginnt am 29.06.2003. Anfangs gemeldet waren 20 Teams, doch einige sagen wenige Tage vor dem Start ab. Solch ein Run ist schließlich nicht ganz unbrenzlig. Am Start in Montreuil-sur-Mer, einem kleinen Ort bei Calais, finden sich 11 Teams aus Deutschland, Holland, England, Dänemark, Estland und sogar aus den USA ein. Die Fahrzeuge versprechen einen interessanten Kampf: u. a. ein BMW Alpina B12 mit einer 5.7 Liter Maschine, ein Audi A8 mit einer 4.2 Liter Maschine, ein hochgetunter Toyota Supra mit Nitro-Kit, ein Mercedes CLK 200, ein Volvo T-5 und mehrere BMW M5. Bei diesem wundervollen Wetter haben wir - mein Co-Pilot und ich - uns für meinen Alfa Romeo Spider entschieden. Einer der Teilnehmer hat in seinem BMW sogar 3 Zusatztanks à 60 Liter eingebaut, um mehrere Tankstopps zu vermeiden.

Es ist 7.30 Uhr morgens und in wenigen Minuten wird der Start erfolgen. Der holländische Organisator teilt uns mit, wo genau der Checkpoint in Rom zu finden ist. Aus den Kopien ist ersichtlich, dass es sich dabei um eine Tankstelle im Norden Roms handelt, bei der wir etwas kaufen müssen. Die Zeit auf der Quittung wird als Ankunftszeit gewertet. Damit keiner mogelt, müssen darüber hinaus am Ziel sämtliche Tankbelege sowie Quittungen der gebührenpflichtigen Autobahnen in Frankreich und Italien abgegeben werden. Welche Route wir wählen, ist uns allen freigestellt.

Gut ausgerüstet mit zahlreichen Straßenkarten, einem GPS-System, einer Autobahn-Vignette für die Schweiz sowie Bargeld und Kreditkarten für mögliche Strafzettel sind wir gut gewappnet. Da ich in Deutschland mit der Kartensoftware von MAP&GUIDE für mein GPS-System zufrieden bin, greife ich für den Memorial Run ebenfalls auf ein Produkt dieses Herstellers zurück. Auf meinem Notebook ist fast das gesamte Straßennetz von Europa inklusive Stadtplänen installiert. Ich bin gespannt, wie uns die Kartensoftware „Europa City“ von MAP&GUIDE nach Rom führt und uns vor allen Dingen den Weg vom Checkpoint zum Hotel durch den hektischen Verkehr Roms weist.

Um 7.45 Uhr fällt die Startflagge! Wir fahren direkt auf die Autobahn Richtung Abbeville. Um diese Zeit sind die Straßen noch fast leer und zur Einstimmung geben wir direkt richtig Gas. Erlaubt sind in Frankreich offiziell 130 km/h und die Strafen schnellen ab 160 km/h deutlich in die Höhe. Davon kann auch der Formel 1-Rennfahrer Juan Pablo Montoya ein Lied singen, der vor wenigen Wochen mit über 200 km/h in Frankreich gestoppt wurde.


Es gibt für uns zwei Möglichkeiten, nach Rom zu fahren: Die kürzere und rund 1.600 km lange Strecke würde uns durch die Schweiz führen. Da die Schweiz kein EU-Land ist, hätten wir zwei Grenzübergänge vor uns, bei denen es sich in der Regel staut. Sogar mitten in der Nacht muss man pro Grenzübergang mit ca. 1 Minute Wartezeit rechnen. Darüber hinaus sind in der Schweiz nur 120 km/h erlaubt, viele Radarfallen installiert und die Polizei sehr streng. Alternativ könnten wir auf einer etwas 150 km längeren Route die Schweiz umrunden. Allerdings gibt es auf einem Teilstück zwischen Frankreich und Italien keine Autobahn und mir müssten über Serpentinen in die Alpen reinfahren. Bis Reims muss die Entscheidung fallen, da sich kurz hinter dieser Stadt die zwei möglichen Routen trennen. Wir entscheiden uns, die Schweiz zu umfahren.

Bis nach Reims liegen wir Kopf an Kopf mit dem Mercedes des Organisators, der dann den Weg Richtung Straßburg einschlägt. Wir fahren weiter Richtung Dijon und hoffen, dass wir keinen Stau auf einer der Hauptverkehrsstrecken haben, da an diesem Wochenende in Frankreich die Ferien beginnen. Verfolgt werden wir von drei Engländern im Volvo T-5, ein Auto, das man nicht unterschätzen sollte: Nach Außen hin normal, doch unter der Motorhaube befinden sich ein Turbo und 250 PS. Um die Briten zu testen, verringern wir unsere Geschwindigkeit etwas. Doch unsere Konkurrenten machen keine Anstalten, zu überholen. Am ersten Tankstopp wissen wir warum: Die Briten haben ihre Straßenkarten vergessen und sind uns einfach hinterhergefahren. An der Tankstelle beschließen wir, zusammen bis nach Rom zu düsen. Somit ist für beide Teams die lange Fahrt noch abwechslungsreicher. Ich gebe den Engländern außerdem eines meiner Funkgeräte, damit wir uns zwischendurch unterhalten und auch stets abstimmen können. Für den Fall, dass unsere Mitstreiter verloren gehen, wird an der Tankstelle noch eine Straßenkarte von Mitteleuropa erworben.

Sofern es der Verkehr zulässt, kommen wir zügig voran und der Spider kann seine expressive Stärke zeigen. Doch vor Dijon wird die Straße immer voller und plötzlich stecken wir mitten im Urlaubsverkehr zwischen vollgepackten Kombis und Wohnwagen. Glücklicherweise kommt gleich die Autobahn Richtung Genf, die wieder schön leer ist. Die Navigationssoftware von MAP&GUIDE hat den neuen Weg bereits berechnet und zeigt uns vorab zuverlässig wichtige Informationen, wie z. B. Straßen, Städte, Tankstellen und mehr an. Gerade als ich nachdenke, dass wir noch keine Polizei gesehen haben, obwohl es schon zahlreiche ideale Verstecke am Straßenrand gab, befindet sich in einer kleinen Schneise, die von Weitem nicht einsehbar ist, ein Polizeiwagen. Im letzten Moment kann ich stark abbremsen. Ob die Polizei sich eine zu starke Ruhepause gönnte? Wir werden glücklicherweise nicht verfolgt. Dennoch fahren wir zur Sicherheit ein paar Kilometer mit der vorgeschriebenen Geschwindigkeit von 130 km/h. Langsam fragen wir uns, an welch verrücktem Event wir teilnehmen. Aber es macht richtig Spaß und wir wollen – Auge in Auge mit dem Asphalt – weiter nach vorne schnellen.


Am Horizont sehen wir bereits die ersten Ausläufer der Alpen, während wir uns Genf nähern. Als die Autobahn endet, befinden wir uns zwischen hohen Bergen und genießen den atemberaubenden Blick auf das schneebedeckte Matterhorn. Die zweispurige Schnellstraße führt immer höher in die Berge und geht schließlich in einspurige Serpentinen über. Man könnte meinen, dass wir Teil einer perfekt gestalteten Modelleisenbahnlandschaft sind: Die niedrigen Berge grün bewaldet, der Himmel strahlend blau, im Tal eine Eisenbahntrasse und kleine Dörfer. Es fehlt nur, dass plötzlich ein Riese auftaucht.

In dieser Idylle erfahren wir über das Handy, dass einige Teilnehmer an der Grenze zur Schweiz aufgehalten wurden und die Polizei den BMW mit den Zusatztanks wegen überhöhter Geschwindigkeit stoppte und nun die Tanks auf Drogen überprüft. Auch der Amerikaner mit dem BMW Alpina B12 hat Probleme an der Grenze zur Schweiz. Die rotweißen Nummernschilder aus Deutschland, die von Händlern genutzt werden, sind in Frankreich nicht erlaubt. Die französischen Grenzbeamten erlauben dem Amerikaner nicht, sein Fahrzeug – es sind nur noch 5 Meter bis in die Schweiz und dort sind die rotweißen Nummernschilder zulässig – weiterzufahren. Nach einiger Zeit geben die Grenzbeamten dann doch nach. Auch der Toyota Supra, der wie wir die Schweiz umrundet, hat ein besonderes Erlebnis, als er mit seiner Lachgaseinspritzung der Polizei entkommen kann.


Währenddessen erreichen wir den Mont Blanc-Tunnel am Fuße eines Gletschers. Hinein fahren wir in den 11,5 km langen Tunnel in Frankreich und am anderen Ende befinden wir uns schon in Italien – ganz ohne Probleme, denn die Grenze verläuft irgendwo im Tunnel, in dem mehrere Radarfallen installiert sind. Die Autobahn in Italien beginnt bereits relativ hoch in den Bergen, so dass wir direkt unsere flotte Reisegeschwindigkeit erreichen – offiziell erlaubt sind in Italien 130 km/h. In wenigen Tagen wird das Tempolimit auf italienischen Autobahnen auf 150 km/h erhöht. Das gilt aber nicht für uns. Bislang haben wir erfreulicherweise noch keine Strafzettel. Aber bleibt das so?

Von Aosta führt die kürzeste Strecke über Mailand nach Rom. Doch wir entscheiden uns, über Alessandria zu fahren, um den starken Verkehr rund um Mailand zu vermeiden. Es erwarten uns schöne gerade Straßen, die an beiden Seiten mit Leitplanken versehen und durchgehend begrünt sind – kaum eine Möglichkeit für die Polizei, sich hier zu verstecken. Die Italiener fahren rasant, doch wir sind noch schneller unterwegs. Teilweise fehlt die Fahrbahnmarkierung auf der Autobahn, so dass jeder dort fährt, wo er gerade Lust hat. In Deutschland wäre an diesen Stellen sicherlich eine große Baustelle zu finden. Passt man sich in Italien dem Fahrstil an, kommt man auf jeden Fall sehr gut voran.

Ein Höhepunkt des Memorial Runs ist sicherlich der Abschnitt zwischen Bologna und Florenz. Die dreispurige Autobahn führt mit zahlreichen Kurven und Tunnels, bergauf- und bergab durch die Chianti-Berge mit einem wunderschönen Panorama. Dieser Teil ist wie eine Formel 1-Rennstrecke, der bei hohen Geschwindigkeiten sehr viel Spaß bereitet. Der Alfa Romeo Spider beweist eine überzeugende Stabilität und bildet eine feste Einheit mit der Straße.


Zwischen Florenz und Rom sehen wir überraschend den ersten Polizeiwagen vor uns. Schnell bremsen wir ab und reihen uns hinter diesem mit 130 km/h ein. Die Italiener stört das wenig und überholen die Polizei mit bis zu 150 km/h. Wir denken uns: „Wenn die Italiener das können, versuchen wir das auch.“ Es ist bekannt, dass die italienische Polizei gerne Autos mit ausländischem Kennzeichen stoppt und im Rückspiegel sehe ich, wie sich die Polizisten plötzlich angeregt unterhalten. Das Glück bleibt uns treu und die Polizei lässt uns weiterfahren. Nachdem der blaue Alfa Romeo 156 Sportwagen der Polizei nicht mehr zu sehen ist, geben wir wieder richtig Gas. Warum wir erst hier den ersten Polizeiwagen in Italien sehen, könnte vielleicht damit zusammenhängen, dass sich viele italienische Polizisten, die meist richtige Autoenthusiasten sind, nachmittags das Formel 1-Rennen auf dem Nürburgring im TV angeguckt haben.

Umso näher wir Rom kommen, desto heißer wird es. In den letzten Tagen wurden in Rom immer über 40 Grad gemessen. Aber der Alfa Romeo Spider hält sich in seinem Heimatland optimal und der Motor wird gut gekühlt.

Endlich erreichen wir zusammen mit den Briten den Checkpoint in Rom um 20.55 Uhr. Da wir die gesamte Strecke zusammengefahren sind und uns gegenseitig geholfen haben, holen wir uns gemeinsam um 20.57 Uhr an der Tankstelle die Quittung. Für die gesamte Strecke von Calais nach Rom haben wir – trotz mehrerer Stopps - nur 13 Stunden und 12 Minuten benötigt und keinen Strafzettel wegen überhöhter Geschwindigkeit erhalten. Doch für welche Platzierung reicht diese Zeit? Ein Anruf beim Organisator, der mit allen Teilnehmern per Handy in Kontakt steht, gibt uns Gewissheit: Wir haben tatsächlich zusammen mit den Briten den ersten Memorial Run gewonnen.

Jetzt liegt aber noch im Dunkeln mit dem Weg zum Hotel ein schwieriges Stück vor uns. Wer in Rom schon einmal Auto gefahren ist weiß, wie chaotisch es in der italienischen Hauptstadt auf den Straßen zugeht. Doch die Navigationssoftware von MAP&GUIDE führt uns sicher und schnell durch das Wirrwarr an Straßen direkt zum Hotel, wo wir und die Briten als einzige Teams pünktlich das Buffet genießen. Nach und nach erreichen auch die anderen Teams das Hotel, wo wir alle zusammen bis 3 Uhr morgens in der Hotelbar unsere Erlebnisse, die wir sicherlich nicht vergessen werden, schildern.


Alle Wege führen nach Rom: Wir, der Volvo und der Toyota Supra umrundeten die Schweiz, zwei Teams versuchten es ein Stück über die deutsche Autobahn und der Rest durch die Schweiz. Angekommen sind wir alle ohne einen Unfall – nur zu unterschiedlichen Zeiten.

Der Memorial Run war definitiv ein überzeugendes Event für „Speed Heads“, bei dem wir die grenzenlose Freiheit auf den Straßen genießen und mit Taktik sogar das Rennen von Calais nach Rom in 13 Stunden und 12 Minuten gewinnen konnten. Wir haben unseren „Job“ in Italien mehr als erfüllt.


Das Video vom Memorial Run 2003: Download


Links:
Memorial Run: www.memorialrun.com
MAP&GUIDE: www.mapandguide.de

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