Audi Sport quattro Test: Der Kick mit der Extrem-Kante

, 30.12.2013


Der Blick wandert auf die Mittelkonsole, wo sich drei Rundinstrumente für Öltemperatur, Kühlmitteltemperatur und Öldruck befinden, um stets auf dem Laufenden zu sein, ob man pushen kann oder das Fahrzeug etwas schonen sollte. Es passt, die Öltemperatur stimmt, der Audi Sport quattro ist warm gefahren und vor uns eröffnet sich ein Alpenpanorama, das ein Künstler nicht schöner hätte gestalten können. Das Attraktivste dabei: die sich talwärts durch die Berge windende Straße, die im weiteren Verlauf den nächsten Berg erobert.

Das Gaspedal durchgedrückt, fühlt sich das Turboloch wie eine Ewigkeit an. Doch dann, bei 3.200 Touren, entlässt der Audi Sport quattro seinen Zorn und der Sportwagen prescht unbändig nach vorne. Der richtig starke Wumms folgt bei etwa 4.000 Touren - dann aber richtig. Der Fahrer muss sich geradezu beeilen, vor dem Erreichen des Drehzahlbegrenzers bei 7.500 U/min den nächsten Gang einzulegen.

Die Kraftentfaltung mit nur 306 PS ist brutal und lässt erahnen, wie brachial damals die noch stärkeren Rallye-Autos der berühmten „Gruppe B“ zu Werke gingen und den Fahrern alles abverlangten. Über die 450 PS starke Rallye-Version Sport quattro S1 sagte einst Walter Röhrl: „Im Prinzip bist du bei diesem Auto mit dem Denken schon zu langsam."

Ein Giftcocktail, den es zu beherrschen gilt

Auf Touren gekommen, brüllt der Fünfzylinder des Audi Sport quattro seine Power nur so heraus, während der Blick erneut auf die Mittelkonsole fällt: Unter den drei Rundinstrumenten befindet sich eine Taste zum Ausschalten des Antiblockiersystems ABS und ein Hebel zum Sperren des Mitten- sowie Heckdifferenzials. Mehr gab es nicht - das elektronische Stabilitätsprogramm ESP war noch nicht einmal erfunden. Beim Audi Sport quattro ist das Können des Fahrers gefragt, der seinen eigenen Sinnen vertrauen muss.

Die ersten Serpentinen: der Audi Sport quattro zeigt durch seinen kurzen Radstand, wie agil er ist, und zugleich wie nervös das Heck beim harten Anbremsen vor Kurven. Beim Einlenken folgt ein leichtes Untersteuern, das aus dem Frontmotor-Konzept resultiert. Doch der Allradantrieb zieht den Sportler geradezu durch die Kehren und ermöglicht ein starkes Herausbeschleunigen aus den Kurven.

Wer es in den Kurven auf die besonders harte Tour mag, sperrt die Differenziale und verzichtet damit gleichzeitig auf die ABS-Unterstützung. Die Kraft lässt sich über das Gaspedal bestens dosieren, während das Fahrwerk aus heutiger Sicht eher weich ausfällt, allerdings eine klare Rückmeldung bietet. Nicht so straff wie heutzutage ausgeführt sind die Bremsen - auch das war damals so.

Den Respekt vor der Gewalt dieser Fahrmaschine sollte niemand verlieren. Die Gänge bis 7.000 Touren hochgezogen und erst dann geschaltet, bleibt der Sport quattro über 4.000 Touren und bietet damit satten Schub, um den nächsten Gipfel zu erstürmen - stets begleitet von diesem abhängig machenden Fünfzylinder-Sound. Die Kupplung und die Schaltung des manuellen 5-Gang-Getriebes sind schwergängig, aber die präzise Lenkung und die Sucht nach der nächsten Kehre treiben einen immer weiter voran - diese intensive Fahrt bräuchte niemals enden.

Fast doppelt so teuer wie ein Porsche 911 Turbo

1983 betrug der Preis für den Audi Sport quattro 195.000 D-Mark und war damals das teuerste deutsche Serienfahrzeug. Ab dem 1. Januar 1985 stieg der Preis sogar auf 203.500 D-Mark. Zum Vergleich: der Porsche 911 Turbo kostete zu jener Zeit lediglich die Hälfte mit rund 100.000 D-Mark. Was den Audi Sport quattro so teuer machte, war insbesondere die kompromisslose Leichtbauweise.

Die Außenbauteile wie Front- und Heckschürze, die Kotflügel und das Dach fertigten die Macher aus einem Glas-Kevlar-Gewebe, einem faserverstärkten Kunststoff. Derweil bestand die Motorhaube aus einem glasfaserverstärkten Polyesterharz. Aluminium gelangte zur Verstärkung der Karosserie zum Einsatz. Damit wog der Audi Sport quattro nur 1.298 Kilogramm.

Fazit:

Es ist beeindruckend, wie schnell und agil dieser allradangetriebene Sportwagen auch nach 30 Jahren noch immer unterwegs ist. Die modernen Allrad-Vertreter von Audi können es zwar noch besser und beweisen die Leistungsfähigkeit der immer weiter entwickelten quattro-Technologie, die seit jeher für ein dynamisches Lebensgefühl steht. Aber an DEN Mythos und das extreme Fahrgefühl des „Kurzen“ kommen sie nicht heran. Der Audi Sport quattro bleibt in der automobilen Historie ein ganz Großer.

Unvergessen sind die Auftritte dieses kompromisslosen Sportwagens in der berüchtigten „Gruppe B“ der Rallye-Weltmeisterschaft der 1980er-Jahre und der Sieg des berühmten „Pikes Peak“-Bergrennens 1987 mit Walter Röhrl am Steuer der 598 PS starken Evolutionsstufe Audi Sport quattro S1 E2 Pikes Peak, wodurch der Audi Sport quattro endgültig zur Ikone avancierte. Walter Röhrl war es zu jener Zeit, der als Erster die 11-Minuten-Marke beim „Race to the Clouds“ knackte.

Bereits damals blieb es nur Wenigen vorbehalten, einen Audi Sport quattro zu fahren. Wer heute einen der äußerst raren Audi Sport quattro sucht, dürfte, so Audi, mittlerweile rund 200.000 Euro für ein gut erhaltenes Exemplar bezahlen - sofern sich überhaupt eines zum Verkauf finden lässt.


Technische Daten Audi Sport quattro:

Antriebsart: Allradantrieb | Hubraum: 2.133 cm³ | Leistung: 225 kW/306 PS | Drehmoment: 350 Nm bei 3.700 U/min | Vmax: 250 km/h | Beschleunigung 0-100 km/h: 4,9 Sekunden | Preis: 195.000 D-Mark (1984)

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