Volvo S80 V8 AWD Test - Bei dem piept's wohl!

, 24.11.2010


„Passen Sie bloß auf, wenn Sie auf das Gaspedal treten“, werde ich vom Überbringer des Schweden aufgeklärt, als ich ihn zum Bahnhof bringe. „Der geht ab wie nix gutes!“ Ich bringe ein kleines Lächeln auf, um der lieb gemeinten Warnung Aufmerksamkeit zu zollen. Der Überbringer ist voll des Lobes, geradezu euphorisch. Der Schwede hat bei ihm großes geleistet, wie es scheint. Nun ja, er ist auch nicht der Kleinste. Mit einer recht imposanten Länge von 4,80 m bewegt er sich auf dem Level von A6, 5er und E-Klasse. Mit Audi teilt er sich sogar eine Gemeinsamkeit. In der Basis gibt’s einen dicken Happen mit schlappem Motor und freundlich untersteuerndem Fahrverhalten dank Frontantrieb. Aber in der Vollendung gibt es Hubraum, Sound und Allrad. Quasi existenzielle Grundbedürfnisse eines jeden Mannes. Fakten auf den Tisch, der Schwede hat einen Namen: Volvo S80.

Faszinierend, wie der Freundes- und Bekanntenkreis auf das Fahrzeug reagiert. „Was fährste denn jetzt wieder für eine Protzkarre“ werde ich gefragt. Volvo und mein Bekanntenkreis scheinen irgendwie nicht per Du zu sein, denn kaum erwähnte ich das böse V-Wort, folgte bloß ein: „Aha…“ Noch nicht einmal den Hauch einer Chance bekam ich, um zu erwähnen, dass hier ein schick verpackter V8 unter der Haube wütet. Stattdessen kam eine faszinierende Ansammlung von Desinteresse zum Vorschein. Nun gut, das hält mich aber trotzdem nicht davon ab, den S80 drei Wochen lang auf Herz und Nieren zu testen.

Außen: nordisch kühles Understatement

Das äußere Antlitz ist alles andere als protzig. Man übt sich in nordisch kühlem Understatement. Im Gegensatz zu seinen Konkurrenten der Oberklasse, möchte der S80 seine Fahrgäste unauffällig von A nach B bringen. Von einer aggressiven Front im Stil von BMW oder vom pompösen Auftritt eines Mercedes, entfernt sich der S80 soweit es geht. Mit diesem Auto darf man den Luxus der Oberklasse genießen, ohne den Neid der Umwelt zu spüren. Das ist gewollt und kommt besonders in den USA, wo der Hauptabsatzmarkt des S80 ist, gut an.

Gleich zu Anfang geht es zu einem Termin nach Süddeutschland. So durfte sich der Achtzylinder sofort einem Reisetest unterziehen. Dabei fiel besonders die Soundkulisse angenehm auf. Der Klang liegt irgendwo zwischen dem sonoren Grummeln eines Mercedes und der faszinierenden Laufruhe eines Lexus. Nicht zu laut und nicht zu leise. Genau der richtige Ton für ein Familienauto. Besonders lustig ist es anzusehen, wenn man den Motor an der Ampel kurz aufheulen lässt. Denn darauf versucht die männliche Gattung dem Sound ein Gesicht zu geben... und sie schauen alle gnadenlos am Volvo vorbei.

Auch Innen: Understatement trotz V8-Aggregat

Dieses Understatement macht den Volvo S80 noch interessanter. Dank eines satten Hubraums von knapp viereinhalb, schickt das nett anzuschauende V8-Aggregat 315 Pferde auf die Räder. Mit einem maximalen Drehmoment von 440 Nm spurtet der Schwede in nur 6,5 Sekunden von 0 auf 100. Der Vorwärtsdrang endet erst bei Tempo 250. Das Fahrwerk könnte, trotz verstellbarer Dämpfungsstufen, zumindest im Sportmodus ein ganzes Stück straffer sein. Ab Tempo 220 fühlen sich die 1,8 Tonnen Leergewicht doch recht schwammig an. Die Automatik funktioniert dabei jedoch tadellos. Man merkt schnell, dieses Auto ist voll und ganz auf den amerikanischen Markt zugeschnitten.

Auch der Innenraum gibt sich zurückhaltend. Dennoch wirkt er gut verarbeitet und alle Schaltelemente fühlen sich gut an. Die Ledersitze sind bequem, bieten allerdings kaum Seitenhalt. Alles sitzt an seinem Platz und das Navigationssystem kommt nur bei Bedarf aus der Mittelkonsole hervor. Bedient wird sie über eine simple Steuerung, direkt am Lenkrad. So muss der Fahrer auch während der Fahrt nicht die Hände vom Lenkrad nehmen. Im Fond dürfen sich die Beifahrer über ein DVD Multimedia System (optional) freuen.

Einen besonderen Härtetest hatte der S80 als Hochzeitsauto zu überstehen. Hübsch dekoriert hieß es nun die Braut samt Bräutigam sicher von der Kirche zur abendlichen Feier zu geleiten. Und er enttäuschte nicht ein Stück. Der geräumige Fond ließ genug Platz für den großen Bräutigam und die Braut, mit ihrem doch sehr pompösen Kleid. Der laufruhige V8 schnurrte vor sich hin und die komfortabel abgestimmte Federung brachte die beiden glücklich Vermählten zu Feierlocation. Ein perfekter Abend mit einem scheinbar perfekten Gentleman.

Volvo S80, bei dem piept's wohl

Am nächsten Tag ging es mit zwei hübschen Ladys im Gepäck von Hamburg nach Rostock. Unter Vollgas schnell zu bewältigen. Bis Tempo 180 erledigte der S80 dies auch souverän. Doch hier zeigte sich, dass sich die Damen bei höheren Geschwindigkeiten eher unwohl fühlten. Das ist besonders interessant, weil die Beiden zuvor in einem bayrischen Fabrikat mitfuhren und dort selbst bei 250 Sachen die komplette Fahrt über geschlafen haben.

Der Schwede schafft es sogar, den Fahrer und Mitfahrer konsequent in den Wahnsinn zu treiben. Denn der S80 piept nicht nur an allen Ecken, er setzt noch visuell eins drauf und nutzt die gesamte optische Wahrnehmung des Fahrers mittels aufblinkender LED-Lights.

In der Praxis kann man sich das in etwa so vorzustellen: Fahre ich zu nah auf oder jemand schiebt sich auf der Autobahn vor mich leuchten in der Windschutzscheibe rote LEDs auf. Ok, soweit ist es noch auszuhalten. Wird’s dem Dicken dann doch ein bisschen zu heikel, kommt noch ein wenig mehr Licht dazu und ein wunderbar nerviger Warnsound. Besonders cool kommt dies, wenn meilenweit Niemand vor einem fährt und sich aus heiterem Himmel das Warnsignal anschaltet.

Oder nehmen wir die Parksensoren. Im Grunde genommen sind akustische Parksensoren ein Segen für Jedermann. Wenn diese sich allerdings an jeder zweiten Ampel einschalten und zudem das Radio automatisch leiser wird, fängt es durchaus an unentspannt zu werden. Noch nicht genug? Hey, da haben wir noch die tolle Funktion des Lane Assistent, der darauf achtet, dass man auch brav in der Spur bleibt.

Was bei anderen Herstellern gerne per Vibrieren im Lenkrad signalisiert wird, gibt der Schwede mit einem weiteren herrlichen Piepskonzert wieder. Das treibt den Fahrer, besonders auf den vielen Autobahnbaustellen, in den Wahnsinn. Einzig der wirklich perfekt abgestimmte Abstandsradar mit Tempomat und der Rechte-Winkel-Warner in den Außenspiegeln, sind wirklich exzellente Gimmicks, auf die man ungern wieder verzichtet. Und den Rest kann man ja zur Not auch abschalten.

Der Kofferraum riskiert keine große Klappe

Auch die Heckklappe verdient eine Rüge. Meist wird er in den Fahrberichten von mir ignoriert, der Kofferraum. Solange mein Reisekoffer samt Fotosachen oder auch die Einkäufe aus dem Supermarkt souverän verstaut werden können, reicht mir das vollkommen aus. Wenn allerdings noch nicht einmal ein handelsüblicher Umzugskarton durch die unpraktische Luke in den Kofferraum passt, ist das ein Defizit, das es zu erwähnen gilt.

Fazit: Laufruhiges Reisegefährt mit Understatement-Faktor

Der Volvo S80 V8 ist ein harmonisches Automobil für Käufer, die Wert auf Understatement und Laufruhe legen. Der Motor ist ein kleines Sahnestück, was man leider nicht von der viel zu schwammigen Federung behaupten kann. Hohe Geschwindigkeiten werden von Mitfahrern als unangenehm empfunden und auch das Lenkrad gibt viel zu wenig Feedback von der Straße wieder. Außerdem stört der viel zu kleine Kofferraumdeckel, durch den noch nicht einmal ein handelsüblicher Umzugskarton passen will.

Es ist schade, dass der Wagen, trotz des adaptiven Fahrwerks immer noch so amerikanisch schwammig rüberkommt. Mit ein paar Optimierungen an dem Fahrwerk hätte der S80 auch in Europa wesentlich mehr Fans. Wer es jedoch nicht eilig hat und die Laufruhe eines V8 zu schätzen weiß, hat hier einen angenehmen Reisegefährten gefunden… bis dieser anfängt zu piepen...

Datenblatt Volvo S80 V8 AWD:

Hubraum: 4.414 cm³ | 232 kW (315 PS) bei 5.950 U/min | 440 Nm bei 3.950 U/min | Vmax: 250 km/H | Beschleunigung 0- 100 km/h in 6,5 s | Co2 Emission g/km: 284 g (EU 5) | Durchschnittsverbrauch: 12,1 l/100 km | Gewicht nach DIN: 1.792 kg | Preis: ab 59.360,00 EUR inkl. MwSt.

1 Kommentar > Kommentar schreiben

13.03.2010

Bezieht sich der angegebene Verbrauch (12,1 Liter) auf die Werksangabe? Wenn ja, wieviel hat er denn während des Tests konsumiert? Gruß


Jetzt bewerten

Zum Bewerten musst Du registriert und eingeloggt sein.

Weitere Volvo-Testberichte

Junger Schwede mit alten Qualitäten: Testbericht …

Es soll ein Premium-Kombi sein? Aber bitte nicht die üblichen Verdächtigen von Audi, BMW und Mercedes, die sich Tag für Tag, von gestressten Vertretern nahe der Schmerzgrenze bewegt, in Massen auf Autobahnen …

Fahrbericht Volvo C30: Der Schneewittchensarg

Waren die Erwartungen zu hoch geschraubt, und die Kaufinteressenten sahen sich von der Wirklichkeit enttäuscht? Traut man Volvo kein dynamisches Kompaktfahrzeug zu? Wir wollten an Bord eines Volvo C30 2.4i …

Volvo C70: Sommerfrisch und winterfest

Immer mehr Cabrios mit Stahldach kommen auf den Markt. In der Mittelklasse ist die Auswahl jedoch noch eher klein. Dabei vereint ein offener Viersitzer wie der Volvo C70 Oben-Ohne-Sommerspaß, …

Der Kompakt-Elch: Volvo V50 FlexiFuel

Volvo will mit dem V50 FlexiFuel den Spaß ins Autofahrerleben zurückbringen. Der kompakte Kombi verarbeitet in seinem 1,8 Liter-Vierzylinder-Triebwerk sowohl herkömmliches Superbenzin als auch E85 …

Volvo XC 70 Ocean Race

Der Schwede bringt eine stattliche Dosis Eleganz und Sportlichkeit mit. Für nur 2,4 Liter Hubraum stehen dem Diesel Motor mit 185 PS zur Verfügung. Schub ist zwar jederzeit vorhanden, doch die …

AUCH INTERESSANT
Alfa Romeo Driving Academy: Der Weg in den Grenzbereich

AUTO-SPECIAL

Alfa Romeo Driving Academy: Der Weg in den Grenzbereich

Das V6-Triebwerk erwacht zum Leben. Vor mir liegen 2,35 Kilometer Rennstrecke, während in der Boxengasse noch Ruhe herrscht. Die Alfa Romeo Giulia Quadrifoglio ist bereit: 520 PS, Hinterradantrieb, …


TOP ARTIKEL
Denza Z: 1.604 PS und 350 km/h aus China
Denza Z: 1.604 PS und 350 km/h aus China
BMW X5 2027: Der große Check - Alle Daten und Preise
BMW X5 2027: Der große Check - Alle Daten und …
Traumstraße Amalfitana: Die besten Hotspots der Amalfiküste
Traumstraße Amalfitana: Die besten Hotspots der …
News-Abo
Jeden Morgen kostenlos per E-Mail:
Aktuelle Artikel
BMW 3er 2027: Der Blick hinter die Kulissen
BMW 3er 2027: Der Blick hinter die Kulissen
Bridgestone Blizzak 6: Wenn der Winter wieder ernst macht
Bridgestone Blizzak 6: Wenn der Winter wieder …
Chery Batterie: 24 Stunden im Salzwasser - hält der Akku?
Chery Batterie: 24 Stunden im Salzwasser - hält …
Alfa Romeo Driving Academy: Der Weg in den Grenzbereich
Alfa Romeo Driving Academy: Der Weg in den …
Denza Z: 1.604 PS und 350 km/h aus China
Denza Z: 1.604 PS und 350 km/h aus China


Speed Heads - Sportwagen- und Auto-Magazin

Das Auto und Sportwagen Magazin mit täglich aktualisierten Auto News, Motorsport News, Auto Tests, Sportwagen Berichten und der streng geheimen Auto Zukunft. Speed Heads ist die Community für echte Auto-Fans und informiert im Sportwagen Magazin über Neuigkeiten aus der Welt der schnellen Autos.

  • emotiondrive Logo
  • Motorsport Total Logo