Das Audi-Dilemma 2015: Bestes Auto, aber kein Titel

, 22.10.2015

Audi gewinnt 2015 mehr als die Hälfte aller Rennen, ist mit drei Fahrern im Kampf um die Meisterschaft vertreten, nimmt am Ende der Saison aber trotzdem keinen Titel mit

Auf den ersten Blick dominierte Audi die DTM-Saison 2015: Die Ingolstädter gewannen zehn der 18 Rennen, brachten drei Piloten auf die ersten vier Meisterschaftsränge und krönten ihr tolles Jahr in Hockenheim sogar mit einem Dreifacherfolg durch Jamie Green, Mattias Ekström und Edoardo Mortara. Was nach einer tollen Erfolgsgeschichte klingt, ist aber tatsächlich genau das Gegenteil: 2015 ist für Audi ein Dilemma, denn trotz der zahlreichen Erfolge konnte man keinen einzigen Titel einsacken.

Pascal Wehrlein schnappte sich den Fahrertitel, sein HWA-Rennstall hatte in der Teamwertung die Nase vorne und der Herstellertitel ging in diesem Jahr an BMW. Statt einer großen Party stand bei Audi so am Sonntagabend nach dem Hockenheim-Finale eher Ursachenforschung auf dem Plan. Warum nimmt der Hersteller, der augenscheinlich das stärkste Auto im Feld hat, keinen einzigen Titel aus der Saison mit?

"Das ist wirklich sehr traurig", gesteht Audi-DTM-Leiter Dieter Gass nach dem letzten Saisonrennen und erklärt: "Wir haben einen Dreifachsieg, aber ich bin trotzdem richtig sauer." Denn während man den Fahrertitel bereits beim Rennen am Samstag an Wehrlein verlor, bestand am Sonntag immerhin noch die theoretische Chance auf den Herstellertitel. Doch obwohl Audi am Hockenheim-Wochenende satte 75 Zähler mehr holte, rettete BMW am Ende einen Vorsprung von sieben Punkten über die Ziellinie.

Zu viele "Nuller"

Kurios: Die Münchener holten lediglich fünf Siege, also gerade einmal halb so viele wie Audi, und waren eigentlich nur an den Wochenenden in Zandvoort und Oschersleben wirklich stark. "Wenn es für den BMW gelaufen ist, dann ist es richtig gut gelaufen und sie haben richtig Punkte gemacht. Wenn es für uns nicht gelaufen ist, dann ist es richtig schlecht gelaufen und wir haben fast gar keine Punkte gemacht", sucht Gass nach einer Erklärung.

Hinzu kommt außerdem, dass Audi nach dem Schieb-ihn-Raus-Skandal keine Punkte für das zweite Rennen in Spielberg erhielt. Diese fehlenden Zähler hätten den Ingolstädter zum Titelgewinn gereicht. Trotzdem sucht Gass die Schuld in erster Linie bei Audi selbst. "Man muss sehen, dass man immer punktet", weiß er und ergänzt: "Das haben wir nicht geschafft, das muss man halt so zugeben."

"Wir haben sehr viele gute Ergebnisse, aber wir haben auch viele Null-Punkte-Ergebnisse." Genau das hat Audi im Titelkampf 2015 am Ende des Genick gebrochen. Auch ein Dreifacherfolg in Hockenheim ist im System der DTM eben wenig wert, wenn man nur magere sechs Punkte am gesamten Wochenende in Oschersleben beziehungsweise 14 an beiden Tagen in Zandvoort einfährt.

Green setzt mehr Highlights als Wehrlein

Noch bitterer dürfte der Verlust des Fahrertitels sein. "Jamie tut fast noch mehr weh", gesteht auch Gass. Green gewann vier Saisonrennen und damit doppelt so viele wie Champion Wehrlein. Außerdem drehte er mehr schnelle Runde und holte mehr Poles als der Mercedes-Pilot - es half ihm alles nichts. "Das Problem war, dass ich in diesem Jahr zu viele Nuller hatte", weiß der Brite.

"Dafür gab es verschiedene Gründe. Im Nassen war meine Performance nicht so gut. Es gab zwei Regenrennen und in keinem habe ich gepunktet", erinnert der Vizechampion und erklärt: "Wenn du es in dieser Meisterschaft nicht perfekt hinbekommst, dann bist du im Nirgendwo. So ging es mir im Regen in diesem Jahr." Außerdem schied Green in Spielberg in Führung liegend mit einem Defekt aus.

So bezeichnet er seine Saison rückblickend betrachtet zwar als "vielleicht meine stärkste Saison als DTM-Fahrer", einen Preis gibt es dafür allerdings nicht. 19 Punkte fehlen ihm am Ende des Jahres auf Wehrlein. Es sind Punkte, die der Brite vor allem zur Saisonmitte verloren hat. Nachdem er drei der ersten vier Rennen gewinnen konnte, ging er auf dem Norisring, in Zandvoort und in Spielberg fünfmal in Folge leer aus.

Sechs Sieger, aber kein Champion

Besonders bitter für Audi: Von den acht Piloten konnten sechs Fahrer 2015 mindestens ein Rennen gewinnen. Neben Green, Ekström und Mortara waren auch Mike Rockenfeller, Miguel Molina und Timo Scheider siegreich. "Das ist grundsätzlich schön, denn unsere Philosophie war immer, dass wir einen ausgeglichenen Fahrerkader haben wollen. Das haben die Fahrer in diesem Jahr überwiegend bewiesen", erklärt Gass.

Gleichzeitig weiß er aber auch: "Wenn man eine Meisterschaft gewinnen will, gehört aber natürlich mehr dazu." Auch hier macht er am Ende wieder fehlende Konstanz für den Verlust der Meisterschaft verantwortlich. So punktete Green nur in neun der 18 Rennen und auch die Markenkollegen Ekström und Mortara gingen sieben beziehungsweise achtmal leer aus. So sei es "extrem schwer, eine Fahrermeisterschaft zu gewinnen."

So hatte Audi während der Saison punktuell zwar deutlich mehr Erfolgserlebnisse als die Konkurrenten von BMW und Mercedes, am Ende des Jahres jubeln aber nur die anderen. Für die Saison 2016 muss das Ziel daher ganz klar sein, größere Konstanz in die Ergebnisse zu bringen. Ansonsten dürfte auch die Saisonabschlussfeier im kommenden Jahr wieder deutlich kleiner ausfallen als gehofft.

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