Teamchef-Tagebuch: Ein DTM-Wochenende aus Teamchef-Sicht

, 08.09.2017

Ein Wochenende der DTM 2017 aus der Sicht eines Teamchefs: 'Motorsport-Total.com' hat Ernst Moser in Zandvoort ein Wochenende lang begleitet

Neben den Fahrern ist er das Gesicht und die gute Seele eines Rennstalls. Bei ihm laufen alle Fäden zusammen und oft hört man ihn über den Funk zu den Fahrern im Auto sprechen: der Teamchef. Welche Aufgabe hat ein Teamchef und wie verbringt er ein DTM-Rennwochenende? Was passiert hinter verschlossenen Türen bei den Meetings mit Fahrern, Ingenieuren und Sportchefs? Der Sache wollte 'Motorsport-Total.com' nachgehen und hat Phoenix-Teamchef Ernst Moser bei der DTM in Zandvoort ein Wochenende lang begleitet.

Seit 2000 ist Phoenix Racing in der DTM unterwegs, damals noch als Opel-Werksteam. 2006 wechselte das Team mit Sitz in Meuspath zu Audi und gewann seitdem zweimal den DTM-Titel in der Fahrer- und Teamwertung. Viermal stellte die Phoenix-Crew den besten Audi-Piloten in der Gesamtwertung. Von Anfang an dabei war Ernst Moser. Im Teamchef-Tagebuch schildert er den Ablauf eines Rennwochenendes aus der Sicht eines DTM-Teamchefs.

Das Rennwochenende in Zandvoort steht traditionell für das Ende der Sommerpause in der DTM. Durch die idyllische Lage direkt an der niederländischen Nordseeküste und den Termin im August herrscht Urlaubsfeeling im DTM-Fahrerlager. Kein Wunder, dass es für viele DTM-Beteiligte eine der Lieblingskurse im Kalender ist. Auch für den Teamchef von Phoenix, Ernst Moser. Er verbindet mit dem Dünenkurs ein spezielles Ritual. "Wenn ich in Zandvoort ankomme, dann kaufe ich mir zuerst ein Fischbrötchen", verrät er im Gespräch mit 'Motorsport-Total.com'.

Rituale müssen eingehalten werden

"Das ist eine Tradition geworden, wie am Nürburgring eine Bratwurst zu essen. Das gehört hier einfach dazu und ist für mich ein kleines Highlight. Dann bin ich auch in Zandvoort angekommen und das Wochenende kann losgehen!", erzählt der Audi-Mann voller Begeisterung. Und die wird nach dem Rennen am Sonntag noch größer sein. Seine Fahrer Mike Rockenfeller und Loic Duval sorgen mit einem Doppelsieg für strahlende Gesichter beim Teamchef und seiner Crew. Doch bevor es soweit war, stand für Moser und Co. ein arbeitsreiches Wochenende auf dem Programm. Aber der Reihe nach.

Am Donnerstag geht es vom Teamsitz in Meuspath nahe des legendären Nürburgrings mit dem Auto in die Niederlande. Nach einer rund dreistündigen Fahrt gönnt sich Ernst Moser erst einmal sein heißgeliebtes Fischbrötchen und startet dabei auf seine Weise ins Zandvoort-Wochenende. Bei Ankunft im Fahrerlager wird zuerst die Mannschaft begrüßt, die schon am Vortag mit den Aufbauarbeiten der Box begonnen haben. Nach einem kurzen Check, ob auch alles nach den Wünschen und Vorstellungen des Teamchefs aufgebaut wurde, geht es für Moser zum Track Walk mit den Ingenieuren und den beiden Fahrern Rockenfeller und Duval.

Nach der langen Autofahrt am Vormittag ist der Spaziergang um den 4.307 Meter langen Kurs eine willkommene Gelegenheit, sich die Beine zu vertreten. "Der Track Walk dauert normalerweise eine Stunde. Dabei sprechen wir über die verschiedenen Linien und die besonderen Gegebenheiten einer Kurve. Diese Diskussionen nimmt der Fahrer an, oder aber auch nicht", schmunzelt der DTM-Teamchef. Die Streckeninspektion ist aber nicht nur dazu da, dass man einmal "herumläuft", sondern "man schaut sich die Bodenwellen und die Möglichkeiten zum Überholen an".

Langes Warten am Freitag

Zurück im Fahrerlager folgt ein kurzes Meeting mit den Teammitgliedern und dann geht es schon bald zurück ins Hotel. "Das Wochenende wird noch anstrengend genug, da muss man nicht unnötig lange an der Strecke bleiben, wenn es nicht unbedingt sein muss", sagt Moser.

Am Freitag geht es um 8:00 Uhr morgens an die Strecke. Dort begrüßt der Phoenix-Teamchef zuerst seine Mannschaft bevor es zum teaminternen Event-Start-Meeting mit den Fahrern und Ingenieuren in den Besprechungsraum im LKW geht. "Dabei wird besprochen, welches Programm wir für das erste Freie Training am Freitagabend geplant haben: wollen wir Long-runs oder Short-runs fahren", erklärt er. Im anschließenden Start-Meeting mit Audi, welches durch Audi-Motorsportchef Dieter Gass geführt wird, finden sich die Teamchefs und alle sechs Fahrer der drei Audi-Teams von Abt, Rosberg und Phoenix ein.

"In dieser Besprechung werden wir über Neuheiten, z.B. Reglements-Änderungen, und interne Themen informiert", gibt Moser einen Einblick in das Geschehen hinter verschlossenen Bürotüren. "Es wird außerdem die Richtung für das Wochenende besprochen: Was wollen wir erreichen und was sind die Ziele. Anschließend kommen die Ingenieure aller Teams dazu - dann geht es um das technische Update für alle und die Aufgabenverteilung für das erste Freie Training."

Meetings, Meetings, Meetings...

Er ergänzt: "Dabei geht um den Set-up-Abgleich der sechs Autos von Audi und welcher Fahrer welches Programm fährt, sodass wir schon am Freitagabend so viele Daten wie möglich gesammelt haben." Die Audi-Teams tauschen die im Training gewonnen Daten und Erkenntnisse untereinander aus, um das bestmögliche Resultat für die Ingolstädter einzufahren. Im Anschluss daran geht es für Moser zurück zu seinem Phoenix-Team, wo er die Crew über den Trainingsablauf informiert.

Meetings, Meetings, Meetings - und dabei sind die Autos noch gar nicht gefahren! "Der Freitag ist für mich immer der schlimmste Tag des Wochenendes", gesteht Moser. "Am Freitagabend gibt es ein halbstündiges Training, das für den Verlauf des Wochenendes sehr wichtig ist. Aber man fängt morgens um 9 Uhr schon an. Da zieht sich der Tag ganz schön in die Länge." Um die Zeit zwischen Meetings und Trainings zu überbrücken, schiebt er schon mal gerne ein bis zwei Stunden "normaler" Büroarbeit dazwischen.

Nach dem Mittagessen finden sich die 18 DTM-Fahrer und ihre Teamchefs zur Fahrerbesprechung mit Renndirektor Sven Stoppe ein. Dabei werden Angelegenheiten und Vorkommnisse vom vorangegangenen Rennen besprochen und auf besonderes Fahrverhalten auf dem Dünenkurs in Zandvoort hingewiesen.

Und los geht's!

Um 17 Uhr ist es endlich soweit: die Boxenampel schaltet auf Grün und leitet mit dem Beginn des ersten Freien Trainings den Startschuss für das Rennwochenende ein. "Von da an ist der Adrenalinspiegel höher, und da beginnt für mich das Wochenende erst so richtig", sagt der Phoenix-Teamchef. "Und, egal wie es im ersten Training für uns läuft, danach haben wir die ersten Ergebnisse. Erst dann wissen wir, ob das Auto gut ist oder nicht."

Für die Mechaniker ist spätestens drei Stunden nach Ende der Session Schluss. Doch für Moser und die Ingenieure stehen noch die Auswertung der Daten und Diskussionen über die Fahrzeugeinstellung für den nächsten Tag auf dem Plan. "Normalerweise arbeiten wir bis in die Nacht daran, die Entscheidungen bezüglich Set-up für den Samstag zu treffen", verrät der Teamverantwortliche.

Der Samstag beginnt für Teamchef Moser um 7:30 Uhr mit der Abfahrt zur Rennstrecke gefolgt von einem stärkenden Frühstück in der Audi-Hospitality. "Der Samstag ist das komplette Gegenteil vom Freitag: es gibt keine Zeit zum Verschnaufen, es geht Schlag auf Schlag. Du bist gerade mit einem Meeting fertig, dann geht schon wieder das nächste los. Die Langeweile vom Freitag ist vorbei", fasst Moser den ersten Renntag zusammen.

Rund 90 Prozent des Tages verbringt er in Meetings mit Audi, den Fahrern und Ingenieuren. Dabei agiert der Teamchef oft als Sprachrohr und Kommunikator zwischen Hersteller, Ingenieure und Mechaniker.

Um 8:20 Uhr steht das erste Meeting des Tages auf Mosers Terminplan. "Morgens haben wir unser großes Audi-Meeting mit allen Fahrzeug-Ingenieuren, um mehr Input zu bekommen und die Aufgabenverteilung, beispielsweise das Set-up, festzulegen. Anschließend findet unsere teaminterne Besprechung statt, um die Mechaniker zu informieren, was die Ingenieure vorhaben. Für mich ist es wichtig zu wissen, wann die Autos an die Box kommen, um das Boxenstopp-Training vom Kommandostand aus zu koordinieren", erklärt der Phoenix-Teamchef.

Von 9:45 bis 10:15 Uhr haben die Fahrer im zweiten Freien Training die Möglichkeit, die Änderungen, die über Nacht am Auto vorgenommen wurden, zu testen und ihre Eindrücke an ihre jeweiligen Renningenieure weiterzugeben. "Nach dem Training haben die Fahrer Zeit, sich mit ihren Ingenieuren auszutauschen. Erst dann gibt es ein größeres Meeting mit Audi, wo man sich untereinander noch einmal austauscht. Denn nach dem Qualifying darf am Auto nichts mehr verändert werden. Das heißt, das, was wir nach dem zweiten Freien Training entscheiden, das bleibt auch so im Rennen", erklärt Moser.

"Es gibt immer Diskussionen"

Manchmal müssen die Teams Kompromisse in der Fahrzeugabstimmung machen, sagt er: "Es gibt immer Diskussionen: Gehen wir auf eine reine Qualifying-Performance oder nicht? Oder wollen wir ein gutes Auto über die Renndistanz haben? Machen wir einen frühen Boxenstopp? Wie viele Reifensätze verwenden wir?"

Fragen über Fragen, die beantwortet werden müssen. Doch eines ist meistens gleich. "Der Fahrer will in der Startaufstellung natürlich immer vorne stehen", so der Teamchef von Phoenix. "Aber man muss ihn fragen, ob er nicht lieber zwei, drei Plätze in der Startaufstellung weiter hinten in Kauf nehmen kann, um im Rennen dafür schneller zu sein." Dementsprechend wird über das Set-up des DTM-Autos entschieden, "mit dem wir leben müssen, denn danach darf nichts mehr verändert werden".

Um 11:40 Uhr beginnt der Kampf um die Pole-Position für das erste Rennen am Nachmittag. "Das Qualifying dient der Strategie-Vorbereitung für das Rennen", sagt Moser. "Für mich ist wichtig, die Autos von da, wo sie starten, so weit wie möglich nach vorne zu bekommen und wir müssen überlegen, wie wir das durch die Strategie erreichen können."

Interview-Termine für den Teamchef

Im Meeting-Bus von Audi werden die Strategien der sechs Audi-Fahrer besprochen und festgelegt. "Jeder sagt, was er vorhat. Audi hat auch Wünsche, die dann diskutiert werden. Es hat keinen Sinn, wenn alle sechs Autos in der ersten Runde an die Box kommen", schildert Moser, was hinter den Kulissen geschieht. "Es wird auch über die Konkurrenz gesprochen: was erwarten wir von ihnen, wie gehen sie vor und wie reagieren wir darauf."

Anschließend kehrt Moser zu seinem Team zurück und informiert seine Mannschaft über die Ergebnisse des Audi-Meetings. Zwischen Mittagssnack und Rennstart steht für Ernst Moser ein weiterer wichtiger Termin auf dem Plan. Um 12:30 Uhr steht er den DTM-Fans in der Audi-Fan-Area im Interview Rede und Antwort und schreibt fleißig Autogramme. "Interviews zu geben war mein wunder Punkt", verrät Moser, "aber ich habe daran gearbeitet und es klappt immer besser, auch ohne nervös zu werden."

Und kurz darauf ist es endlich soweit: die Autos fahren in die Startaufstellung. Vom Kommandostand aus koordiniert Moser das Geschehen auf der Strecke und in der Box. "Am Kommandostand sitzen die Fahrzeug- und Dateningenieure und ein Stratege, der auch im Kontakt mit der Rennleitung steht. Pro Auto stehen drei Mann parat, bei einem Auto bin ich selbst im Kontakt mit der Rennleitung", erzählt der Teamchef.

Moser kein Freund des Funkverbots

Vor der Saison 2017 wurde in der DTM das Funkverbot eingeführt. Deshalb darf das Team den Fahrern während dem Rennen keine Informationen per Boxenfunk geben. Nur während einer Safety-Car-Phase oder wenn sich das Auto in der Boxengasse befindet dürfen die Ingenieure mit ihren Piloten kommunizieren. "Früher konnten wir die Fahrer im Rennen über Funk lenken. Heute geht das nur noch, wenn es eine Safety-Car-Phase gibt oder das Auto in der Boxengasse ist. Dann reden alle auf einmal und man versteht gar nichts mehr. Es wird versucht, dem Fahrer so viele Informationen wie möglich zu geben. Aber vieles geht oft einfach unter", sagt Moser, der kein Freund des Funkverbots ist: "Mir gefällt es nicht. Aber es gehört nun einmal zum Reglement und man muss damit leben."

Die Boxentafel, auf der im Rahmen des verschärften Funkverbots nur das Wort Box stehen darf, signalisiert dem Fahrer, am Ende der Runde zum Reifenwechsel an die Box zu kommen. Die Koordination des Boxenstopps und das Zeigen der Boxentafel liegt in der Verantwortung des Teamchefs.

Manchmal juckt es Moser und seine Kollegen am Kommandostand aber doch, auf eine Frage des Fahrers zu antworten. Doch dann schreitet der Teamchef ein und erinnert an das Funkverbot. "Ich funke dem Ingenieur manchmal zu und sage ihm: 'Bloß nicht darauf antworten!' Man muss sich manchmal dran erinnern, dass man mit ihm nicht sprechen darf. Wir hören den Fahrern dann zu und nicken manchmal zustimmend", grinst er.

Puls steigt im Qualifying...und bleibt hoch

Nach dem Rennen fällt beim Teamchef ein Teil der Anspannung ab. "Im Qualifying ist der Puls am höchsten", gesteht er. "Da fängt die Anspannung an und hört auch bis nach dem Rennen nicht mehr auf. Es wird etwas weniger, wenn der Boxenstopp absolviert ist, denn danach können wir vom Kommandostand aus nichts mehr machen. Wir schauen uns das Rennen an und hoffen, dass die beiden ein gutes Ergebnis einfahren."

Für seine beiden Fahrer findet Moser nach dem Überqueren der Ziellinie lobende Worte. Während Rockenfeller und Duval nach dem Rennen sich den Medienvertretern im Pressezentrum stellen, wird bei den Ingenieuren fleißig an der Datenauswertung gearbeitet. "Im Debrief besprechen wir, wie gut das Auto war und was wir für den nächsten Tag - und zugleich das nächste Rennen - verbessern können. Bis zum Parc ferme versuchen wir, so viele Set-up-Änderungen wie möglich durchzuführen. Alles Weitere erledigen wir am nächsten Morgen."

Und der nächste Tag, der Sonntag und finale Renntag in Zandvoort, verläuft ähnlich wie der Samstag - mit dem kleinen aber feinen Unterschied, dass bei Phoenix nach dem Rennen die Champagnerkorken knallen. Als Mike Rockenfeller und Loic Duval als Zweiter und Dritter die Ziellinie hinter Sieger Marco Wittmann überqueren, ist die Freude groß beim Team aus der Eifel. Doch damit nicht genug: Weil im Tank von Wittmanns BMW zu wenig Restbenzin ist, wird der Fürther nachträglich disqualifiziert und Rockenfeller zum Sieger erklärt. Gemeinsam mit DTM-Neuling Duval macht "Rocky" den Doppelsieg für das Team Phoenix perfekt.

Im Freudentaumel über den Erfolg fällt der gesamten Mannschaft das Abbauen der Box und packen der Kisten deutlich leichter. Am frühen Montagmorgen machen sich die Truckies in ihren LKWs auf die Heimreise in die Eifel. Dort findet am Wochenende (9./10. September) das DTM-Heimspiel von Phoenix statt. Und am liebsten wäre es Ernst Moser und seiner Truppe, wenn auch dort nach dem Rennen wieder die Champagnerkorken nach einem Sieg knallen.

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