37.542 Euro für Privatjet: So rettete Mercedes Lewis Hamilton

, 02.05.2016

Um ein neues Benzinsystem nach Sotschi zu bekommen, starte Mercedes eine irre Nacht- und Nebelaktion - Bernie Ecclestone "kümmerte" sich um den Zoll

Was kostet es, einen zweiten Platz in einem Formel-1-Grand-Prix einzufahren? Im Falle Lewis Hamiltons und des Rennens in Sotschi am Sonntag lässt sich diese Frage auf den Cent genau beantworten: 43.000 US-Dollar, das sind umgerechnet 37.542 Euro. Diese Summe investierte Mercedes, um in einer Nacht- und Nebelaktion ein neues Benzinsystem für den streikenden W07 des Briten nach Russland einzufliegen. Bis das Teil im Auto werkelte, spielte sich ein Bürokratie-Krimi ab.

Nötig geworden war die Luftbrücke, weil Mercedes wieder den bis zum nur scheinbar aufgeklärten Qualifying-Defekt in China eingesetzten Motor mit neuer MGU-H und neuem Turbolader in den Rennbetrieb bringen wollte. Vorteil: Weil die Komponente gemäß der Antriebsregeln "aktiviert" war, handelte es sich um einen straffreien Tausch, der keinen Start aus der Boxengasse nach sich zieht. Das Problem: Die schon in Sotschi befindliche Komponente war mit dem alten Benzinsystem ausgestattet.

Um eines der überarbeiteten Systeme, in das die Silberpfeile jüngst zwei Token investiert hatten, noch am Samstag und binnen weniger Stunden ans Schwarze Meer zu bekommen, war Niki Lauda gefragt. Der Airline-Besitzer und Flugunternehmer kümmerte sich um einen Jet und wurde fündig. Eine Bombardier Global 6000 - 950 km/h schnell und rund 40 Millionen Euro teuer - wurde gebucht. Eine Assistentin des Technikchefs Paddy Lowe, die Russin ist, kümmerte sich um den Flughafen.

850 Mitarbeiter - und einer mit Russland-Visum im Pass

Ein echtes Schnäppchen: Weil das Flugzeug ohnehin nach Moskau bestellt war, zahlte Mercedes nur eine Strecke an das Charterunternehmen. Dann half Fortuna. Visa für Russland sind nicht ohne Bürokratieparcours zu bekommen und schon gar nicht binnen Minuten an einem Wochenende. Das Einfliegen des Teils musste aber von einem Mercedes-Mitarbeiter beaufsichtigt werden. Ein Angestellter der Fabriken in England war der Heilsbringer - und ganz plötzlich auf dem Weg zum Airport.

In seinem Pass klebte bereits ein entsprechendes Dokument. Zwischenstand im Rennen Mercedes gegen die Zeit am Samstagabend: Flugzeug und Visum organisiert, die Zollschwierigkeiten aber noch nicht. Dass die Einfuhr von Technik nach Russland alles andere als einfach ist, erfuhren in den vergangenen Jahren schon Red Bull und diverse DTM-Teams, die an Grenzen und Flughäfen ihre liebe Mühe hatten. Doch Toto Wolff hatte eine Geheimwaffe: "Bernie hat das Problem mit dem Zoll gelöst", lacht er.

Der Busenfreund des Präsidenten Wladimir Putin ließ sich nicht lange bitten. Schon in Wolffs Presserunde am Samstag klingelte sein Handy, er bat die Journalisten um Verzeihung, weil eine russische Nummer auf dem Display erschien: "Es ist Bernie." Der mit allen Wassern gewaschene Formel-1-Boss macht bekanntermaßen keine halbe Sachen und das Benzinsystem blieb unbehelligt. "Das Flugzeug landete. In 90 Sekunden war die Kiste im Auto und auf dem Weg an die Strecke", berichtet Wolff.

Wie im Kalten Krieg: Ecclestone, Putin und der russischen Zoll

Rollte da etwa der Rubel? "Ich will gar nicht wissen, wie er das gemacht hat", meint Toto Wolff schmunzelnd. Eine Sonderschicht für die Mechaniker und das neue Benzinsystem steckte samt des alten Motors im Auto - fünf Stunden Zeit gab es dafür nach der Öffnung des Parc fermes, in zwei Stunden war die Aufgabe gemeistert und um 12:00 Uhr Ortszeit heulte der V6 wieder. Die Nacht- und Nebelaktion war geglückt, der war Kraftakt beendet und das Auto wie durch ein Wunder wieder einsatzbereit.

"Die Jungs haben knallhart gearbeitet", lobt der Sportchef. "Weil wir den eigentlichen Grund für den Defekt nicht kannten, war es nötig, alles minutiös zusammenzubauen." Geschludert haben die fleißigen Mechaniker bei Mercedes entgegen erster Annahmen übrigens nicht. Das Wasserleck, das Hamilton im Rennen einbremste, hatte nichts mit der Installation unter Zeidruck zu tun. "Das kann ich mir nicht vorstellen", sagt Wolff und geht ins Detail: "Wir haben einen Abfall des Wasserdrucks erkannt, den wir bislang nicht zugeordnet haben und wissen auch nicht, wo er genau hergekommen ist."

In Brixworth wird der defekte Hamilton-Motor jetzt genau untersucht - sorgfältiger als im ersten Versuch, denn die identische Anatomie zum Schaden in China ist alarmierend. Das Aggregat befindet sich übrigens bereits wieder in Großbritannien, wo es noch am Sonntagabend auf deutlich unspektakulärere Weise hingelangte. Es gilt zu klären, wieso gleich zweimal in einer Qualifying-Aufwärmrunde eine Isolierung an einer Spindel des Hybridsystems MGU-H versagte und die MGU-K zum Aussetzen brachte - und zwar nur bei Hamilton. Im Verdacht steht die Elektronik.

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