Adrian Sutil: "Motorsport ist nicht der ehrlichste Sport"

, 19.12.2015

Das Jahr als Williams-Ersatzfahrer war für Sutil "kein verlorenes", trotzdem hätte er sich mehr erhofft und hadert, von Paydrivern ausgebremst zu werden

Er war manchmal an der Strecke, aber nur selten zu sehen: Dass Adrian Sutil im ausgehenden Jahr als Williams-Ersatzfahrer zumindest sporadisch der vierte deutsche Pilot im Formel-1-Paddock war, ging häufig unter. Der Gräfelfinger will zurück in die Startaufstellung und sieht sich nach Alternativen um. Im Interview am Rande des Saisonfinales in Abu Dhabi blickt er mit gemischten Gefühlen auf seine Karriere in der Königsklasse und kommt zu dem Schluss, dass es ehrlichere Sportarten gibt.

Frage: "Adrian, haben wir dich in Abu Dhabi zum letzten Mal als Fahrer im Formel-1-Paddock erlebt?"

Adrian Sutil: "Kann sein, kann aber auch nicht sein. In der Formel 1 ist alles sehr kurzfristig und ich kann nichts ausschließen."

Frage: "Bist du noch mit Teams im Gespräch?"

Sutil: "Natürlich sind viele Plätze bezogen, trotzdem bin ich offen für alle sich bietenden Möglichkeiten. Man muss in der Formel 1 immer sehr spontan sein. Bei ein oder zwei Teams weiß man nicht, was passiert. Ich bin erst 32 Jahre alt, habe genügend Zeit und kann mich auch damit anfreunden, woanders hinzugehen."

Stimmung im Fahrerlager spricht für Langstrecken-WM

Frage: "Kommt eine Rolle als Testfahrer - ein weiteres Übergangsjahr - für dich infrage?"

Sutil: "Übergang? Das müsste schon so sein, dass ich danach sicher einen Platz in einem guten Formel-1-Team habe. Sonst ist es für mich eher nicht interessant. Wenn ich etwas in einer anderen Serie mache, mache ich es voll. Dann würde ich komplett mit der Formel 1 abschließen und sagen: 'Das war's!' Dann hieße es volle Konzentration auf die nächsten Jahre in der anderen Rennserie. Das müsste aber ein gutes Team mit Zukunftsperspektive sein. Und natürlich erfolgreich."

Frage: "Was ist mit der Langstrecken-WM (WEC), von der seit dem Le-Mans-Sieg Nico Hülkenbergs viele schwärmen?"

Sutil: "Von außen sieht sie wie eine sehr gute und erfolgreiche Rennserie aus. Die Autos sind faszinierend und es sind große Werksteams dabei, was sie sehr interessant macht. Davon zu schwärmen ist immer einfach, aber alles hat seine Vor- und seine Nachteile. Le Mans ist ein sehr wichtiges Rennen, das jeder Rennfahrer einmal bestritten haben sollte. Dadurch, dass es sich im WEC-Kalender befindet, wird die Serie nochmals interessanter."

Frage: "Wie gefällt dir die Teamherausforderung? Oder hast du dein Schicksal lieber in der eigenen Hand?"

Sutil: "Das muss nicht sein. Das habe ich bisher mein Leben lang getan. Es ist sicher eine neue und interessante Herausforderung, sich ein Auto mit anderen Top Piloten zu teilen. Es gibt dann einen guten Wettbewerb innerhalb des Teams. Rennfahrer ticken sehr ähnlich, deshalb kann man miteinander viel Spaß haben und gut zusammenarbeiten. Das muss nicht schwierig, sondern kann sogar besser sein."

Frage: "Erkennst du solche Kameradschaft im Formel-1-Paddock?"

Sutil: "Eher nicht. Es ist alles sehr abgeschottet. Man geht immer in das eigene Motorhome und dann in die Box. Man traut sich gar nicht, nach nebenan zu gehen, weil dann wieder etwas geschrieben wird. Die Kameradschaft fehlt ein bisschen. Dabei würde es jeder schön finden, wenn es wieder mehr so wäre wie früher. Was ich von Nico Hülkenberg diesbezüglich gehört habe, klang sehr gut. Er scheint die Zeit in Le Mans genossen zu haben."

Bottas' Rückenprobleme als Grund für Williams-Engagement

Frage: "Was ist mit der DTM?"

Sutil: "Ich schließe nie etwas komplett aus. Ich mag den Rennsport und es ist mein Beruf. Die DTM? Es muss passen. Ich will nicht irgendwo herumfahren, sondern ein gutes Team und Erfolg haben. Das ist das Wichtigste."

Frage: "Wenn du auf 2015 blickst: War es ein verlorenes Jahr, weil du bei Williams keine Rennen gefahren bist?"

Sutil: "Ein verlorenes Jahr war es nicht. Ich habe die Entscheidung getroffen, das zu machen und es war so, wie ich es mir vorgestellt habe."

Frage: "Du warst nur bei den Grands Prix in Übersee vor Ort. Wie nahe warst du am Geschehen dran?"

Sutil: "Ich war dran, aber natürlich ist es nicht so, wie wenn man Stammfahrer ist. Man sitzt mehr herum und hat mehr Zeit, ist aber Teil des Teams und freut sich mit ihm. Ich hatte den Vorteil, dass Williams eine tolle Mannschaft ist, die gut strukturiert ist und bei der alles läuft. Das kann ich von dem vergangenen Jahr nicht unbedingt behaupten. Ich hatte jetzt deutlich mehr Freude."

Frage: "Aber du musst doch gehofft haben, dass sich aus der Sache mehr ergibt..."

Sutil: "Ja, natürlich. Als Ersatzfahrer hofft man, ins Cockpit zu kommen. Aber man will auch nicht, dass ein anderer Pilot einen Unfall hat oder erkrankt. Das wünscht man niemandem. Ich habe nach dem ersten Rennen in Melbourne (als Valtteri Bottas wegen Rückenproblemen ausfiel; Anm. d. Red.) die Chance gesehen, deshalb habe ich es gemacht."

Sutil wird (noch) kein hauptberuflicher TV-Experte

Frage: "Hattest du die Befürchtung, dass du einrostest? Und konntest du es vermeiden?"

Sutil: "Logisch, dass man einrostet, wenn man keine Rennen fährt. Es ist nur die Frage, wie lange man es macht. Umso länger, umso schwieriger wird es, zurückzukommen und wieder auf Zack zu sein. Aber ein Jahr schadet nicht. Heutzutage kann man stundenlang Simulator fahren, was extrem realistisch ist. Ich habe den von Williams mehrmals genutzt, um mich vorzubereiten und aufzufrischen. Aber am Ende ist alles theoretisch und man muss wieder in ein echtes Cockpit einsteigen."

Frage: "Hast du deine Zeiten mit denen von Valtteri Bottas und Felipe Massa verglichen?"

Sutil: "Ja, die Möglichkeit gab es."

Frage: "Hat dir das Ergebnis ein Lächeln auf das Gesicht gezaubert?"

Sutil: (grinst besonders breit) "Ich habe doch immer ein Lächeln auf dem Gesicht!"

Frage: "Ganz besonders bei den Zeiten?"

Sutil: "Auch da habe ich immer lächeln können."

Frage: "Du bist schon als TV-Experte bei 'Sky' und beim 'ORF' im Einsatz gewesen. Hättest du Lust auf mehr?"

Sutil: "Es hat Spaß gemacht, aber ich sehe mich in Zukunft nicht in dieser Rolle - zumindest im Moment."

Im "Sport für Reiche" meistens Außenseiter

Frage: "Sollte es mit der Formel 1 wirklich vorbei sein: Wie blickst du zurück?"

Sutil: "Ich hatte eine schöne Zeit. Besonders mit Force India hat es viel Spaß gemacht und ich habe viel erlebt. Es war sehr intensiv und alles andere als langweilig. Ich habe das Team wachsen sehen. Wir kamen von ganz hinten, waren im Mittelfeld und haben um das Podium gekämpft. Es ist schön zu sehen, dass Force India nach wie vor stark ist."

Frage: "Bei deiner Karriereplanung sind dir immer wieder Paydriver in die Quere gekommen. Akzeptierst du die Gesetzmäßigkeiten oder wurmt dich das?"

Sutil: "Damit muss man klarkommen. Es ist ein Sport für Reiche. Es gibt immer einige Ausnahmen - auch ich komme nicht aus einer besonders reichen Familie. Wir haben seitdem ich angefangen habe hart kämpfen müssen. Ich war eher mit schlechtem Material unterwegs, weil wir es uns mehr einfach nicht leisten konnten. Erst als ich in den professionellen Bereich gekommen bin und ein Management hatte, ging es besser. Schwierig war es trotzdem im Vergleich zu anderen. Wenn man aber hart arbeitet und an sich glaubt, dann schafft man es."

Ein Ball genügt: Fußball ist ein "ehrlicher Sport"

"Wir erleben einige Fahrer, die sehr viel Geld mitbringen - und seit dem ersten Rennen das Gleiche zusammenfahren, aber immer noch da sind. Es wird deutlich, was den Ausschlag gibt. Nur: Das hat es immer gegeben und das wird es immer geben. Für gewisse Teams ist es sehr schwierig, in der Formel 1 Geld zu verdienen. Dem Marketing gelingt es offenbar nicht, eigene Sponsoren zu finden, weshalb der Fahrer die Aufgabe erledigen muss. Es gibt genügend Piloten, die immer wieder Geld mitbringen. Es bleiben Talente auf der Strecke. Trotzdem ist es die WM und man kürt einen Weltmeister. Aber der wirkliche Champion sitzt vielleicht irgendwo und weiß nicht, wie gut er ist."

Frage: "Also ist der Weltmeister nicht zwangsläufig der beste Fahrer?"

Sutil: "Diese Frage wird häufig gestellt und man kann sie nicht beantworten. In der Formel 1 messen sich 20 sehr gute Fahrer, aber es ist offensichtlich, dass ein Team dominant ist. Die Truppe hat zwei Piloten mit einem Gegner: der Teamkollege. Die Frage ist, wie man in so eine Position kommt. Man muss sich über Jahre hinweg durchsetzen, die richtigen Entscheidungen treffen und Rennen in anderen Serien gewinnen. Dann kommt man in den Genuss, die Topautos zu fahren. Aber wenn alles eine andere Struktur hätte und nicht so teuer wäre, wäre das Feld viel dichter. Vielleicht würden 50 Autos fahren? So ist es beim Fußball. Da ist ein ehrlicher Sport. Dafür braucht man nur einen Ball."

Frage: "Motorsport ist also kein ehrlicher Sport?"

Sutil: "Nicht der ehrlichste Sport, würde ich behaupten. Ohne ein Topauto ist auch der beste Fahrer verloren."

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