Alonso-Unfall: "Vor 20 Jahren hätte er nicht überlebt"

, 22.03.2016

Ex-FIA-Präsident Max Mosley hebt die Sicherheitsmaßnahmen in der Formel 1 hervor: "Und jetzt muss 'Halo' kommen" - Helmut Marko fordert die Red-Bull-Variante

Der schwere Unfall von Fernando Alonso beim Formel-1-Auftakt 2016 in Australien wirkt immer noch nach. Der Spanier, der sich bei dem Abflug in Kurve drei in Melbourne einzig leichte Prellungen an den Knien zugezogen hatte, lobte sofort nach dem Zwischenfall die Sicherheitsmaßnahmen der FIA. Mit seinen Aussagen erntete Alonso viel Zustimmung. "Es ist ein Beweis, wie sicher diese Monocoques sind", sagt Red-Bull-Motorsportchef Helmut Marko bei 'ServusTV'.

"Er ist fast ungebremst in diesen Wall geknallt. Es hat einige Zeit gedauert, bis Alonso zu sehen war. Da hat man die schlimmsten Befürchtungen gehabt", schildert der Österreicher. Bei dem Einschlag in die Streckenbegrenzungen haben Kräfte von 46g auf den Mclaren gewirkt. "Das hatte er vor gut 20 Jahren nicht überlebt", meint Ex-FIA-Präsident Max Mosley in der britischen 'Times'. "Genau kann man es erst nach einer Analyse sagen, aber normalerweise hätte ein solcher Unfall schwere Verletzungen oder den Tod verursacht."

"Es gibt immer noch solche ungewöhnlichen Unfälle wie im Falle von Jules Bianchi, aber bei gängigen Rennunfällen erwartet man heutzutage, dass der Pilot einfach aussteigt", erklärt Mosley. "Das wäre vor 20 Jahren nicht so gewesen. Es ist Sid Watkins und seiner Gruppe von sehr kompetenten Leuten sowie auch den Teams selbst zu verdanken. Man hat nach dem Senna-Unfall damit angefangen, diese Situationen wissenschaftlich zu analysieren. Das macht den Unterschied."

Sid Watkins die Dank: Sicherheit in den Renncockpits

Der ehemalige Formel-1-Rennarzt Sid Watkins, der mit Formel-1-Legende Ayrton Senna eng vertraut war, hatte sich nach dem tödlichen Unfall des Brasilianers am 1. Mai 1994 in Imola für eine Verbesserung der Sicherheit stark gemacht. Eine Expertenkommission machte entsprechende Vorschläge, die FIA setzte diese unter Leitung von Mosley anschließend in veränderten Regeln um. "Wir haben hart gearbeitet. Es ist befriedigend, wenn man dann die Ergebnisse sieht. Es ist toll, dass Fernando dort heil herausgekommen ist", so der Brite.

"Ich bin ein großer Befürworter des 'Halo'-Systems. Das ist etwas, was aus meiner Sicht nun kommen muss", erklärt Mosley. Nach dem Alonso-Unfall hat eine Diskussion über den geplanten Cockpitschutz begonnen. Die große Frage: Hätte 'Halo' den Spanier am Verlassen des McLaren-Honda-Wracks gehindert? "In dem Fall, dass Alonso verletzt gewesen wäre, er sich nicht selbst abschnallen und befreien könnte und das Auto womöglich noch Feuer gefangen hätte, wäre das 'Halo'-System sicher von Nachteil gewesen", meint Helmut Marko.

"Deswegen haben wir - allerdings auch aus ästhetischen Gründen - ein anderes Konzept entwickelt, das ähnlichen Schutz bietet, aber die DNA der Formel 1 nicht komplett zerstört", stellt der Österreicher dar. Red Bull hatte als Alternative zu 'Halo' eine Schutzscheibe gezeigt. "Hier ist der einzige Nachteil: Es ist eine Folie vor diesem Schild. Wenn jemand Öl verliert oder sonst irgendwie Schmutz dort drauf kommt, muss man halt an die Box. Dann muss man den Streifen herunterreißen", sagt Marko.

Wie lange dauert die Einführung eines Cockpitschutzes?

"Irgendeine Lösung wird man letztlich schon finden", meint Mosley. Marko hat jedoch Zweifel an einer schnellen Einführung eines Cockpitschutzes. "Wie derzeit üblich in der Formel 1 wird diskutiert, es gibt Arbeitsgruppen und dergleichen", beschreibt er den umständlichen Weg zu neuen Maßnahmen. "Ich schätze aber, dass eines der beiden Systeme kommen wird. Momentan sind wegen der Ästhetik die meisten Leute auf unserer Seite."

"Man muss sich auch vorstellen, dass man es nicht nur in der Formel 1, sondern bis hinunter in die Nachwuchsklassen machen muss. Dort gibt es nicht diesen Schutz und die Organisation, wie es bei der Formel 1 der Fall ist", sagt der Red-Bull-Konsulent. "Da ist unsere Lösung kostengünstiger und sicherer, denn man kann im Fall eines Unfalls selbst heraus. Bei 'Halo' kann seitlich immer noch etwas eindringen. Bei Massa damals hätte es die Folgen keinesfalls verhindert."

FIA-Rennleiter Charlie Whiting meint, dass das von Ferrari bei den Barcelona-Probefahrten getestete 'Halo'-Systems ein sicherer Schutz gegen umherfliegende Räder darstellt. "Aber wir müssen auch die Risiken abschätzen", so der Brite. "Zum Beispiel wenn es um die Bergung von Piloten geht. Da müssen wir auch mit den Medizinern sprechen. Wir haben eine Arbeitsgruppe um Ferrari und Mercedes. Zudem ist das Red-Bull-System eine Alternative."

Der Vorschlag der Bullen sei bislang in der Erprobung kaum fortgeschritten, könne aber "vielleicht sogar noch mehr Schutz" bieten. "Ich bezweifele, dass es schon zur Saison 2017 eingeführt werden könnte, 'Halo' hingegen aber schon." Man dürfe die Einführung eines Systems nicht verschieben, nur weil es neue Ansätze oder Ideen gebe. 'Halo' biete den bisher besten Rundumschutz, wenngleich man verschiedene Unfallszenarien zunächst noch simulieren sollte.

FIA führt gemeinsam mit Ferrari und Mercedes weitere Tests durch

"Wir müssen sicherstellen, dass es die Situation unter gewissen Umständen nicht verschlimmert", sagt Whiting. Als Beispiel nennt der FIA-Rennleiter die Diskussion um hohe und tiefe Nasen in der Formel 1. Die tiefe Variante bringe die Gefahr, dass sich ein Auto unter ein anderes schieben könnte. "Aber die Analyse hat gezeigt, dass ein Kontakt von hoher Nase mit Rädern viel gefährlicher ist und häufiger vorkommt. Da muss man halt eine Risikobewertung machen. 'Halo' ist allerdings komplexer als dieses Beispiel."

In Zusammenhang mit der Abschätzung von potenziellen Gefahren wird man sich laut Whiting auch mit der Frage beschäftigen, ob ein von 'Halo' abgepralltes Rad möglicherweise anschließend Zuschauer gefährden könnte. Auch das schnelle Entkommen aus einem Wrack sei ein Diskussionspunkt. "Wir werden es bestimmt einführen, selbst wenn der Fahrer dann ein paar Sekunden mehr zum Herausklettern benötigt. Bei einem Test hat sich aber gezeigt, dass sich ein Pilot wunderbar an dieser Konstruktion hochziehen konnte. Es ging sogar schneller. Und es sah ganz einfach aus."

Ende Mai soll ein endgültiges Konzept auf dem Tisch liegen, sodass sich die Teams bei der weiteren Planung der 2017er-Autos auch über die aerodynamischen Auswirkungen eines solchen Systems Gedanken machen können. "Das ist die Zukunft der Formel 1, denn wir können uns keine schweren Verletzungen oder tödlichen Unfälle mehr leisten, wie wir sie leider in den letzten fünf Jahren hatten", sagt Unfallopfer Alonso. "Deswegen müssen solche Sicherheitsvorkehrungen in der Formel 1 kommen."

Der Spanier spricht stellvertretend für viele seiner Kollegen, nicht aber für die gesamte Szene. "Wer Angst hat, soll halt Tourenwagen fahren", argumentiert Ex-Formel-1-Weltmeister Jacques Villeneuve in der Zeitung 'Le Figaro'. Der Kanadier meint: "Wir müssen für Sicherheit sorgen, dürfen es aber nicht übertreiben. Das Risiko gehört zur Formel 1. Es macht ein Teil der Schönheit dieses Sports aus. 'Halo' geht für mich zu weit. Wollen Motorradfahrer in einer Sicherheitsblase fahren? Nein. Deswegen werden sie derart respektiert."

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