Bottas' Revanche: Finnisch Roulette ohne böses Blut

, 02.11.2015

Wieder einmal krachte es zwischen Räikkönen und Bottas, diesmal mit umgekehrtem Ergebnis - Doch beide Finnen bleiben nach der Kollision ganz entspannt

Publikumswirksam mitten in der großen Zuschauerzone am hinteren Ende der Strecke bekam Valtteri Bottas seine Revanche für Sotschi. In der 26. Runde des Großen Preises von Mexiko 2015 im Autodromo Hermanos Rodriguez trafen die beiden Finnen wieder aufeinander. Kimi Räikkönen, der vom vorletzten Startplatz aus sind Rennen gestartet war, fuhr auf alten Reifen vor Valtteri Bottas, der von seinem frühen ersten Boxenstopp kommende sich wieder durchs Feld fuhr. Dieser griff an und es kam zur Kollision.

Für Räikkönen war das Rennen sofort vorbei, Bottas fuhr weiter und holte noch Rang drei im Rennen. Doch wer nun einen finnischen Schlagabtausch durch alle Medien erwartet, wird enttäuscht. Sowohl Räikkönen als auch Bottas bleiben absolut geassen. Für beide Beteiligten gibt es trotz der zweiten Kollision in drei Rennen nicht einmal Gesprächsbedarf. Nur eine kleine Meinungsverschiedenheit bei der Frage, ob Räikkönen zu wenig Raum gelassen habe, besteht.

Das Unheil begann mit einer DRS-Attacke von Bottas auf dem Weg zu Kurve vier. Räikkönen ging auf die Kampflinie, Bottas blieb nur der lange Weg. Doch der Williams-Pilot hielt außen herum gegen, weil ihm dies die Innenbahn für Kurve fünf zusicherte, die sich unmittelbar anschließt. Räikkönen drängte ihn zunächst weit nach rechts rüber und lenkte dann in die Rechtskurve ein, obwohl Bottas noch da war. Der linke Vorderreifen des Williams verkeilte sich mit dem rechten Hinterreifen des Ferrari, Räikkönen flog unter dem Gejohle Zehntausender Zuschauer in hohem Bogen mit gebrochener Aufhängung ab.

Revanche oder nicht?

Die Kollision erhält zusätzlichen Sprengstoff, da die beiden Finnen schon einmal zusammengeprallt waren: Beim Großen Preis von Russland attackierte Kimi Räikkönen in der letzten Runde Bottas mit einem zu optimistischen Manöver auf der Innenbahn. Räikkönen erhielt damals eine Zeitstrafe, die ihn vom dritten auf den achten Platz zurückwarf. Beim erneuten Aufeinandertreffen differieren Einschätzungen von Experten: "Das nennt man Payback", kommentiert David Coulthard bei 'BBC' den Vorfall.

Andere Experten sehen die Schuld eher abermals bei Räikkönen. Die Argumentation in diesem Fall: Der ältere der beiden Finnen habe eine Linie für sich beansprucht, die Bottas schon besetzt hielt. Der überwiegende Tenor ist jedoch: Rennunfall. So sahen es auch die Rennkommissare, die anders als in Russland keine Strafen verhingen.

"So spielt das Leben. Das ist Racing. Ich hatte eine Berührung, verlor einen Reifen und bin ausgefallen", kommentiert Kimi Räikkönen den Vorfall in seiner gewohnt ruhigen Art. Zwar könne er sich durchaus vorstellen, dass Bottas sich nach der zweiten Kollision in drei Rennen jetzt besser fühle, doch insgesamt wolle er sich auf eine Diskussion über die Schuldfrage gar nicht erst einlassen: "Wenn man zehn verschiedene Leute befragt, denkt jeder anders darüber. Es hilft keinem von uns weiter, wenn wir uns jetzt in Details hineinsteigern."

Bottas kritisiert: Nicht genug Raum gelassen

Valtteri Bottas geht ebenfalls nicht mit dem Kriegsbeil auf seinen Landsmann los, an eine Revanche dachte er zu keiner Sekunde. Viel mehr hält er es für eine unglückliche Begebenheit, dass es wieder zur innerskandinavischen Kollision gekommen ist. "Es ist nichts persönliches, sondern einfach unglücklich, dass es uns beide wieder erwischt hat. Um ehrlich zu sein, es hätte nicht so enden müssen", sagt der 26-Jährige.

Lediglich mit dem Abdrängen durch Räikkönen sieht sich Bottas nicht ganz einverstanden. "Was ich gewohnt bin, ist, dass wenn man in eine Schikane reinfährt, genug Platz für zwei Fahrzeuge da ist, speziell, wenn beide wissen, wo der andere ist", lautet seine unterschwellige Kritik. Bottas befand sich notgedrungen mit zwei Reifen außerhalb der Strecke vor der Rechtskurve.

"Natürlich stecke ich da nicht zurück, ich kämpfe um Positionen", fügt er hinzu. "Ich sah eine gute Möglichkeit und dachte, dass wir beide durch die Kurve durchkommen würden, aber es endete eben so. Wir waren Seite an Seite in Kurve vier, er musste mich einfach sehen." In der anschließenden Rechtskurve sei einfach kein Raum da gewesen. "Ich war innen und wir haben uns berührt. Ich kann halt nicht fliegen, ich wusste nicht wohin", konkludiert Bottas.

Räikkönen rechtfertigt sich

Dem kann sich Räikkönen nicht anschließen. "Ich bin schon innen über den Randstein gefahren", rechtfertigt er sich gegen die Vorwürfe, er habe nicht genügend Platz gelassen. Er sieht einen möglichen Grund bei den Bedingungen: "Es ist eben ziemlich rutschig, er hat ja auch die Reifen blockiert. Es gab nicht viel Raum, aber wenn man über den Randstein innen fährt, kann man nicht mehr tun. Es war eine Rennsituation, es ist passiert, wir können es nicht mehr rückgängig machen." Durch die rutschige Strecke slidete der Ferrari leicht nach rechts, was Bottas mit zwei Rädern in die asphaltierte Auslaufzone drückte.

Selbst der feurige Italiener Maurizio Arrivabene bleibt auf die Kollision angesprochen ganz locker. "Das wichtigste ist, dass niemand sich verletzt hat", lobt der Ferrari-Teamchef die Sicherheit der modernen Formel 1 an einem Wochenende, das für Ferrari katastrophal verlief. "Ansonsten ist es halt Teil der Show, ich will hier niemanden beschuldigen", fügt er hinzu. Allerdings ist er der Meinung, dass man auch den Vorfall der beiden Finnen in Sotschi als Rennunfall hätte werten sollen.

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